Josef Butke

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Der Gang zum Selbstauslöser:

Ich hab ihn gewarnt. Ich hab ihm gesagt, er soll nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun . Warum nicht ?, fragt er mich blöde. Weil du nicht Isadora Duncan bist, hab ich ihm gesagt. Was sollte ich ihm denn sonst sagen? Was jeder weiß , kennen doch alle . Aber – er wollte nun mal so wie´s kommt. Und was kommt schon bei Grobheiten raus außer Narben ?, Ertüchtigung ?
Er besaß diese Maschinerie, die übliche, nehm ich an, die die den Level hält. Wenn da was nicht lief, puffte er aus allen Rohren. Schrecklich. Er lief rot an und hielt Brandreden, als säße schon auf der Abschusspiste. Den steifsten Hit im Hals wie ’n Sprengkopf : Nieder mit den Seiten !
Doch wir wolln der Geschichte nicht vorgreifen .Ihre Quellen sprudeln unaufhörlich und haben schon mehr mit sich gerissen, als wir vertragen können . Es reicht, dass ich beginne – etwa hier :

Juno tastete mit zarten Fingern in den Mai, um ihn zu streicheln. Über die runden Backen des Erdballs hob sich der Morgen wie goldener Regen aus einer Traufe. Der Mond hing noch voll und blass am westlichen Himmel. In einem Streifen Zwielicht sprangen die Fische. Der Kanal schwappte zufrieden in der aufkommenden Wärme. Im Generalkonzert der Vögel brummte ein ferner Hubschrauber . Mistkäfer schillerten im Tau. Zwischen Gräsern und Zweigen verbanden sich die Lichter zu Spinnweben (gleich wird der erste Falter dran kleben) . Fleißig so früh am Morgen pochte ein Specht sein Frühstück zusammen. An einer großen Pappel lag ein roter Schuh. Darinnen verbarg sich eine Maus. Sie zitterte. Sie hatte die Nacht überlebt. Der Igel schlief schon. Die Sonne stieg. Der kleine Wald schmolz mit seinem Schatten. Und hinter ihm, mit den Schneisen der Gärten, reckte sich behaglich die Stadt.
Inmitten großer Haufen geordneten Lebens hockte ein ärmliches Hinterhaus, das erst wach wurd, als alle schon auf waren. So war das immer. Ein Strahl fiel über ein Dach, dann noch einer und noch einer und mehr und fast alle strahlten in ein offenes Fenster auf ein Bett, auf einen nackten Arm, auf eine Faust, die sich langsam öffnete, auf ein Gesicht mit geschlossenen Augen, die sich langsam öffneten, als mein Schatten darauf fiel. Und der Mund mit den vollen Lippen, sinnlich trunken, riss auf und gähnte : Was willst du schon wieder, sagte der Mund und gähnte, kann ich niemals ausschlafen ? Er verschluckte sich etwas

Weißt du Ruus, sprach ich durchs Fenster. Ich stützte mich mit den Ellbogen aufs Fensterbrett. Ich faltete die Hände. Weißt du Ruus, dass zwischen Gestern und Morgen nicht ein einziger Tag liegt ?

Er hob den linken Arm und ließ ihn fallen
Ich war nur nicht dabei.

Weil nämlich der .... der Mittag mit dem Spätnachmittag an die Bauchdecke klopft.

Schenk mir zum Frühstück eine Rose, murmelte Ruus

Komm raus, Ruus, in sechzig Minuten wird präsentiert und zwar alles

-----------?

Die Willi-Melodie, die Jon-Schrägen, die Luisen-Strapsen.....

Die Morgenstunden flattern um den Kelch so weich, flüsterte Ruus

--------?

Die Sonne ruht schon aus im Teich, brummelte er

Hör zu, du wohnst zwar inner Geröllhalde, aber bei Teil zwei der Strophe ist der Batzen fällig, in – fünfundfünfzig Minuten ! Fahrtzeit zwanzig, Aufbau zwanzig, macht vierzig, macht fünfundvierzig, wenn ich fertig bin. Aufstehen, Waschen, Anziehen macht fünf, macht fünfzig. Essen, Packen,, Gang zum Auto macht zehn – Präses verschoben, Fahrtzeit nicht mitgerechnet.

Reich mir zum Tageslicht die Hose, bat Ruus. Ich sprang durchs Fenster und half ihm.

Der schrille Traum ist lange schon verdaut, flüsterte er.
Ich reichte ihm Hemd und Hose. Ich reichte ihm Socken, Schuh, Bananen, Wasser, Joghurt, Löffel, Tuch. Er lag immer noch. Er erhob sich leicht und blickte verstört um sich.
Die Schweinchen sind schon unverdaut versaut, brach es aus ihm raus.
Er kotzte auf meine Hand, sein Hemd usw.

Dennoch, wir schafften es. Ruus trank Branntwein, sein Herzschrittmacher pulste. Das Studio qualmte. Der Mann hinter der Glasscheibe drückte zum 30. Male Aufnahmeknöpfe – Achtung – den Sound rein – den Sound
rein – was ist denn mit dem Text – den Text – verdammt, wo ist der Groove im Beat....?
Noch mal, noch mal, noch mal....
Was bei den beschissenen drei Stunden reinkam, war ein Haufen übern Haufen geschmissener Spontaneitäten. Erstaunlich, dass eine halbe CD mit echter Qualität draus wurde – heiligste Tüte noch mal....
Was echte Profis davon halten mögen, muss in den Sternen bleiben. Der Studioleiter kassierte. Ich könnt den Talk einmischen, sagte er, dann wird’s ganz.
Okay – mal hören, mal sehen, sagten wir. Wir hatten drei Kannen Kaffee auf. Wir aßen >Pizza verloren<, eine Neuschöpfung von Luis, Ristorantero am Leihort. Klein und teuer. Wir aßen, wir tranken. Dann fing der Ärger an. Ruus kotzte in seinen Instrumentensack. Rot vor Anstrengung und blau vor Ärger brüllte er : Sabotage !
Er behauptete, dass seine Pizza eine Färbung hatte im Geschmack – wie der Betonsockel, auf dem der Laternenpfahl steht – hier gleich gegenüber.
Ich weiß, wovon ich spreche, brüllte er. Ich bin mal um ihn eingeschlafen – gestern noch. Der ist hundemarkant.
Willste probieren ?

Wir schleppten Ruus raus. Wussten wir doch, dass bei seinem Wandel alle Sperenzes mitwandelten.

Ich geh ihn anzeigen, den Kerl, verabschiedete er sich, da is was nich koscher, schrie er.
Aber Ruus, rief ich ihm nach, was willst du beweisen – und womit ? Doch er brummelte abgewandt, hob nur leicht den Arm, wie er’s immer macht, wenn er was abschließen will. Wir gingen, wir besprachen, warum und wie lange noch Ruus für uns tragbar sein konnte.

Der ist von sich aus Sau, meinte Willi
Ach was, das kriegen wir schon, meinte Jon
Vielleicht ist er arm dran, mutmaßte Luise
Sein Cholesterinspiegel ist zu hoch, dachte ich mit
Mein Toleranzspiegel ist unten, sagte Willi, er hat drei Einspielungen versaut, schimpfte er
Lassen wir ihm noch etwas Zeit, schlug Jon vor. Er hasste es, Entscheidungen zu treffen, wenn alle noch mitten drin waren.
Außerdem war sein Solo nicht schlecht, warf Luise ein
Recht hat sie, unterstrich Jon, die Percussions war’n traumhaft
Aber wo ist der Text geblieben, schimpfte Willi. Er wollt es gern komplett, sie hatten schließlich nicht alle Zeit der Vergebung.
Da war doch nix, schimpfte er, das Geschleif zwischendurch war ’n Höhenzug im Nebel.
Da legt Rudi doch den Talk drüber, erinnerte Luise, den mit diesem Schlusssatz : Vergessen sind auch die Pflaumen, die reifen, mit winkendem Daumen....
Richtig,, den mit dem Himmelweit
Seht ihr, das kriegen wir schon
Aber er ist von sich aus Sau
Na wenn schon
Hauptsache, dass.......

Auf die Hauptsache warteten wir drei Wochen. Da Ruus nichts von sich hören ließ, verabredeten wir eine
Aufnahme – Session – und wenn schon – auch ohne ihn

Mitten im schönsten Stück (das war wie Heimat zu viert) klingelte das Telefon. Da Nike nicht da und das irre Geläut unerträglich wurde, brachten wir’s zu Ende. Jon griff sich den Störer : Ja hier Große-Bonsai, stöhnte er hinein, was darfs denn sein ?
------?
Ja ja, bin ich – ja genau
-------?
was denn – nein ?
-------?
Ach du Scheiße----was ?
Ich sagte : Ach du Scheiße----was ?
Ja ja – ja natürlich – ja
----------?
Okay !
Er legte das Handy auf den Kamin-Sims, wovon es gleich auf den Ofen fiel – und – Minuten später darauf festbrannte. Das blieb zunächst nicht beachtet. Er wandte sich um. Sein sonst so rotes Gesicht wurde blass.
Ruus sitzt im Knast, im Knastkrankenhaus. Ich steig nicht durch – schwerverletzt – Bomben und ’n Haufen Scheiße spiel’n ’ne Rolle.. Seine Geröllhalde wurde plattgemacht. Er muss durchgedreht sein.

Was – was ?

Keine Ahnung. Das war seine Wundertüte – der Anruf. Sie sagt, es hat am Kanal ’ne Session gegeben. Ruus und ’n paar andere. Und ausgerechnet Helmut und Luis unter den 20 Zuhörern. Da hat’s geknallt – keine Ahnung, was geknallt hat. Seine Bude ist auch hin und er selbst hat was am Hals von der Staatsanwaltschaft, an die 10 Anklagepunkte.

Oje oje, rief Willi – Horror überm Abendland. Hab ich doch gewusst, dass der Kerl abklinkt irgendwann.


Was hätten wir machen sollen? , fragte Jon, immer noch leicht benommen, wir soll´n was tun. Musikergewerkschaft – Anwaltskosten – weiß der Himmel.

Hier stinkt doch was, bemerkte Luise, was stinkt denn hier so, was liegt denn da auf dem Ofen ?

Ach Gott und abgekauft, stöhnte Jon, das Handy......


Doch unserm Entsetzen ging eine Geschichte voran.
Ruus ist kein wortkarger Mann. Und er ist laut. Sobald er einen Raum betritt, ist sein Ich in jedem Winkel spürbar. Er füllt den Raum mit dicken Quadern, um die er Wellenberge schickt. Da sind keine goldenen Swatch im Blick und auch kein Krokodil im Saphir. Das ist die reinste Freundlichkeit, die sogleich in Zorn umschlägt, wenn ein Wort zuviel oder eine Erinnerung zu wenig die Spannung erzeugt, die ein großes Maul braucht, um Endgültiges festzustellen wie „ wer ein Arschloch ist, kann immer mehr davon gebrauchen; wer ein Arschloch hat, kann damit umgehn“.
Und wie ich euch kenne, ließ er raus, habt ihr nur ’ne Delle in der Haut, ’ne Hautdelle mit Notlippe ha ha.....

Er fiel überall auf. Auch zu uns kam er mit drohendem Wissen. Das schlug er über uns ab wie ’n Platzregen.
Und ihm fielen noch etliche Schauersprüche ein. Wir konnten ´s erleben. Er soff. Er drohte allen Überzeugung an.
Wir mussten schnell in die Musik rein, um uns zu retten. Da kroch auch schon ein schwarzes Riesenrindvieh aus der weißroten Fresse und bedauerte, dass im nächsten Treffen seine Abwesenheit zu bedauern sei, da es vorher zur Schlachtung müsse. Eine Mischung aus Tom Waits und Blutschinkenpredigt. Das kann für 20 Minuten eine heiße Mischung sein. Wenn er dann noch seine Percussions durchzieht, weißt du, dieser Ort ist ’ne Art Anstalt, die von außen bewacht wird. Unter keinen Umständen lassen die so was in die Welt. Fertig.

Er sang von Renner Link, dem starken Held, der eine Maus zwischen den Fäusten zerquetschte. Eine fliegende Maus, von Ruus in die Luft geworfen – Klatsch –
Eine lebendfallebefreite Maus durchmisst das Weltall und landet –Quetsch- , schrie der besessene Ruus, nimm sie am Schwanz, schrie er – ja so – wirf sie hoch – ja – mit Überschlag ja sooo
Er fing sie mit den Zähnen, die dunklen, kleinen knöpfigen Augen – und biss ab. Das war lange nach Walt Disney, steckte aber noch in Ruus’ Kleiderhaufen.
Das hängt in den Wänden, sang Ruus mit seiner runzligen Eichel-im-Mund-Stimme. Er ließ sie aus tiefster Hose swingen. Das hängt in den Wänden, schrumpelte er gedehnt bei halbem Bewusstsein, wenn das schwarze Rindvieh nachts schreit – es geht knapp zu Ende, schrie er mit Wut, Hunger, Traurigkeit –
wir fressen dich auf. Das war Ruus – ein talentierter Schweinehund, der mittags um zwölf sein Blei ausschläft
Und wenn er erwachte, grämte er sich. Ein halber Liter Branntwein zum Frühstück brachte ihn mit schnellen Schlucken in die Gegenwart.
In dieser Stimmung machte er Session am Kanal

Doch es fehlt noch was, die Vorgeschichte.
Ruus wohnte seit eh und je im Hinterhof vom > Schlauen Esel<. In einem großen Raum mit Küche, Klo, Farben, Pinsel im Bett usw. Immer stand eine nackte Leinwand an die Wand gelehnt, als ewige Versuchung, sie in ..Schauernächten kreuzweise anzugreifen. Er tats nicht. Und so ging sie unter – unbefleckt unterm Bagger wie alles andere auch, Steine, Mauern, Tisch und Topf. Der ganze >Schlaue Esel< mit Hinterhaus. Müll.
Die Gegend ist reif für’n Glaskasten, sagte der Hausbesitzer, Raus !
Ruus ging nicht . Als der Bagger kam, machte er Session am Kanal, Hänschen Viellein, die Henna-Matrize und den roten Ralph en partie. Gitarre, Bass, indonesisches Saxophon und Drums. Ein schräges Spektakel, als Ruus seine Eichelstimme verströmte. Unter den Zuhörern waren zwei schimpfende Angler und – eben – Helmut und Luis, die ihre Hunde am Kanal ausführten. Sie feixten und grölten Schimpfwörter in den Rhythmus. Ihre Hunde zerrten an den Leinen. Sie wären gern entlaufen. Helmut und Luis ließen noch eine Menge öbszöner Gesten los, eh sie sich seitwärts verdrückten. Auch Ruus verdrückte sich. Er ließ alles stehn und liegen bis auf ’ne alte Aktentasche – voll mit Stinkbomben -. Die schnappte er unterm Arm und lief in die Richtung, aus der die beiden gekommen waren. Und richtig, am Parkplatz Westerheidenkanal entdeckte er Luis Citroen. Und wie Gott will, war auch ein Seitenfenster halboffen.
Dummärsche, dachte Ruus, wartete Aussteigen und Verschwinden einer Kleinfamilie aus dem Nebengolf ab, öffnete die Tür und versteckte 23 Stinkbomben zwischen die Ritzen der Hintersitze. Der Platz der Hunde, die sich sowas nicht entgehen ließen. Das Ende vom Lied : Der Wagen war schon nach 20 Metern ein enorm stinkendes Vehikel. Es reichte grad noch bis in den Kanal, dem die Lebenden, nass bis zur Seele, nur knapp entkamen. Das Auto liegt heut noch da unten, in einem Nebenarm des Dortmund-Ems-Kanals. Ein Hundegerippe ist dringeblieben.
Woher dieser Hass ?, fragen wir.
Und der hat natürlich auch eine Vorgeschichte.
Als Ruus per Zufall (das Studio lag gegenüber) bei Luis Pizza aß, eine Zeitlang täglich, weil er auf eigene Kosten seine Stimme verewigen wollte, fiel den Ristoranteros seine Grobheit und Lautstärke auf. Den hat ’ne undichte Mutter auße Naht gedrückt, äußerte Helmut, das muss gekracht ham.
Sie waren gute Köche, die zwei. Dass sie es hin und wieder so übergenau nahmen, lag an gewissen Gästen. Solchen, die laut hereindrängen und sich entsprechend entwickeln und solchen, die meckern. Da saß einer der dritten Sorte. Er hatte alle Seiten drin. Er war der Schlimmste.
Da sitzt wider dieser Sucker, sagte Helmut zu Luis, kannst du pissen ?
Klar kann ich pissen. Und wir werden ihm ’ne deftige Zutat reinbacken. Los, schicken wir ihn auf die Pritsche – zur Hölle verdammt – ja - ! Pizza mit Hut !
Und sie urinierten, ejakulierten und fügten ein bisschen Schiss hinzu ( eins der Klos war verstopft ).
Das alles, mit feinstem Pizzateig vermischt, ergab die mit Hut. Pizza mit Hut, weil ein zarter Oliven-Teint auf der braunrotgebackenen Oberschicht lag.
Nur für spezielle Gäste wie Ruus.
Und der hatte die Schnauze voll. Sein Hals schwoll an, seine Augen glänzten wie bekifft. Nur die Wut hielt ihn auf Trab.
Er ging zur Polizei – zum Revier 4 -. Der Wachtmeister fragte und Ruus antwortete. Ruus füllte ein Formular aus. Der Wachtmeister telefonierte vom Nebenraum aus. Vor Ruus klingelte ein zweites. Der Wachtmeister stürzte herein, griff zum Hörer : Ja hier Belferdinck, Revier 4, ja am Apparat, nein, kann ich nicht, das kann nicht mal der Hauptkommissar entscheiden – nein – ich verbinde –ja- Kriminalrat Rex – ja – Moment bitte.
Er stellte durch – irgendwohin. Ruus schob ihm das ausgefüllte Formular übern Tresen. Der Wachtmeister las, stellte weitere Fragen. Ruus tat sein Bestes, der Wachtmeister stellte klar, stutzte, sah ihn an : Ach Sie sind’s – Ruus Poller ? ach - ! Ich hab da was für Sie. Könn’n Se gleich öffnen. Hier unterschreiben ja bitte. Können Sie gleich lesen, klar, dann haben wir’s auf der Stelle ja. Sie sind Beklagter –ja -. Räumungsbefehl. Ja. Und was wollen Sie hier ? Ach, Sie haben einen Verdacht. Ihnen schmeckte die Pizza nicht ? Bei Luis ? Na prima !
Da holen wir unsere Überstundenverpflegung – richtig. Ich mach Ihnen einen Vorschlag. Wir nehmen diese Anzeige zur Kenntnis, leiten jedoch noch keine offizielle Nachforschung ein. Wir achten vierzehn Tage besonders auf Qualität und Beschaffenheit – einverstanden ? Gut. Und lassen Sie sich gesagt sein : ohne Beweis wird das nichts. Moment mal – wie riechen Sie denn ? Was machen Sie da ? Wie sehn Sie überhaupt aus – Sie haben ja ’ne Schwellung, als hätten Sie ’nen Elefanten im Hals ? Ach du Scheiße, der kotzt einfach auf Lothars
Jackett. He – Meinerts, schrie er nach hinten durch die geöffnete Tür, komm mal her – hier will sich einer beschweren.....
Ruus saß ein. Widerstand gegen den Staat, Beamtenbeleidigung, Tätlichkeiten etc. Wir wissen – es kam noch einiges hinzu bald darauf. Als er Tage später – mit Verwarnung entlassen – sich bei Bar Itzrath an einer Hähnchenkeule verschluckte , glaubte er an Verschwörung. Eine Woche später baute er seinen Plan, den er sich im Knast durchgefühlt hatte. Er traf Drehöffke, wie sich’s ergab, in einem Tabakladen, in dem Ruus seinen Tabak klaute. Drehöffke ( bin vor fünfzig Jahren hier reingekommen, hab gedacht, wär ’ne Durchgangsstation...) war ein ganz normaler Lottospieler. Er stand am Tresen und füllte den Zettel aus. Ein kleines Kneifen im Bauch spielte mit. Nicht, dass es was nützte. Er aß immer ein Törtchen zuviel, was ihm Bauchgrimmen einbrachte und einen Korken im Darmausgang. Dafür suchte er schlechte Laune, wo er sie fand. Als Ruus ihn schließlich überzeugte ( Drehöffke, du stinkst, das hat Niveau ), dass er selbst nicht mehr wusste, was gute Stimmung ist, bebrütelten sie bei Schnaps und Schnaps im >Saufmichaus< den Plan. Drehöffkes Bauchgrimmen war fort, Ruus würgte noch etwas. Drehöffke wusste weiter. Er war mal Landkind gewesen und hatte als solches Spiele gespielt, die mit Scheiße zu tun hatten.
Was wir damals gemacht haben, berichtete er, geht auf keine Kuhhaut. Und dennoch – es war ’ne Kuhhaut, die wir benutzten. In einer dunklen Winternacht – ich glaub, am 1. Januar – ja sicher – da gab’s so ein’ lustigen Brauch bei uns. Pungeln. Wir gingen von Haus zu Haus mit unseren Neujahrsgrüßen, tranken überall ein paar Schnäpse und so. Minna Joahr heißt der Gruß. Einige spannten die Lage. Einige Frauen, Mädchen müsst ich sagen, denn Verheiratete sind von diesem Spiel ausgeschlossen, lenkten ab. . Manchmal auch umgekehrt, das waren keine Trockenpflaumen damals. Bei Myrre war’s soweit, da hatten wir Zündung. Die Myrres war’n unsere besonderen Heimleuchter, denen wir schon oft den Weg in die Beeke gewiesen haben.
Pungeln hieß : Wir schleppen z.B. Nachbar Knoos Anhänger auf Rieke Myrres Teichwiese, wo er dann morgen früh festgefroren herumsteht. Und wenn’s taut, in die Beeke rutscht. Oder wir bringen Meckmeyers Hund in die Tenne von Witwe Kool. Die wird verblüfft sein, wenn sie morgen in der Früh aufs Klo muss. Da sitzt dann der Hund drauf, auf der wärmsten Stelle im Haus, wenn die Feuerstelle noch kalt ist. Und Meckmeyers Hund war ’ne reinrassige Dünnhaut, weiß ich noch. Still und alt. Und Stroh gab’s nicht bei Kools, schon lange nicht mehr. Harmlos und gemein war’n wir – immer.
Als Heiner Schmitzlek Pruhners Kleintransporter pungeln wollte, um ihn von der Bartskimme auf Hollermanns Acker runter rollen zu lassen, bekam er eine Kugel unters Auge. Drang nicht tief ein. Die Backe bekam ’n Loch und ’ne Delle. Da musste aber kräftig vertuscht und getuscht werden, um die Decke drauf zu halten.....
Du siehst, lauter Sachen mit Heidenspaß.
Auf Myrres Schornstein haben wir eine Kuh gelegt - eine Kuh mit viel Scheiße drin. War ’ne Heidenarbeit. Mussten lange diskutieren, ob wir die Haut unten füllen und sie dann rauf übers Dach ziehen oder Haut und Scheiße getrennt transportieren und oben zusammennähen. Was macht weniger Krach ?
Nun, wir haben sie getrennt transportiert. Die Löcher wurden unten schon in die Haut gebrannt. Acht oder zehn Jungs und zwei Dutzend Mädchen war’n dabei. Und fünf lange Leitern und ’ne Menge Eimer. Die Scheiße hatten wir mitgebracht und die Haut natürlich – kostete fünf Mark oder so damals. Als Rieke Myrre morgens aus
der Tür trat, um sich zu recken, sah das halbe Dorf zu. Versteckt hinter Scheunen und Büschen sahen wir, wie Rieke Myrre zur Hausecke schlurfte, um wie fast immer ihr Morgengeschäft dran zu tun. Gleich neben das Regenhaltebecken. Sie hob ihre Röcke und schiffte wie ein Jauchefass. Das konnte sie bis mindestens 12 Grad Minus. Nun schlurfte sie ins Haus zurück und wir hörten zu, wie sie ihrem Mann befahl, endlich Feuer zu machen. Die Tür schlug zu, wir warteten ein paar Minuten. Rauch kam durch die Ritzen des Hauses und auch ein wenig aus der Kuh oder an ihr vorbei. Die hustenden Myrres, beide um die fünfzig, sprangen wie junge Tanzbodenhühner auf den Hof. Als sie mit tränenden Augen das Dach hochsahen, glaubten sie womöglich an heilige Kühe. Als sie, die Augen gerieben, allmählich erfassten, dass eine Kuh auf dem Dach mindestens so viel wert war wie der Hase im Pfeffer, war’n sie so überwältigt, dass sie sich gegenseitig halten mussten vor Lachen. Und das Dorf lachte mit. War ein prima 2.Januar. Hat die Myrres 2 Schinken, 3 Hühner, etwa 30 Eier und anderes gekostet. Und einige Liter Schwarzgebrannten. Ehrensache im Dorf, dass der Schaden den Spott lohnte.
Brot gab’s plötzlich aus allen Öfen. Butter, Wurst, Milch. Ein Fest, sag ich dir . In dieser Nacht wurden Kinder gemacht.
Die Kuh kam von selbst vom Dach. Sie war, weißt du, mit eiskalten Fingern genäht. Die Scheiße kam klumpweise, zuletzt die Haut. Die allein wog schon mehr als einen halben Zentner. Rutsch – war der Rest unten, seitlich vom Schlafzimmerfenster ins Regenfass. Die dünne Eisschicht spritzte auf die Dünnhaut Tinker, Meckmeyers alten Hund. Der war auch der Einzige, der nicht so richtig dabei war. Im Spaß. Still und alt eben.
Hat auch keine drei Wochen mehr gemacht, der alte Hund.....
Sein Herrchen macht’s immer noch – Metti Meckmeyer. Steinreich und steinalt, aber das ist ’ne andere
Geschichte.
Die Geschichte gefällt mir, sagte Ruus, der noch nie so lange und so still zugehört hatte.

Also, wenn du Scheiße brauchst, bin ich dabei, betonte Drehöffke. Sein fast zahnloser Oberkiefer mampfte eine kalte Zigarre.
Und so bastelten sie den Plan weiter. Wie kriegt man Scheiße in die Stadt ? Gibt’s hier nicht genug ? Und muss es Scheiße sein ? Kann’s auch ´ne andere Plage sein ? Doch es fiel ihnen nichts anderes, besseres ein. Schließlich ist dieses Ausscheidungsprodukt so in den Alltag integriert, dass es kaum noch auffällt – außer dort, wo es offen herumliegt. Also Scheiße !
Die kam diesmal nicht vom Dach, sondern vom Keller hoch. Bei Luis.
Ruus lenkte ab, was natürlich sehr leicht war. Die wussten schon, warum sie ihm kein Hausverbot erteilten. Drehöffke, unverdächtig und nur etwas verkommen, trennte im Keller, ganz monteursouverän, einige Rohre. Ein Restaurant und vier Wohnungen im Haus brachten einiges zusammen. Auch, wenn nicht alle gleichzeitig mussten. Gegen 22Uhr, als bis auf die stinkenden, stinksauren Gäste, die benommen das Weite suchten und Helmut und Luis, die nun endlich die Kellertür aufbrachen, nachdem sie zwei Stunden vergeblich den Schlüssel gesucht , als die Gegend verbarrikadiert vor der Glotze saß, null Verkehr und heftiger Regen – spätabends lüfteten unsere beiden Übeltäter den Gullideckel auf der anderen Straßenseite, schräg gegenüber. Ruus war immer noch kräftig, Drehöffke ganz Monteur. Er stieg auch runter. Er arbeitete sehr gewissenhaft. Dennoch musste Ruus helfen. Und just als Helmut und Luis die Kellertür eingeschlagen, die ersten Stufen heruntergestolpert und bewusstlos unten angekommen sich ablegten, schoss ein Schwall Stadtkloake hinein.
Der Keller wurde so dicht und voll, dass der Sicherungskasten den letzten Funkenpieps tat. Doppelt gemoppelt, dass das Haus einen Sprung machte, von dem es sich nicht mehr erholte. Drehöffke konnte grad noch raus aus dem Gulliloch und die Kurve kriegen. Ruus hatte noch ein Bein unterm Gullideckel, als man ihn fand.

Erst als Ruus längst verurteilt ( lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung, immerhin 6 Tote ), fand er seinen Beweis, den 1. Schritt, den er hätte tun sollen. Man erwies ihm die Gnade, nachmittags zwischen 14.30 Uhr und 16.00 Uhr Musik machen zu lassen. Der Instrumentenrucksack, immer noch verkotzt, setzte endlich die Klärung in Gang, weil sein Psycho-Papa, ein Mann von Gerechtigkeit, sie untersuchen ließ. Gefunden wurden 2 verschiedene Sperma-Spuren, eine mit hartem Schanker sowie ein HIV-Virus, der von einer 3. Person stammen musste (vielleicht aus der verstopften Toilette). Die Urin-Spuren war’n harmlos. Doch das nützt ihm nichts mehr, dem Ruus. Ist noch nichts ausgebrochen – das nicht – ist aber alles unter Kontrolle.
Keine Ahnung, was sonst noch zu machen ist. Uns geht’s gut. Wir haben gestern die Scheibe rausgebracht - für untern Ladentisch -. Ruus heißt sie. Kaum zu glauben, dass es ein Hit wird.

 

© Josef Butke  │ Webdesigner: Michael Janik