Der Gang zum Selbstauslöser:

Ich hab ihn gewarnt. Ich hab ihm gesagt,
er soll nicht den zweiten Schritt vor dem
ersten tun . Warum nicht ?, fragt er mich
blöde. Weil du nicht Isadora Duncan bist,
hab ich ihm gesagt. Was sollte ich ihm denn
sonst sagen? Was jeder weiß , kennen doch
alle . Aber – er wollte nun mal so wie´s
kommt. Und was kommt schon bei Grobheiten
raus außer Narben ?, Ertüchtigung ?
Er besaß diese Maschinerie, die übliche,
nehm ich an, die die den Level hält. Wenn da
was nicht lief, puffte er aus allen Rohren.
Schrecklich. Er lief rot an und hielt
Brandreden, als säße schon auf der
Abschusspiste. Den steifsten Hit im Hals wie
’n Sprengkopf : Nieder mit den Seiten !
Doch wir wolln der Geschichte nicht
vorgreifen .Ihre Quellen sprudeln
unaufhörlich und haben schon mehr mit sich
gerissen, als wir vertragen können . Es
reicht, dass ich beginne – etwa hier :
Juno tastete mit zarten Fingern in den Mai,
um ihn zu streicheln. Über die runden Backen
des Erdballs hob sich der Morgen wie
goldener Regen aus einer Traufe. Der Mond
hing noch voll und blass am westlichen
Himmel. In einem Streifen Zwielicht sprangen
die Fische. Der Kanal schwappte zufrieden in
der aufkommenden Wärme. Im Generalkonzert
der Vögel brummte ein ferner Hubschrauber .
Mistkäfer schillerten im Tau. Zwischen
Gräsern und Zweigen verbanden sich die
Lichter zu Spinnweben (gleich wird der erste
Falter dran kleben) . Fleißig so früh am
Morgen pochte ein Specht sein Frühstück
zusammen. An einer großen Pappel lag ein
roter Schuh. Darinnen verbarg sich eine
Maus. Sie zitterte. Sie hatte die Nacht
überlebt. Der Igel schlief schon. Die Sonne
stieg. Der kleine Wald schmolz mit seinem
Schatten. Und hinter ihm, mit den Schneisen
der Gärten, reckte sich behaglich die Stadt.
Inmitten großer Haufen geordneten Lebens
hockte ein ärmliches Hinterhaus, das erst
wach wurd, als alle schon auf waren. So war
das immer. Ein Strahl fiel über ein Dach,
dann noch einer und noch einer und mehr und
fast alle strahlten in ein offenes Fenster
auf ein Bett, auf einen nackten Arm, auf
eine Faust, die sich langsam öffnete, auf
ein Gesicht mit geschlossenen Augen, die
sich langsam öffneten, als mein Schatten
darauf fiel. Und der Mund mit den vollen
Lippen, sinnlich trunken, riss auf und
gähnte : Was willst du schon wieder, sagte
der Mund und gähnte, kann ich niemals
ausschlafen ? Er verschluckte sich etwas
Weißt du Ruus, sprach ich durchs Fenster.
Ich stützte mich mit den Ellbogen aufs
Fensterbrett. Ich faltete die Hände. Weißt
du Ruus, dass zwischen Gestern und Morgen
nicht ein einziger Tag liegt ?
Er hob den linken Arm und ließ ihn fallen
Ich war nur nicht dabei.
Weil nämlich der .... der Mittag mit dem
Spätnachmittag an die Bauchdecke klopft.
Schenk mir zum Frühstück eine Rose, murmelte
Ruus
Komm raus, Ruus, in sechzig Minuten wird
präsentiert und zwar alles
-----------?
Die Willi-Melodie, die Jon-Schrägen, die
Luisen-Strapsen.....
Die Morgenstunden flattern um den Kelch so
weich, flüsterte Ruus
--------?
Die Sonne ruht schon aus im Teich, brummelte
er
Hör zu, du wohnst zwar inner Geröllhalde,
aber bei Teil zwei der Strophe ist der
Batzen fällig, in – fünfundfünfzig Minuten !
Fahrtzeit zwanzig, Aufbau zwanzig, macht
vierzig, macht fünfundvierzig, wenn ich
fertig bin. Aufstehen, Waschen, Anziehen
macht fünf, macht fünfzig. Essen, Packen,,
Gang zum Auto macht zehn – Präses
verschoben, Fahrtzeit nicht mitgerechnet.
Reich mir zum Tageslicht die Hose, bat Ruus.
Ich sprang durchs Fenster und half ihm.
Der schrille Traum ist lange schon verdaut,
flüsterte er.
Ich reichte ihm Hemd und Hose. Ich reichte
ihm Socken, Schuh, Bananen, Wasser, Joghurt,
Löffel, Tuch. Er lag immer noch. Er erhob
sich leicht und blickte verstört um sich.
Die Schweinchen sind schon unverdaut
versaut, brach es aus ihm raus.
Er kotzte auf meine Hand, sein Hemd usw.
Dennoch, wir schafften es. Ruus trank
Branntwein, sein Herzschrittmacher pulste.
Das Studio qualmte. Der Mann hinter der
Glasscheibe drückte zum 30. Male
Aufnahmeknöpfe – Achtung – den Sound rein –
den Sound
rein – was ist denn mit dem Text – den Text
– verdammt, wo ist der Groove im Beat....?
Noch mal, noch mal, noch mal....
Was bei den beschissenen drei Stunden
reinkam, war ein Haufen übern Haufen
geschmissener Spontaneitäten. Erstaunlich,
dass eine halbe CD mit echter Qualität draus
wurde – heiligste Tüte noch mal....
Was echte Profis davon halten mögen, muss in
den Sternen bleiben. Der Studioleiter
kassierte. Ich könnt den Talk einmischen,
sagte er, dann wird’s ganz.
Okay – mal hören, mal sehen, sagten wir. Wir
hatten drei Kannen Kaffee auf. Wir aßen
>Pizza verloren<, eine Neuschöpfung von
Luis, Ristorantero am Leihort. Klein und
teuer. Wir aßen, wir tranken. Dann fing der
Ärger an. Ruus kotzte in seinen
Instrumentensack. Rot vor Anstrengung und
blau vor Ärger brüllte er : Sabotage !
Er behauptete, dass seine Pizza eine Färbung
hatte im Geschmack – wie der Betonsockel,
auf dem der Laternenpfahl steht – hier
gleich gegenüber.
Ich weiß, wovon ich spreche, brüllte er. Ich
bin mal um ihn eingeschlafen – gestern noch.
Der ist hundemarkant.
Willste probieren ?
Wir schleppten Ruus raus. Wussten wir doch,
dass bei seinem Wandel alle Sperenzes
mitwandelten.
Ich geh ihn anzeigen, den Kerl,
verabschiedete er sich, da is was nich
koscher, schrie er.
Aber Ruus, rief ich ihm nach, was willst du
beweisen – und womit ? Doch er brummelte
abgewandt, hob nur leicht den Arm, wie er’s
immer macht, wenn er was abschließen will.
Wir gingen, wir besprachen, warum und wie
lange noch Ruus für uns tragbar sein konnte.
Der ist von sich aus Sau, meinte Willi
Ach was, das kriegen wir schon, meinte Jon
Vielleicht ist er arm dran, mutmaßte Luise
Sein Cholesterinspiegel ist zu hoch, dachte
ich mit
Mein Toleranzspiegel ist unten, sagte Willi,
er hat drei Einspielungen versaut, schimpfte
er
Lassen wir ihm noch etwas Zeit, schlug Jon
vor. Er hasste es, Entscheidungen zu
treffen, wenn alle noch mitten drin waren.
Außerdem war sein Solo nicht schlecht, warf
Luise ein
Recht hat sie, unterstrich Jon, die
Percussions war’n traumhaft
Aber wo ist der Text geblieben, schimpfte
Willi. Er wollt es gern komplett, sie hatten
schließlich nicht alle Zeit der Vergebung.
Da war doch nix, schimpfte er, das Geschleif
zwischendurch war ’n Höhenzug im Nebel.
Da legt Rudi doch den Talk drüber, erinnerte
Luise, den mit diesem Schlusssatz :
Vergessen sind auch die Pflaumen, die
reifen, mit winkendem Daumen....
Richtig,, den mit dem Himmelweit
Seht ihr, das kriegen wir schon
Aber er ist von sich aus Sau
Na wenn schon
Hauptsache, dass.......
Auf die Hauptsache warteten wir drei Wochen.
Da Ruus nichts von sich hören ließ,
verabredeten wir eine
Aufnahme – Session – und wenn schon – auch
ohne ihn
Mitten im schönsten Stück (das war wie
Heimat zu viert) klingelte das Telefon. Da
Nike nicht da und das irre Geläut
unerträglich wurde, brachten wir’s zu Ende.
Jon griff sich den Störer : Ja hier
Große-Bonsai, stöhnte er hinein, was darfs
denn sein ?
------?
Ja ja, bin ich – ja genau
-------?
was denn – nein ?
-------?
Ach du Scheiße----was ?
Ich sagte : Ach du Scheiße----was ?
Ja ja – ja natürlich – ja
----------?
Okay !
Er legte das Handy auf den Kamin-Sims, wovon
es gleich auf den Ofen fiel – und – Minuten
später darauf festbrannte. Das blieb
zunächst nicht beachtet. Er wandte sich um.
Sein sonst so rotes Gesicht wurde blass.
Ruus sitzt im Knast, im Knastkrankenhaus.
Ich steig nicht durch – schwerverletzt –
Bomben und ’n Haufen Scheiße spiel’n ’ne
Rolle.. Seine Geröllhalde wurde plattgemacht.
Er muss durchgedreht sein.
Was – was ?
Keine Ahnung. Das war seine Wundertüte – der
Anruf. Sie sagt, es hat am Kanal ’ne Session
gegeben. Ruus und ’n paar andere. Und
ausgerechnet Helmut und Luis unter den 20
Zuhörern. Da hat’s geknallt – keine Ahnung,
was geknallt hat. Seine Bude ist auch hin
und er selbst hat was am Hals von der
Staatsanwaltschaft, an die 10 Anklagepunkte.
Oje oje, rief Willi – Horror überm
Abendland. Hab ich doch gewusst, dass der
Kerl abklinkt irgendwann.
Was hätten wir machen sollen? , fragte Jon,
immer noch leicht benommen, wir soll´n was
tun. Musikergewerkschaft – Anwaltskosten –
weiß der Himmel.
Hier stinkt doch was, bemerkte Luise, was
stinkt denn hier so, was liegt denn da auf
dem Ofen ?
Ach Gott und abgekauft, stöhnte Jon, das
Handy......
Doch unserm Entsetzen ging eine Geschichte
voran.
Ruus ist kein wortkarger Mann. Und er ist
laut. Sobald er einen Raum betritt, ist sein
Ich in jedem Winkel spürbar. Er füllt den
Raum mit dicken Quadern, um die er
Wellenberge schickt. Da sind keine goldenen
Swatch im Blick und auch kein Krokodil im
Saphir. Das ist die reinste Freundlichkeit,
die sogleich in Zorn umschlägt, wenn ein
Wort zuviel oder eine Erinnerung zu wenig
die Spannung erzeugt, die ein großes Maul
braucht, um Endgültiges festzustellen wie „
wer ein Arschloch ist, kann immer mehr davon
gebrauchen; wer ein Arschloch hat, kann
damit umgehn“.
Und wie ich euch kenne, ließ er raus, habt
ihr nur ’ne Delle in der Haut, ’ne Hautdelle
mit Notlippe ha ha.....
Er fiel überall auf. Auch zu uns kam er mit
drohendem Wissen. Das schlug er über uns ab
wie ’n Platzregen.
Und ihm fielen noch etliche Schauersprüche
ein. Wir konnten ´s erleben. Er soff. Er
drohte allen Überzeugung an.
Wir mussten schnell in die Musik rein, um
uns zu retten. Da kroch auch schon ein
schwarzes Riesenrindvieh aus der weißroten
Fresse und bedauerte, dass im nächsten
Treffen seine Abwesenheit zu bedauern sei,
da es vorher zur Schlachtung müsse. Eine
Mischung aus Tom Waits und
Blutschinkenpredigt. Das kann für 20 Minuten
eine heiße Mischung sein. Wenn er dann noch
seine Percussions durchzieht, weißt du,
dieser Ort ist ’ne Art Anstalt, die von
außen bewacht wird. Unter keinen Umständen
lassen die so was in die Welt. Fertig.
Er sang von Renner Link, dem starken Held,
der eine Maus zwischen den Fäusten
zerquetschte. Eine fliegende Maus, von Ruus
in die Luft geworfen – Klatsch –
Eine lebendfallebefreite Maus durchmisst das
Weltall und landet –Quetsch- , schrie der
besessene Ruus, nimm sie am Schwanz, schrie
er – ja so – wirf sie hoch – ja – mit
Überschlag ja sooo
Er fing sie mit den Zähnen, die dunklen,
kleinen knöpfigen Augen – und biss ab. Das
war lange nach Walt Disney, steckte aber
noch in Ruus’ Kleiderhaufen.
Das hängt in den Wänden, sang Ruus mit
seiner runzligen Eichel-im-Mund-Stimme. Er
ließ sie aus tiefster Hose swingen. Das
hängt in den Wänden, schrumpelte er gedehnt
bei halbem Bewusstsein, wenn das schwarze
Rindvieh nachts schreit – es geht knapp zu
Ende, schrie er mit Wut, Hunger, Traurigkeit
–
wir fressen dich auf. Das war Ruus – ein
talentierter Schweinehund, der mittags um
zwölf sein Blei ausschläft
Und wenn er erwachte, grämte er sich. Ein
halber Liter Branntwein zum Frühstück
brachte ihn mit schnellen Schlucken in die
Gegenwart.
In dieser Stimmung machte er Session am
Kanal
Doch es fehlt noch was, die Vorgeschichte.
Ruus wohnte seit eh und je im Hinterhof vom
> Schlauen Esel<. In einem großen Raum mit
Küche, Klo, Farben, Pinsel im Bett usw.
Immer stand eine nackte Leinwand an die Wand
gelehnt, als ewige Versuchung, sie in
..Schauernächten kreuzweise anzugreifen. Er
tats nicht. Und so ging sie unter –
unbefleckt unterm Bagger wie alles andere
auch, Steine, Mauern, Tisch und Topf. Der
ganze >Schlaue Esel< mit Hinterhaus. Müll.
Die Gegend ist reif für’n Glaskasten, sagte
der Hausbesitzer, Raus !
Ruus ging nicht . Als der Bagger kam, machte
er Session am Kanal, Hänschen Viellein, die
Henna-Matrize und den roten Ralph en partie.
Gitarre, Bass, indonesisches Saxophon und
Drums. Ein schräges Spektakel, als Ruus
seine Eichelstimme verströmte. Unter den
Zuhörern waren zwei schimpfende Angler und –
eben – Helmut und Luis, die ihre Hunde am
Kanal ausführten. Sie feixten und grölten
Schimpfwörter in den Rhythmus. Ihre Hunde
zerrten an den Leinen. Sie wären gern
entlaufen. Helmut und Luis ließen noch eine
Menge öbszöner Gesten los, eh sie sich
seitwärts verdrückten. Auch Ruus verdrückte
sich. Er ließ alles stehn und liegen bis auf
’ne alte Aktentasche – voll mit Stinkbomben
-. Die schnappte er unterm Arm und lief in
die Richtung, aus der die beiden gekommen
waren. Und richtig, am Parkplatz
Westerheidenkanal entdeckte er Luis Citroen.
Und wie Gott will, war auch ein
Seitenfenster halboffen.
Dummärsche, dachte Ruus, wartete Aussteigen
und Verschwinden einer Kleinfamilie aus dem
Nebengolf ab, öffnete die Tür und versteckte
23 Stinkbomben zwischen die Ritzen der
Hintersitze. Der Platz der Hunde, die sich
sowas nicht entgehen ließen. Das Ende vom
Lied : Der Wagen war schon nach 20 Metern
ein enorm stinkendes Vehikel. Es reichte
grad noch bis in den Kanal, dem die
Lebenden, nass bis zur Seele, nur knapp
entkamen. Das Auto liegt heut noch da unten,
in einem Nebenarm des Dortmund-Ems-Kanals.
Ein Hundegerippe ist dringeblieben.
Woher dieser Hass ?, fragen wir.
Und der hat natürlich auch eine
Vorgeschichte.
Als Ruus per Zufall (das Studio lag
gegenüber) bei Luis Pizza aß, eine Zeitlang
täglich, weil er auf eigene Kosten seine
Stimme verewigen wollte, fiel den
Ristoranteros seine Grobheit und Lautstärke
auf. Den hat ’ne undichte Mutter auße Naht
gedrückt, äußerte Helmut, das muss gekracht
ham.
Sie waren gute Köche, die zwei. Dass sie es
hin und wieder so übergenau nahmen, lag an
gewissen Gästen. Solchen, die laut
hereindrängen und sich entsprechend
entwickeln und solchen, die meckern. Da saß
einer der dritten Sorte. Er hatte alle
Seiten drin. Er war der Schlimmste.
Da sitzt wider dieser Sucker, sagte Helmut
zu Luis, kannst du pissen ?
Klar kann ich pissen. Und wir werden ihm ’ne
deftige Zutat reinbacken. Los, schicken wir
ihn auf die Pritsche – zur Hölle verdammt –
ja - ! Pizza mit Hut !
Und sie urinierten, ejakulierten und fügten
ein bisschen Schiss hinzu ( eins der Klos
war verstopft ).
Das alles, mit feinstem Pizzateig vermischt,
ergab die mit Hut. Pizza mit Hut, weil ein
zarter Oliven-Teint auf der
braunrotgebackenen Oberschicht lag.
Nur für spezielle Gäste wie Ruus.
Und der hatte die Schnauze voll. Sein Hals
schwoll an, seine Augen glänzten wie
bekifft. Nur die Wut hielt ihn auf Trab.
Er ging zur Polizei – zum Revier 4 -. Der
Wachtmeister fragte und Ruus antwortete.
Ruus füllte ein Formular aus. Der
Wachtmeister telefonierte vom Nebenraum aus.
Vor Ruus klingelte ein zweites. Der
Wachtmeister stürzte herein, griff zum Hörer
: Ja hier Belferdinck, Revier 4, ja am
Apparat, nein, kann ich nicht, das kann
nicht mal der Hauptkommissar entscheiden –
nein – ich verbinde –ja- Kriminalrat Rex –
ja – Moment bitte.
Er stellte durch – irgendwohin. Ruus schob
ihm das ausgefüllte Formular übern Tresen.
Der Wachtmeister las, stellte weitere
Fragen. Ruus tat sein Bestes, der
Wachtmeister stellte klar, stutzte, sah ihn
an : Ach Sie sind’s – Ruus Poller ? ach - !
Ich hab da was für Sie. Könn’n Se gleich
öffnen. Hier unterschreiben ja bitte. Können
Sie gleich lesen, klar, dann haben wir’s auf
der Stelle ja. Sie sind Beklagter –ja -.
Räumungsbefehl. Ja. Und was wollen Sie hier
? Ach, Sie haben einen Verdacht. Ihnen
schmeckte die Pizza nicht ? Bei Luis ? Na
prima !
Da holen wir unsere Überstundenverpflegung –
richtig. Ich mach Ihnen einen Vorschlag. Wir
nehmen diese Anzeige zur Kenntnis, leiten
jedoch noch keine offizielle Nachforschung
ein. Wir achten vierzehn Tage besonders auf
Qualität und Beschaffenheit – einverstanden
? Gut. Und lassen Sie sich gesagt sein :
ohne Beweis wird das nichts. Moment mal –
wie riechen Sie denn ? Was machen Sie da ?
Wie sehn Sie überhaupt aus – Sie haben ja
’ne Schwellung, als hätten Sie ’nen
Elefanten im Hals ? Ach du Scheiße, der
kotzt einfach auf Lothars
Jackett. He – Meinerts, schrie er nach
hinten durch die geöffnete Tür, komm mal her
– hier will sich einer beschweren.....
Ruus saß ein. Widerstand gegen den Staat,
Beamtenbeleidigung, Tätlichkeiten etc. Wir
wissen – es kam noch einiges hinzu bald
darauf. Als er Tage später – mit Verwarnung
entlassen – sich bei Bar Itzrath an einer
Hähnchenkeule verschluckte , glaubte er an
Verschwörung. Eine Woche später baute er
seinen Plan, den er sich im Knast
durchgefühlt hatte. Er traf Drehöffke, wie
sich’s ergab, in einem Tabakladen, in dem
Ruus seinen Tabak klaute. Drehöffke ( bin
vor fünfzig Jahren hier reingekommen, hab
gedacht, wär ’ne Durchgangsstation...) war
ein ganz normaler Lottospieler. Er stand am
Tresen und füllte den Zettel aus. Ein
kleines Kneifen im Bauch spielte mit. Nicht,
dass es was nützte. Er aß immer ein Törtchen
zuviel, was ihm Bauchgrimmen einbrachte und
einen Korken im Darmausgang. Dafür suchte er
schlechte Laune, wo er sie fand. Als Ruus
ihn schließlich überzeugte ( Drehöffke, du
stinkst, das hat Niveau ), dass er selbst
nicht mehr wusste, was gute Stimmung ist,
bebrütelten sie bei Schnaps und Schnaps im >Saufmichaus<
den Plan. Drehöffkes Bauchgrimmen war fort,
Ruus würgte noch etwas. Drehöffke wusste
weiter. Er war mal Landkind gewesen und
hatte als solches Spiele gespielt, die mit
Scheiße zu tun hatten.
Was wir damals gemacht haben, berichtete er,
geht auf keine Kuhhaut. Und dennoch – es war
’ne Kuhhaut, die wir benutzten. In einer
dunklen Winternacht – ich glaub, am 1.
Januar – ja sicher – da gab’s so ein’
lustigen Brauch bei uns. Pungeln. Wir gingen
von Haus zu Haus mit unseren Neujahrsgrüßen,
tranken überall ein paar Schnäpse und so.
Minna Joahr heißt der Gruß. Einige spannten
die Lage. Einige Frauen, Mädchen müsst ich
sagen, denn Verheiratete sind von diesem
Spiel ausgeschlossen, lenkten ab. . Manchmal
auch umgekehrt, das waren keine
Trockenpflaumen damals. Bei Myrre war’s
soweit, da hatten wir Zündung. Die Myrres
war’n unsere besonderen Heimleuchter, denen
wir schon oft den Weg in die Beeke gewiesen
haben.
Pungeln hieß : Wir schleppen z.B. Nachbar
Knoos Anhänger auf Rieke Myrres Teichwiese,
wo er dann morgen früh festgefroren
herumsteht. Und wenn’s taut, in die Beeke
rutscht. Oder wir bringen Meckmeyers Hund in
die Tenne von Witwe Kool. Die wird verblüfft
sein, wenn sie morgen in der Früh aufs Klo
muss. Da sitzt dann der Hund drauf, auf der
wärmsten Stelle im Haus, wenn die
Feuerstelle noch kalt ist. Und Meckmeyers
Hund war ’ne reinrassige Dünnhaut, weiß ich
noch. Still und alt. Und Stroh gab’s nicht
bei Kools, schon lange nicht mehr. Harmlos
und gemein war’n wir – immer.
Als Heiner Schmitzlek Pruhners
Kleintransporter pungeln wollte, um ihn von
der Bartskimme auf Hollermanns Acker runter
rollen zu lassen, bekam er eine Kugel unters
Auge. Drang nicht tief ein. Die Backe bekam
’n Loch und ’ne Delle. Da musste aber
kräftig vertuscht und getuscht werden, um
die Decke drauf zu halten.....
Du siehst, lauter Sachen mit Heidenspaß.
Auf Myrres Schornstein haben wir eine Kuh
gelegt - eine Kuh mit viel Scheiße drin. War
’ne Heidenarbeit. Mussten lange diskutieren,
ob wir die Haut unten füllen und sie dann
rauf übers Dach ziehen oder Haut und Scheiße
getrennt transportieren und oben
zusammennähen. Was macht weniger Krach ?
Nun, wir haben sie getrennt transportiert.
Die Löcher wurden unten schon in die Haut
gebrannt. Acht oder zehn Jungs und zwei
Dutzend Mädchen war’n dabei. Und fünf lange
Leitern und ’ne Menge Eimer. Die Scheiße
hatten wir mitgebracht und die Haut
natürlich – kostete fünf Mark oder so
damals. Als Rieke Myrre morgens aus
der Tür trat, um sich zu recken, sah das
halbe Dorf zu. Versteckt hinter Scheunen und
Büschen sahen wir, wie Rieke Myrre zur
Hausecke schlurfte, um wie fast immer ihr
Morgengeschäft dran zu tun. Gleich neben das
Regenhaltebecken. Sie hob ihre Röcke und
schiffte wie ein Jauchefass. Das konnte sie
bis mindestens 12 Grad Minus. Nun schlurfte
sie ins Haus zurück und wir hörten zu, wie
sie ihrem Mann befahl, endlich Feuer zu
machen. Die Tür schlug zu, wir warteten ein
paar Minuten. Rauch kam durch die Ritzen des
Hauses und auch ein wenig aus der Kuh oder
an ihr vorbei. Die hustenden Myrres, beide
um die fünfzig, sprangen wie junge
Tanzbodenhühner auf den Hof. Als sie mit
tränenden Augen das Dach hochsahen, glaubten
sie womöglich an heilige Kühe. Als sie, die
Augen gerieben, allmählich erfassten, dass
eine Kuh auf dem Dach mindestens so viel
wert war wie der Hase im Pfeffer, war’n sie
so überwältigt, dass sie sich gegenseitig
halten mussten vor Lachen. Und das Dorf
lachte mit. War ein prima 2.Januar. Hat die
Myrres 2 Schinken, 3 Hühner, etwa 30 Eier
und anderes gekostet. Und einige Liter
Schwarzgebrannten. Ehrensache im Dorf, dass
der Schaden den Spott lohnte.
Brot gab’s plötzlich aus allen Öfen. Butter,
Wurst, Milch. Ein Fest, sag ich dir . In
dieser Nacht wurden Kinder gemacht.
Die Kuh kam von selbst vom Dach. Sie war,
weißt du, mit eiskalten Fingern genäht. Die
Scheiße kam klumpweise, zuletzt die Haut.
Die allein wog schon mehr als einen halben
Zentner. Rutsch – war der Rest unten,
seitlich vom Schlafzimmerfenster ins
Regenfass. Die dünne Eisschicht spritzte auf
die Dünnhaut Tinker, Meckmeyers alten Hund.
Der war auch der Einzige, der nicht so
richtig dabei war. Im Spaß. Still und alt
eben.
Hat auch keine drei Wochen mehr gemacht, der
alte Hund.....
Sein Herrchen macht’s immer noch – Metti
Meckmeyer. Steinreich und steinalt, aber das
ist ’ne andere
Geschichte.
Die Geschichte gefällt mir, sagte Ruus, der
noch nie so lange und so still zugehört
hatte.
Also, wenn du Scheiße brauchst, bin ich
dabei, betonte Drehöffke. Sein fast
zahnloser Oberkiefer mampfte eine kalte
Zigarre.
Und so bastelten sie den Plan weiter. Wie
kriegt man Scheiße in die Stadt ? Gibt’s
hier nicht genug ? Und muss es Scheiße sein
? Kann’s auch ´ne andere Plage sein ? Doch
es fiel ihnen nichts anderes, besseres ein.
Schließlich ist dieses Ausscheidungsprodukt
so in den Alltag integriert, dass es kaum
noch auffällt – außer dort, wo es offen
herumliegt. Also Scheiße !
Die kam diesmal nicht vom Dach, sondern vom
Keller hoch. Bei Luis.
Ruus lenkte ab, was natürlich sehr leicht
war. Die wussten schon, warum sie ihm kein
Hausverbot erteilten. Drehöffke,
unverdächtig und nur etwas verkommen,
trennte im Keller, ganz monteursouverän,
einige Rohre. Ein Restaurant und vier
Wohnungen im Haus brachten einiges zusammen.
Auch, wenn nicht alle gleichzeitig mussten.
Gegen 22Uhr, als bis auf die stinkenden,
stinksauren Gäste, die benommen das Weite
suchten und Helmut und Luis, die nun endlich
die Kellertür aufbrachen, nachdem sie zwei
Stunden vergeblich den Schlüssel gesucht ,
als die Gegend verbarrikadiert vor der
Glotze saß, null Verkehr und heftiger Regen
– spätabends lüfteten unsere beiden
Übeltäter den Gullideckel auf der anderen
Straßenseite, schräg gegenüber. Ruus war
immer noch kräftig, Drehöffke ganz Monteur.
Er stieg auch runter. Er arbeitete sehr
gewissenhaft. Dennoch musste Ruus helfen.
Und just als Helmut und Luis die Kellertür
eingeschlagen, die ersten Stufen
heruntergestolpert und bewusstlos unten
angekommen sich ablegten, schoss ein Schwall
Stadtkloake hinein.
Der Keller wurde so dicht und voll, dass der
Sicherungskasten den letzten Funkenpieps
tat. Doppelt gemoppelt, dass das Haus einen
Sprung machte, von dem es sich nicht mehr
erholte. Drehöffke konnte grad noch raus aus
dem Gulliloch und die Kurve kriegen. Ruus
hatte noch ein Bein unterm Gullideckel, als
man ihn fand.
Erst als Ruus längst verurteilt (
lebenslänglich mit anschließender
Sicherungsverwahrung, immerhin 6 Tote ),
fand er seinen Beweis, den 1. Schritt, den
er hätte tun sollen. Man erwies ihm die
Gnade, nachmittags zwischen 14.30 Uhr und
16.00 Uhr Musik machen zu lassen. Der
Instrumentenrucksack, immer noch verkotzt,
setzte endlich die Klärung in Gang, weil
sein Psycho-Papa, ein Mann von
Gerechtigkeit, sie untersuchen ließ.
Gefunden wurden 2 verschiedene Sperma-Spuren,
eine mit hartem Schanker sowie ein
HIV-Virus, der von einer 3. Person stammen
musste (vielleicht aus der verstopften
Toilette). Die Urin-Spuren war’n harmlos.
Doch das nützt ihm nichts mehr, dem Ruus.
Ist noch nichts ausgebrochen – das nicht –
ist aber alles unter Kontrolle.
Keine Ahnung, was sonst noch zu machen ist.
Uns geht’s gut. Wir haben gestern die
Scheibe rausgebracht - für untern Ladentisch
-. Ruus heißt sie. Kaum zu glauben, dass es
ein Hit wird.
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