Einladung:

Ach – komm doch vorbei – bei uns ist
immer jemand da. Falls die Hoftür
geschlossen ist, sind wir zubeiden im Bett.
Du gehst ums Haus herum und klopfst, rufst
leise, dann lauter – noch lauter und
klopfst.
Die Nachbarn schaun dir zu. Sie sitzen
hinter den Scheiben im Warmen und schauen
dir zu. Jetzt hör’n sie dich auch. Sie
zeigen mit den Fingern auf dich und winken
und deuten. Sie sind interessiert.
Doch du bemerkst nicht, was in deinem Rücken
geschieht. Bis die Haustür knarrt. Du drehst
dich herum, weg von dem verhangenen Fenster,
hinter dem du doch irgendwas spürtest.
Die sind nich da, sagt der Nachbar
Und du gehst – etwas verwirrt – rückwärts
in den Schneehaufen und setzt dich rein. Der
Schneehaufen ist auf der Grundstücksgrenze
zusammengeschoben. Doch der Nachbart ist
nett. –
Die Haustür ist da rum, sagt er.
Er zeigt in die Richtung, aus der du kamst .
Aber da gibt’s noch mehr Tür’n, sagt er, so
wie bei uns, fügt er hinzu. Und du bedankst
dich mit dem artigen Lächeln, welches für
solche Begegnungen angebracht ist, rappelst
dich auf und stapfst zur Hausecke zurück.
Ach ja – wir haben Türe für kalte Tage
und Fenster für die warmen und Fenster für
die kalten Tage und Türen für die warmen.
Wenn der Nachbar das wüsste, würde er sagen:
wir auch!
So ist das bei uns. Das ist nicht so anonym
wie in der Stadt. Das weißt du schon,
während du noch einmal zaghaft an Türen und
Fenster klopfst. Du resignierst und bist
enttäuscht – schade – und auch etwas
erleichtert. Na dann fahr ich zum Streets –
denkst du – dem wollt ich schon lange aufen
Busch klopfen – denkst du – na dann.
Aufgemuntert und etwas wütend stößt du den
Fuß gegen einen Holzständer im Weg – au
schreist du. Ein Iltis springt im hohen
Bogen vom Zwischendach der Garage. Mit zwei
Sätzen überquert er den Hof und fegt eine
schneestaubige Wolke durchs Gebüsch, hinter
dem er verschwindet. Ein Zaunkönig hüpft
erschreckt aus dem Loch in der Bretterwand,
einen dicken Holzbock im
Schnabel....vielleicht wär ich doch besser
mit nach Italien, denkt er vielleicht, aber
dafür bin ich zu alt, weiß er – dieser
Winter ist auch seiner – weiß er....
Du stellst deinen schmerzenden Fuß auf die
Stoßstange des Autos und hältst ihn und
reibst ihn. Das Auto steht in der nach zwei
Seiten offenen Garage. Es ist meins. Und der
Ständer, der das Dach mitstützt, ist viel
härter als dein Fuß, hast du gemerkt. Und
das Auto, auf dessen hinterer Stoßstange
dein Fuß ruht, sagt dir: wir sind doch hier.
Ihr seid doch da, schreist du über den Hof.
Die sind doch hier, schreit der Nachbar von
der Rückseite des Hauses. Der nämlich pisst
in den runden Abdruck im Schnee, den dein
Hintern hinterließ, eine feine gelbe Spur,
die in einer fast ordentlichen Spirale in
den Mittelpunkt tropft – noch ein Schlenker
– fertig. Dabei schaut er sinnig-blöd
langsam zum Fenster unseres Hauses auf und
sieht eine leichte Bewegung darin – oder
nicht?
Oder war’s nur ’ne Katze?. Grummelt der
Nachbar halblaut zum Fenster hin und macht
seien Hose zu.
Und du, der du Hoffnung schöpfst – doch
nicht zum Streets....vielleicht morgen oder
später....
Erleichterung und Bedauern und
Enttäuschung und Freude – alles in Hoffnung
– stapfst zum anderen Ende zurück und der
Nachbar ruft dir entgegen:
War nur ’ne Katze!
Du drehst dich ruckartig um und rutscht in
deiner eigenen Spur zu Boden – oouh –
schreist du diesmal.
Doch richtig weh tut’s erst, als du
aufzustehen versuchst. Nicht, dass etwas
gebrochen ist, nein, vielleicht nur ein
wenig dein Rückenwirbel verrutscht – der
Nerz eingeklemmt usw. Jedenfalls – du bist
geliefert – so scheint’s.
Hallo – schreist du über die Schulter zum
Nachbar. Doch der hat nicht nur die Hose
schon zu, sondern auch schon die Haustür
hinter sich zugeschlagen und sagt gerade
drinnen:
Keiner da bei Dingsen äh – was ist das kalt
draußen – sieht aber nach Schnee aus –
trotzdem. Er setzt sich in den Sessel, vor
dem eine Glotze flimmert, halbiert das Bier
aus der Flasche und taucht ins Programm
zurück. Die Frau, die aus ihrem Sessel
aufsteht, zum Fenster geht, schaut einen
kurzen Blick hinaus, eh sie die Rollläden
runterlässt.
Schneit schon wieder, sagt sie und setzt
sich zurück in den Sessel und nun denken
beide nicht mehr. Und schon gar nicht an
dich.
Du sitzt im Schnee und hältst Ausschau nach
was, wohin du dich wälzen, rollen, wohin du
kriechen kannst. Woran du dich hochziehen
kannst.
Hilfää, schreist du. Doch dein Schrei
fällt im dichten Vorhang des Schnees
zusammen. Und du selbst bist bald ein
blaugrauer Haufen, ein törichtes Ende, auf
dem die Nacht glitzert. Der Mond ist schon
auf. Er ist voll, doch die dicke Decke
zwischen ihm und dir schluckt sein Licht. Du
ziehst dich in den schwarzen Schatten der
Haustür und an ihr hoch – au oh ja – zum
Auto - du schaffst es ja du wirst kein
Haufen, nein – noch zehn Schritt, da muss es
sein – da ist es, da ist es – endlich – oh -
die Schlüssel, der Schlüssel ja - ach -
plumpst du in den Sitz. Aah, verziehst du
den Mund vor Schmerz und drehst den
Zündschlüssel - pot-pot-pot - brumm brumm -
ja, wir sind da...und du weißt nicht, wie du
jemals wieder aussteigen kannst. Egal - erst
mal fahren, fahren, fahren - erst mal
fahren....
Und die Frau in unserm Haus, die beste,
die ich kenne, öffnet die Haustür ein wenig
und sagt : da war doch was - sieht aber
nichts, kein Wunder, schließt die Tür und
kommt zurück zu mir. Ich döse in einen
schönen Traum hinein, in einen hellblauen
Winter mit weißen Streifen. Der Buntspecht
rattert im Geäst der toten Eiche tok tok tok
– tok tok tok. Ein Rotkehlchen schaut dem
Treiben der Spatzen zu - fuit fuit fuit - .
ein Sperber saust durchs Gebüsch und im
Dachfirst werden gerade neue Käuzchen
gemacht.
So ist das bei uns - komm mal vorbei....
|