Josef Butke

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Einladung:

Ach – komm doch vorbei – bei uns ist immer jemand da. Falls die Hoftür geschlossen ist, sind wir zubeiden im Bett. Du gehst ums Haus herum und klopfst, rufst leise, dann lauter – noch lauter und klopfst.
Die Nachbarn schaun dir zu. Sie sitzen hinter den Scheiben im Warmen und schauen dir zu. Jetzt hör’n sie dich auch. Sie zeigen mit den Fingern auf dich und winken und deuten. Sie sind interessiert.
Doch du bemerkst nicht, was in deinem Rücken geschieht. Bis die Haustür knarrt. Du drehst dich herum, weg von dem verhangenen Fenster, hinter dem du doch irgendwas spürtest.
Die sind nich da, sagt der Nachbar

Und du gehst – etwas verwirrt – rückwärts in den Schneehaufen und setzt dich rein. Der Schneehaufen ist auf der Grundstücksgrenze zusammengeschoben. Doch der Nachbart ist nett. –
Die Haustür ist da rum, sagt er.
Er zeigt in die Richtung, aus der du kamst .
Aber da gibt’s noch mehr Tür’n, sagt er, so wie bei uns, fügt er hinzu. Und du bedankst dich mit dem artigen Lächeln, welches für solche Begegnungen angebracht ist, rappelst dich auf und stapfst zur Hausecke zurück.

Ach ja – wir haben Türe für kalte Tage und Fenster für die warmen und Fenster für die kalten Tage und Türen für die warmen. Wenn der Nachbar das wüsste, würde er sagen: wir auch!
So ist das bei uns. Das ist nicht so anonym wie in der Stadt. Das weißt du schon, während du noch einmal zaghaft an Türen und Fenster klopfst. Du resignierst und bist enttäuscht – schade – und auch etwas erleichtert. Na dann fahr ich zum Streets – denkst du – dem wollt ich schon lange aufen Busch klopfen – denkst du – na dann.
Aufgemuntert und etwas wütend stößt du den Fuß gegen einen Holzständer im Weg – au schreist du. Ein Iltis springt im hohen Bogen vom Zwischendach der Garage. Mit zwei Sätzen überquert er den Hof und fegt eine schneestaubige Wolke durchs Gebüsch, hinter dem er verschwindet. Ein Zaunkönig hüpft erschreckt aus dem Loch in der Bretterwand, einen dicken Holzbock im Schnabel....vielleicht wär ich doch besser mit nach Italien, denkt er vielleicht, aber dafür bin ich zu alt, weiß er – dieser Winter ist auch seiner – weiß er....
Du stellst deinen schmerzenden Fuß auf die Stoßstange des Autos und hältst ihn und reibst ihn. Das Auto steht in der nach zwei Seiten offenen Garage. Es ist meins. Und der Ständer, der das Dach mitstützt, ist viel härter als dein Fuß, hast du gemerkt. Und das Auto, auf dessen hinterer Stoßstange dein Fuß ruht, sagt dir: wir sind doch hier.
Ihr seid doch da, schreist du über den Hof.
Die sind doch hier, schreit der Nachbar von der Rückseite des Hauses. Der nämlich pisst in den runden Abdruck im Schnee, den dein Hintern hinterließ, eine feine gelbe Spur, die in einer fast ordentlichen Spirale in den Mittelpunkt tropft – noch ein Schlenker – fertig. Dabei schaut er sinnig-blöd langsam zum Fenster unseres Hauses auf und sieht eine leichte Bewegung darin – oder nicht?

Oder war’s nur ’ne Katze?. Grummelt der Nachbar halblaut zum Fenster hin und macht seien Hose zu.
Und du, der du Hoffnung schöpfst – doch nicht zum Streets....vielleicht morgen oder später....

Erleichterung und Bedauern und Enttäuschung und Freude – alles in Hoffnung – stapfst zum anderen Ende zurück und der Nachbar ruft dir entgegen:

War nur ’ne Katze!
Du drehst dich ruckartig um und rutscht in deiner eigenen Spur zu Boden – oouh – schreist du diesmal.
Doch richtig weh tut’s erst, als du aufzustehen versuchst. Nicht, dass etwas gebrochen ist, nein, vielleicht nur ein wenig dein Rückenwirbel verrutscht – der Nerz eingeklemmt usw. Jedenfalls – du bist geliefert – so scheint’s.

Hallo – schreist du über die Schulter zum Nachbar. Doch der hat nicht nur die Hose schon zu, sondern auch schon die Haustür hinter sich zugeschlagen und sagt gerade drinnen:
Keiner da bei Dingsen äh – was ist das kalt draußen – sieht aber nach Schnee aus – trotzdem. Er setzt sich in den Sessel, vor dem eine Glotze flimmert, halbiert das Bier aus der Flasche und taucht ins Programm zurück. Die Frau, die aus ihrem Sessel aufsteht, zum Fenster geht, schaut einen kurzen Blick hinaus, eh sie die Rollläden runterlässt.

Schneit schon wieder, sagt sie und setzt sich zurück in den Sessel und nun denken beide nicht mehr. Und schon gar nicht an dich.
Du sitzt im Schnee und hältst Ausschau nach was, wohin du dich wälzen, rollen, wohin du kriechen kannst. Woran du dich hochziehen kannst.

Hilfää, schreist du. Doch dein Schrei fällt im dichten Vorhang des Schnees zusammen. Und du selbst bist bald ein blaugrauer Haufen, ein törichtes Ende, auf dem die Nacht glitzert. Der Mond ist schon auf. Er ist voll, doch die dicke Decke zwischen ihm und dir schluckt sein Licht. Du ziehst dich in den schwarzen Schatten der Haustür und an ihr hoch – au oh ja – zum Auto - du schaffst es ja du wirst kein Haufen, nein – noch zehn Schritt, da muss es sein – da ist es, da ist es – endlich – oh - die Schlüssel, der Schlüssel ja - ach - plumpst du in den Sitz. Aah, verziehst du den Mund vor Schmerz und drehst den Zündschlüssel - pot-pot-pot - brumm brumm - ja, wir sind da...und du weißt nicht, wie du jemals wieder aussteigen kannst. Egal - erst mal fahren, fahren, fahren - erst mal fahren....

Und die Frau in unserm Haus, die beste, die ich kenne, öffnet die Haustür ein wenig und sagt : da war doch was - sieht aber nichts, kein Wunder, schließt die Tür und kommt zurück zu mir. Ich döse in einen schönen Traum hinein, in einen hellblauen Winter mit weißen Streifen. Der Buntspecht rattert im Geäst der toten Eiche tok tok tok – tok tok tok. Ein Rotkehlchen schaut dem Treiben der Spatzen zu - fuit fuit fuit - . ein Sperber saust durchs Gebüsch und im Dachfirst werden gerade neue Käuzchen gemacht.
So ist das bei uns - komm mal vorbei....

 

© Josef Butke  │ Webdesigner: Michael Janik