Liegen Sie bequem ?:

Liegen Sie bequem ? Na dann wolln wir
mal. Was war’s denn diesmal ?
Diesmal ? Aber erlauben Sie. Es ist immer
so. Gestern z.B. war ein Tag, in dem ich
kaum ein Wort lassen konnte. Als ich Hallo
sagte, kam meine Frau gleich mit langen
Sätzen über mich. Dabei fing er so harmlos
an, der Tag. Nach dem wüsten Traum war’s die
reinste Freude.
Ein wüster Traum? , sagen Sie.
Der Traum ? Den erzähl ich nicht. Dann sagen
Sie nur, dass ich ängstlich bin und das weiß
ich lange. Seit dem letzten Kurssturz hab
ich ja kaum noch was, um das ich Angst haben
kann. Darum – ich möcht den Traum außen
vorlassen. Als ich erwachte, war ich
erleichtert.
Ein Traum kann seine Bedeutung haben. Die
Erleichterung sagt uns, dass der Traum
schwer war. Er könnte den folgenden Tag
mitbestimmt haben.....andererseits ist ein
Traum auch immer Verarbeitung. Er
könnte....aber....?
Weiß schon, weiß schon. Deshalb ja – ich
möcht mit dem Tag beginnen – weil er so
schön anfing, mein ich. Er war so schön
klar, ein Herbsttag mit bunten Bäumen .
Flattertanzmich spielte der Wind mit den
Blättern. Er legte sie richtig weich zu
Boden. Ich kann mich darin verlieren, wenn
ich den Wind sehn will.
Auch wenn in der Ferne so ein Strich droht.
Ich hör ihn, den Strich – das ist die
Autobahn. In der Nähe schepperte nur ein
Eimer, der wogegen stieß. Die Mieze will an
die Milch, dachte ich. Dann klingelte das
Telefon. Das geht auf den Magen. Ich war
froh als ich es endlich gefunden hatte. Doch
der Anruf war schon im Fax. Es fiepte. Ich
setzte Milch auf den Herd, drückte den
Zünder. Die Mieze miezte ein paar
Forderungen. Ich versteh nur wenig von
dieser Sprache, doch eines verstand ich
immer, das hieß: leg mir schöne Sachen in
den Napf – und zwar jetzt, sonst scheiß ich
in die Küche – und zwar gleich.
Wie fühlten Sie sich dabei...?
Wie ich mich fühlte ? Mein Gott – Gott
fühlte, da fehlt was und machte den 7. Tag,
den Tag der Ruhe. So fühlte ich mich. Nach
10 Minuten.
Sie wollten Ruhe ....?
Ich wollte frühstücken, ich war hungrig, ich
wollte die aufschäumende Milch in die Tasse
gießen, zum Kaffee, Brote schmieren, Radio
anstellen, Zeitung lesen – frühstücken.....
Und – haben Sie`s geschafft ?
Das Telefon klingelte....
- - - - - ?
Das Telefon klingelte, die Milch kochte
über, die Katze war an der Butter, das Radio
sagte > es ist 11.30 Uhr< . Die Headline lag
wie ein Balken auf der Zeitung : Krieg in
Afghanistan
Was haben Sie gemacht ?
Ich bin zum Telefon gerannt. Hätt ja wichtig
sein können, weil es zum 2. Mal ins Fax
wollte.
--------?
Ich hab’s erwischt und es war wichtig. Meine
Schwiegermutter eröffnete mir zum 3.Male,
dass sie 2 Bilder von mir kaufen wollte.
Schöne Anteilnahme!
Ich bitte Sie. Sie sollten jede Art von
Wertung unterlassen. Und seien Sie etwas
sanfter - ja ? Ja - gut.
Wo war ich ? Ich brüllte vor Freude ins
Telefon. Ich bedankte mich. Meine
Schwiegermutter ist schwerhörig, müssen Sie
nicht wissen. Ich bin immer sehr freundlich
zu ihr. Doch es fällt manchmal schwer , weil
sie mich gern in dem Kreis hätte, in dem sie
sich dreht.
Und - Sie haben gefrühstückt ?
Natürlich – als ich es endlich beisammen
hatte, nachdem ich den Topf gesäubert, Milch
neu aufgesetzt und Brot zubereitet – als ich
endlich saß und aß, maunzte die Mieze. Sie
wollte zur Tür raus.
Sie haben mal von Katzeneingängen erzählt ,
erlaubt nur für Maus, Ratte, Wiesel,
Katze...?
Erlaubt nur für Miezen. Die andern haben
andere Wege. Für Normalmiezen, doch nicht
für Lisa. Die ist von Natur aus fett –
besonders zum Winter hin.
Und dann ?
Dann kam meine Frau vom Dienst. Ich rief
Hallo mit gemischten Gefühlen. Sie
antwortete mit ein paar Tonnen Alltagsstress
aus der Schule und wie schön doch sich die
Blätter verfärbten . Na prima. Ich schaute
zum Fenster raus. Keine Sonne mehr . Der
Himmel war dicht. Es regnete. Dies ist kein
Herbsttag, wie ihn Hebbel sah, dachte ich.
Ich muss mal raus, sagte ich, mein Kopf muss
frei werden.
Und – was machten Sie draußen ?
Laubfegen, Nachbars Hund begrüßen, mich
nassregnen lassen.
Sie bekamen Ihren Kopf endlich frei, nehm
ich an.
Ja – nach einer Stunde schien auch wieder
die Sonne. Der Nachbar kam, wir setzten uns
auf die nasse Bank, um Politik
durchzuhecheln.
Da konnten Sie doch ein paar Worte in den
Tag bringen......
Kaum. Der Nachbar gehört zu den Leuten, die,
wenn ihnen kein Lob einfällt, schimpfen
müssen. Und mit diesem Nachbarn ist es
manchmal so tragisch, dass selbst ein Lob
sich so anhört, als fiele ihm nichts
Blöderes ein. Da fällt mir auch nichts mehr
ein.
Wie sind Sie da raus gekommen ?
Ich bin rein gegangen. Mir war kalt
geworden. Ich konnte mich kaum erheben. Ich
fühlte die Nässe bis zum Genick. 10 Meter
steif. Ich wünschte guten Abend und ging
rein. Als ich lernte, aufrecht zu gehen,
büßte ich Zähne ein. Heute sind’s die
Bandscheiben, das wissen Sie.
Das weiß ich – die sind es auch morgen noch.
Sofern sie nicht weg sind, meinen Sie.
Verbleiben wir noch ein Weilchen an diesem
Nachmittag. Sie gingen rein und....?
Ich legte mich zu Bett, las ein wenig, mein
linker Arm schmerzte. Ich drehte mich auf
die Seite, las ein wenig, mein Rücken
schmerzte. Ich drehte mich auf den Rücken ,
las ein wenig, mein Kopf schmerzte. Ich
drehte mich auf den Bauch und schlief ein.
Ich träumte.
Und den Traum wollen Sie nicht erzählen.....
Diesen schon; das war der
Spätnachmittagstraum, von dem ich nur noch
ein paar Bilder weiß.
Was zeigten die ?
Ein Mann lag auf einem Tisch in
eingelassener Negativform
-----------?
Die dicke Tischplatte war der Körperfigur
angepasst. Ein Tischbett. Ein Tischlieger
auf einem Tischbett -
sah aus wie ich. Na sowas.....
Interessant.....
Der hatte nichts als Knöpfe am Leib , die er
fortwährend drückte. Der war voll verkabelt.
Um ihn herum, in Augenhöhe und höher, waren
etliche Sichtstreifen – Bildschirme. Er
suchte die Welt und kam an.
Haben Sie sich gut unterhalten ?
Ich konnte kein Wort sagen. Der hat nur
geschwärmt – nur geschwärmt. Ich konnt`s
nicht ertragen und bin wach geworden.
Sie sind ein Technikfeind. Zumindest haben
Sie Angst vor ihr.....
Gott bewahre. Und hör’n Sie mir auf mit der
Angst. Ich hab höchstens Angst vor dem
nächsten Tag. Und ohne Technik wär ich
längst im Buchenwald unterm Laub.
Das lässt doch weit blicken.
Aber nicht von der Laubdecke aus – eben.
Ich meine Ihre Angst vor dem nächsten Tag.
Wie verlief denn der Rest des Tages ?
Huckepack
Huckepack ?
Ich konnt ja nicht anders als mich selbst
Huckepack nehmen. Sehr behutsam hab ich Wege
gemacht, manchmal geschrien, immer gestöhnt.
In der Küche lag ein Zettel : Bin einkaufen
Liebster – bis später. Musste wieder Türen
öffnen für Lisa, hab ihren Dünnschiss
entsorgt, ihr Futter gereicht – bin dabei
mit Eleganz in die Knie gegangen .....
------------?
Und konnt nicht wieder hoch. War ’ne lange
Unterhaltung mit der Mieze.
Was hat sie gesagt ?
Sie hat gefressen. Hat zwischendurch einen
Blick über die Schulter geworfen, als wär
ich ihr lästig. Ansonsten – welches Tier
spricht schon mit vollem Mund ?
Doch Sie kamen wieder auf die Beine....?
Ja – nachdem sich die Mieze vollgefressen
verdrückte – nicht ohne einen letzten Blick,
der mich glatt deklassierte – erinnerte ich,
dass ich Huckepack war. Da ging’s wieder.
Was heißt denn nun Huckepack ?
Seelenmassage – nicht nach dem holländischen
Ankommen – Abfahrt – Modell, sondern nach
meiner eigenen Methode : Reisen und Denken.
Reisen und Denken ? Aha !
Denkreisen – ja . Abgesehen von der
Hinfälligkeit des Körpers sind Denkreisen
der sportive Ausgangspunkt für Wegtreten
Bitte – werden Sie konkret
Mir tut’s weh – okay ? Ich halt mich wo fest
– okay ? Wenn der Gegenstand taugt, taugt
die Assoziation – okay?
Nein
Nein ?
Ich kann mir vielleicht denken, was bei –
sagen wir – Bettpfosten, alles gedacht
werden kann. Doch ich weiß nicht, was Sie,
an einen Bettpfosten gelehnt, denken
könnten.....
Tanke schön – hab ich gedacht
-----------?
Tanke schön
Wenn wir mal beisammen sind – meine Frau und
ich – ist sogar der folgende Abschied schön.
Meine Frau sagte, als sie sich das Hemdchen
überzog : Danke schön. Ich fahr jetzt tanken
und Oma besuchen.
Und ich dachte, ein Arsch mit Seele, wie der
sich hinwegbewegte von mir und wiederholte
laut : Seele mit Arsch – und der wackelte
und drehte sich in den Kurven und ein
schnippiges Na sowas na also na auch bewegte
sich mit ihm fort. Tanke schön, rief ich ihr
nach.
Ach – nun begreif ich, was Sie mit Huckepack
meinen. Sie wolln mir erzählen, dass Sie
sich trennen und dadurch verdoppeln, wodurch
Sie den Körper Huckepack nehmen ? Wenn’s
nottut ? Herrlich . Da wird mir warm ums
Herz. Das schlägt ins Fach. Wenn Sie
gestatten, ich setz mich ein wenig auf die
Kante. Das ist zu schön, um wahr zu sein.
Wie machen Sie das ? Mir ist ganz ähnlich
zumute – manchmal – ich hatte da eine Flaute
– Sie wissen schon – wir werden älter.
Außerdem hab ich alles gut registriert . Und
dennoch, ich kann nicht behaupten, über
meinen Informationen zu stehen . Das führt,
so scheint’s, zu Spannungen, die ich zwar
wegstecke, aber nicht voll kontrolliere.
So ist’s recht, salbadern Sie nur. Sie
sollten mal Holzhacken gehn.
Sie unterstellen mir, zu einseitig zu sein –
hör ich recht ? Bin ich nicht. Ganz und gar
nicht. Wenn Sie mir Ihren Traum erzählen,
erzähle ich Ihnen, wer wir sind. Sie und
ich. Kolossal digital, um das
vorwegzunehmen. Doch nun ist mir so, als
sollte ich Sie etwas erheitern – zunächst.
Mich erheitern ? Was ist denn mit Ihrem
Berufsbild los ? Was wollen Sie ? Huckepack
?
Ach – rücken Sie bitte – ja gut so – so
ist’s recht – ja-.
Ja – ich begehe keinen Vertrauensbruch,
glaub ich, wenn sage, dass fast meine
gesamte Erfahrung auf Träumen gewachsen
ist.. Auf meinen und auf denen anderer
Leute. Ich erzähl Ihnen, wie ich ein
Spezialist unter Hunderttausenden wurde und
dadurch so gleich – gleicher geht’s nicht –
von Freud über Hamlet bis mich.
Nun reden Sie schon. Erheitern Sie mich. Da
geht’s uns besser, sagt der Frisör.
Liegen Sie bequem ? – Ja ? Gut so, ich auch.
Mir träumte, ich saß im Bildschirm. Ich sah
auf eine –äh- Feierabendszene. Rechts vor
mir halb und halbgelegt ein älterer Hahn mit
Brille am Hals. Sein Federkleid lag in den
Kissen verstreut. Er dämmerte in der dunklen
Sofaecke, zwei durchgeschlürfte
Pantöffelchen von sich gestreckt. Sein Kopf
hing wie umgedreht über der Lehne, der
Schnabel offen. Vor ihm ruhte ein schwarzer
Teckel auf einem roten Teppich. Er schaute
aus halbblinden Augen an mir vorbei.
Ich riskierte einen Ton. Ich fragte : Hallo
– was sehn Sie ?
Hahn und Teckel schreckten hoch und starrten
mir in den Bildschirm. Hahn sagte : ich
kann’s nicht glauben, sieht angekaut aus und
macht Töne. Sind wir nun verblödet oder
fehlt uns was ?
Das sind zwei Freunde im Geiste, rief ich –
aber – was sehn Sie ?
Na – einen Apfel per du und darüber ist das
Programm eingeblendet – Dia 25 Regen – du
bist´ ne Störung .
Apfel per du – was mag das sein ?, wollte
ich wissen.
Na du doch – Kumpel, gähnte der Teckel –
oder was willst du sein – ein Pferdeapfel
mit Nase und Augen ?
Das geht mir zu weit, krähte Hahn, wo bin
ich denn ? Na sowas – du wirst gezoomt – auf
’ne natürliche Größe natürlich. Aha – da
steckst du – im Haufen. Du bist Protestapfel
– aha !
Dacht ich’s mir doch, gähnte Teckel und
legte die Schnauze auf die Vorderstumpen –
faule Sache wie üblich.
Ich versteh überhaupt nichts , krähte Hahn –
wozu soll das gut sein ?, mein Mist ist
drogenfrei. Die spinnen, die Züchter.
Aber – was ist mit dem Apfel per du ?, rief
ich aus dem Haufen.
Das kann ich nicht sehn, Kumpel, krakeelte
Hahn, du bist angebissen –
Was Persönliches, du verstehst, brummelte
Teckel zwischen die Pfoten.
Aber – warum Protestapfel ?, schrie ich
verängstigt.
Halts Maul – fauler Apfel – rasselkrakeelte
Hahn – da kommt’s schon – hinter euerm
Haufen steigt ´n Zeppelin auf, schöner als
die schönste Wolke am Firmament – ja – das
ist es. Er zieht einen Streifen Hühnerfutter
hinter sich her. Das ist mal was – was ? –
was ist das ? Dia 25 Regen, immer noch
Störung. Wo sind wir nun ? Auf dem Friedhof,
heiliger Strohsack. Abgangsfeier mit Musik
what a wonderful world. Ach, da liegen die
Äpfel. Ne, so´n Spruch auf dem Grabstein :
gut gefressen – gut getrunken – tonnenweise
Duft gestunken – und in Ewigkeit versunken.
Amen. Das is Reklame – Reklame is das -.
Nein, das is ’ne Landschaft – ’ ne ganze
Landschaft is das – und du mittendrin –
Heiliger Strohsack.
Bitte bitte, mein Gott, bat ich gequetscht,
zapp mich um. Und damit war der Traum fast
zu Ende. Ich hörte nur noch hinter mir einen
Lastwagen halten. Und dann rollte die Luft
und hunderttausend neue Protestäpfel weckten
mich – ach ......
Liegen Sie bequem ?
Haben Sie das gesagt ?
Nein, Sie
Ich ?
Ja, Sie
Nein, nicht ich, Sie
Ich hab nichts gesagt
Ja, was hab ich denn gesagt ?
Film ab rief jemand
und über die grünen Hügel schob sich der
rote Feuerball.
|