Josef Butke

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Liegen Sie bequem ?:

Liegen Sie bequem ? Na dann wolln wir mal. Was war’s denn diesmal ?
Diesmal ? Aber erlauben Sie. Es ist immer so. Gestern z.B. war ein Tag, in dem ich kaum ein Wort lassen konnte. Als ich Hallo sagte, kam meine Frau gleich mit langen Sätzen über mich. Dabei fing er so harmlos an, der Tag. Nach dem wüsten Traum war’s die reinste Freude.
Ein wüster Traum? , sagen Sie.
Der Traum ? Den erzähl ich nicht. Dann sagen Sie nur, dass ich ängstlich bin und das weiß ich lange. Seit dem letzten Kurssturz hab ich ja kaum noch was, um das ich Angst haben kann. Darum – ich möcht den Traum außen vorlassen. Als ich erwachte, war ich erleichtert.

Ein Traum kann seine Bedeutung haben. Die Erleichterung sagt uns, dass der Traum schwer war. Er könnte den folgenden Tag mitbestimmt haben.....andererseits ist ein Traum auch immer Verarbeitung. Er könnte....aber....?

Weiß schon, weiß schon. Deshalb ja – ich möcht mit dem Tag beginnen – weil er so schön anfing, mein ich. Er war so schön klar, ein Herbsttag mit bunten Bäumen . Flattertanzmich spielte der Wind mit den Blättern. Er legte sie richtig weich zu Boden. Ich kann mich darin verlieren, wenn ich den Wind sehn will.
Auch wenn in der Ferne so ein Strich droht. Ich hör ihn, den Strich – das ist die Autobahn. In der Nähe schepperte nur ein Eimer, der wogegen stieß. Die Mieze will an die Milch, dachte ich. Dann klingelte das Telefon. Das geht auf den Magen. Ich war froh als ich es endlich gefunden hatte. Doch der Anruf war schon im Fax. Es fiepte. Ich setzte Milch auf den Herd, drückte den Zünder. Die Mieze miezte ein paar Forderungen. Ich versteh nur wenig von dieser Sprache, doch eines verstand ich immer, das hieß: leg mir schöne Sachen in den Napf – und zwar jetzt, sonst scheiß ich in die Küche – und zwar gleich.

Wie fühlten Sie sich dabei...?

Wie ich mich fühlte ? Mein Gott – Gott fühlte, da fehlt was und machte den 7. Tag, den Tag der Ruhe. So fühlte ich mich. Nach 10 Minuten.

Sie wollten Ruhe ....?

Ich wollte frühstücken, ich war hungrig, ich wollte die aufschäumende Milch in die Tasse gießen, zum Kaffee, Brote schmieren, Radio anstellen, Zeitung lesen – frühstücken.....

Und – haben Sie`s geschafft ?

Das Telefon klingelte....

- - - - - ?

Das Telefon klingelte, die Milch kochte über, die Katze war an der Butter, das Radio sagte > es ist 11.30 Uhr< . Die Headline lag wie ein Balken auf der Zeitung : Krieg in Afghanistan

Was haben Sie gemacht ?

Ich bin zum Telefon gerannt. Hätt ja wichtig sein können, weil es zum 2. Mal ins Fax wollte.

--------?

Ich hab’s erwischt und es war wichtig. Meine Schwiegermutter eröffnete mir zum 3.Male, dass sie 2 Bilder von mir kaufen wollte.

Schöne Anteilnahme!

Ich bitte Sie. Sie sollten jede Art von Wertung unterlassen. Und seien Sie etwas sanfter - ja ? Ja - gut.
Wo war ich ? Ich brüllte vor Freude ins Telefon. Ich bedankte mich. Meine Schwiegermutter ist schwerhörig, müssen Sie nicht wissen. Ich bin immer sehr freundlich zu ihr. Doch es fällt manchmal schwer , weil sie mich gern in dem Kreis hätte, in dem sie sich dreht.

Und - Sie haben gefrühstückt ?

Natürlich – als ich es endlich beisammen hatte, nachdem ich den Topf gesäubert, Milch neu aufgesetzt und Brot zubereitet – als ich endlich saß und aß, maunzte die Mieze. Sie wollte zur Tür raus.

Sie haben mal von Katzeneingängen erzählt , erlaubt nur für Maus, Ratte, Wiesel, Katze...?

Erlaubt nur für Miezen. Die andern haben andere Wege. Für Normalmiezen, doch nicht für Lisa. Die ist von Natur aus fett – besonders zum Winter hin.

Und dann ?

Dann kam meine Frau vom Dienst. Ich rief Hallo mit gemischten Gefühlen. Sie antwortete mit ein paar Tonnen Alltagsstress aus der Schule und wie schön doch sich die Blätter verfärbten . Na prima. Ich schaute zum Fenster raus. Keine Sonne mehr . Der Himmel war dicht. Es regnete. Dies ist kein Herbsttag, wie ihn Hebbel sah, dachte ich. Ich muss mal raus, sagte ich, mein Kopf muss frei werden.

Und – was machten Sie draußen ?

Laubfegen, Nachbars Hund begrüßen, mich nassregnen lassen.

Sie bekamen Ihren Kopf endlich frei, nehm ich an.

Ja – nach einer Stunde schien auch wieder die Sonne. Der Nachbar kam, wir setzten uns auf die nasse Bank, um Politik durchzuhecheln.

Da konnten Sie doch ein paar Worte in den Tag bringen......

Kaum. Der Nachbar gehört zu den Leuten, die, wenn ihnen kein Lob einfällt, schimpfen müssen. Und mit diesem Nachbarn ist es manchmal so tragisch, dass selbst ein Lob sich so anhört, als fiele ihm nichts Blöderes ein. Da fällt mir auch nichts mehr ein.

Wie sind Sie da raus gekommen ?

Ich bin rein gegangen. Mir war kalt geworden. Ich konnte mich kaum erheben. Ich fühlte die Nässe bis zum Genick. 10 Meter steif. Ich wünschte guten Abend und ging rein. Als ich lernte, aufrecht zu gehen, büßte ich Zähne ein. Heute sind’s die Bandscheiben, das wissen Sie.

Das weiß ich – die sind es auch morgen noch.

Sofern sie nicht weg sind, meinen Sie.

Verbleiben wir noch ein Weilchen an diesem Nachmittag. Sie gingen rein und....?

Ich legte mich zu Bett, las ein wenig, mein linker Arm schmerzte. Ich drehte mich auf die Seite, las ein wenig, mein Rücken schmerzte. Ich drehte mich auf den Rücken , las ein wenig, mein Kopf schmerzte. Ich drehte mich auf den Bauch und schlief ein. Ich träumte.

Und den Traum wollen Sie nicht erzählen.....

Diesen schon; das war der Spätnachmittagstraum, von dem ich nur noch ein paar Bilder weiß.

Was zeigten die ?

Ein Mann lag auf einem Tisch in eingelassener Negativform

-----------?

Die dicke Tischplatte war der Körperfigur angepasst. Ein Tischbett. Ein Tischlieger auf einem Tischbett -
sah aus wie ich. Na sowas.....

Interessant.....

Der hatte nichts als Knöpfe am Leib , die er fortwährend drückte. Der war voll verkabelt. Um ihn herum, in Augenhöhe und höher, waren etliche Sichtstreifen – Bildschirme. Er suchte die Welt und kam an.

Haben Sie sich gut unterhalten ?

Ich konnte kein Wort sagen. Der hat nur geschwärmt – nur geschwärmt. Ich konnt`s nicht ertragen und bin wach geworden.

Sie sind ein Technikfeind. Zumindest haben Sie Angst vor ihr.....

Gott bewahre. Und hör’n Sie mir auf mit der Angst. Ich hab höchstens Angst vor dem nächsten Tag. Und ohne Technik wär ich längst im Buchenwald unterm Laub.

Das lässt doch weit blicken.

Aber nicht von der Laubdecke aus – eben.

Ich meine Ihre Angst vor dem nächsten Tag. Wie verlief denn der Rest des Tages ?

Huckepack

Huckepack ?

Ich konnt ja nicht anders als mich selbst Huckepack nehmen. Sehr behutsam hab ich Wege gemacht, manchmal geschrien, immer gestöhnt. In der Küche lag ein Zettel : Bin einkaufen Liebster – bis später. Musste wieder Türen öffnen für Lisa, hab ihren Dünnschiss entsorgt, ihr Futter gereicht – bin dabei mit Eleganz in die Knie gegangen .....

------------?

Und konnt nicht wieder hoch. War ’ne lange Unterhaltung mit der Mieze.

Was hat sie gesagt ?

Sie hat gefressen. Hat zwischendurch einen Blick über die Schulter geworfen, als wär ich ihr lästig. Ansonsten – welches Tier spricht schon mit vollem Mund ?

Doch Sie kamen wieder auf die Beine....?

Ja – nachdem sich die Mieze vollgefressen verdrückte – nicht ohne einen letzten Blick, der mich glatt deklassierte – erinnerte ich, dass ich Huckepack war. Da ging’s wieder.

Was heißt denn nun Huckepack ?

Seelenmassage – nicht nach dem holländischen Ankommen – Abfahrt – Modell, sondern nach meiner eigenen Methode : Reisen und Denken.

Reisen und Denken ? Aha !

Denkreisen – ja . Abgesehen von der Hinfälligkeit des Körpers sind Denkreisen der sportive Ausgangspunkt für Wegtreten

Bitte – werden Sie konkret

Mir tut’s weh – okay ? Ich halt mich wo fest – okay ? Wenn der Gegenstand taugt, taugt die Assoziation – okay?

Nein

Nein ?

Ich kann mir vielleicht denken, was bei – sagen wir – Bettpfosten, alles gedacht werden kann. Doch ich weiß nicht, was Sie, an einen Bettpfosten gelehnt, denken könnten.....

Tanke schön – hab ich gedacht

-----------?

Tanke schön
Wenn wir mal beisammen sind – meine Frau und ich – ist sogar der folgende Abschied schön. Meine Frau sagte, als sie sich das Hemdchen überzog : Danke schön. Ich fahr jetzt tanken und Oma besuchen.
Und ich dachte, ein Arsch mit Seele, wie der sich hinwegbewegte von mir und wiederholte laut : Seele mit Arsch – und der wackelte und drehte sich in den Kurven und ein schnippiges Na sowas na also na auch bewegte sich mit ihm fort. Tanke schön, rief ich ihr nach.

Ach – nun begreif ich, was Sie mit Huckepack meinen. Sie wolln mir erzählen, dass Sie sich trennen und dadurch verdoppeln, wodurch Sie den Körper Huckepack nehmen ? Wenn’s nottut ? Herrlich . Da wird mir warm ums Herz. Das schlägt ins Fach. Wenn Sie gestatten, ich setz mich ein wenig auf die Kante. Das ist zu schön, um wahr zu sein. Wie machen Sie das ? Mir ist ganz ähnlich zumute – manchmal – ich hatte da eine Flaute – Sie wissen schon – wir werden älter. Außerdem hab ich alles gut registriert . Und dennoch, ich kann nicht behaupten, über meinen Informationen zu stehen . Das führt, so scheint’s, zu Spannungen, die ich zwar wegstecke, aber nicht voll kontrolliere.

So ist’s recht, salbadern Sie nur. Sie sollten mal Holzhacken gehn.

Sie unterstellen mir, zu einseitig zu sein – hör ich recht ? Bin ich nicht. Ganz und gar nicht. Wenn Sie mir Ihren Traum erzählen, erzähle ich Ihnen, wer wir sind. Sie und ich. Kolossal digital, um das vorwegzunehmen. Doch nun ist mir so, als sollte ich Sie etwas erheitern – zunächst.

Mich erheitern ? Was ist denn mit Ihrem Berufsbild los ? Was wollen Sie ? Huckepack ?

Ach – rücken Sie bitte – ja gut so – so ist’s recht – ja-.
Ja – ich begehe keinen Vertrauensbruch, glaub ich, wenn sage, dass fast meine gesamte Erfahrung auf Träumen gewachsen ist.. Auf meinen und auf denen anderer Leute. Ich erzähl Ihnen, wie ich ein Spezialist unter Hunderttausenden wurde und dadurch so gleich – gleicher geht’s nicht – von Freud über Hamlet bis mich.

Nun reden Sie schon. Erheitern Sie mich. Da geht’s uns besser, sagt der Frisör.

Liegen Sie bequem ? – Ja ? Gut so, ich auch.

Mir träumte, ich saß im Bildschirm. Ich sah auf eine –äh- Feierabendszene. Rechts vor mir halb und halbgelegt ein älterer Hahn mit Brille am Hals. Sein Federkleid lag in den Kissen verstreut. Er dämmerte in der dunklen Sofaecke, zwei durchgeschlürfte Pantöffelchen von sich gestreckt. Sein Kopf hing wie umgedreht über der Lehne, der Schnabel offen. Vor ihm ruhte ein schwarzer Teckel auf einem roten Teppich. Er schaute aus halbblinden Augen an mir vorbei.

Ich riskierte einen Ton. Ich fragte : Hallo – was sehn Sie ?

Hahn und Teckel schreckten hoch und starrten mir in den Bildschirm. Hahn sagte : ich kann’s nicht glauben, sieht angekaut aus und macht Töne. Sind wir nun verblödet oder fehlt uns was ?

Das sind zwei Freunde im Geiste, rief ich – aber – was sehn Sie ?

Na – einen Apfel per du und darüber ist das Programm eingeblendet – Dia 25 Regen – du bist´ ne Störung .

Apfel per du – was mag das sein ?, wollte ich wissen.

Na du doch – Kumpel, gähnte der Teckel – oder was willst du sein – ein Pferdeapfel mit Nase und Augen ?

Das geht mir zu weit, krähte Hahn, wo bin ich denn ? Na sowas – du wirst gezoomt – auf ’ne natürliche Größe natürlich. Aha – da steckst du – im Haufen. Du bist Protestapfel – aha !

Dacht ich’s mir doch, gähnte Teckel und legte die Schnauze auf die Vorderstumpen – faule Sache wie üblich.
Ich versteh überhaupt nichts , krähte Hahn – wozu soll das gut sein ?, mein Mist ist drogenfrei. Die spinnen, die Züchter.
Aber – was ist mit dem Apfel per du ?, rief ich aus dem Haufen.

Das kann ich nicht sehn, Kumpel, krakeelte Hahn, du bist angebissen –

Was Persönliches, du verstehst, brummelte Teckel zwischen die Pfoten.

Aber – warum Protestapfel ?, schrie ich verängstigt.

Halts Maul – fauler Apfel – rasselkrakeelte Hahn – da kommt’s schon – hinter euerm Haufen steigt ´n Zeppelin auf, schöner als die schönste Wolke am Firmament – ja – das ist es. Er zieht einen Streifen Hühnerfutter hinter sich her. Das ist mal was – was ? – was ist das ? Dia 25 Regen, immer noch Störung. Wo sind wir nun ? Auf dem Friedhof, heiliger Strohsack. Abgangsfeier mit Musik what a wonderful world. Ach, da liegen die Äpfel. Ne, so´n Spruch auf dem Grabstein : gut gefressen – gut getrunken – tonnenweise Duft gestunken – und in Ewigkeit versunken. Amen. Das is Reklame – Reklame is das -. Nein, das is ’ne Landschaft – ’ ne ganze Landschaft is das – und du mittendrin – Heiliger Strohsack.

Bitte bitte, mein Gott, bat ich gequetscht, zapp mich um. Und damit war der Traum fast zu Ende. Ich hörte nur noch hinter mir einen Lastwagen halten. Und dann rollte die Luft und hunderttausend neue Protestäpfel weckten mich – ach ......

Liegen Sie bequem ?
Haben Sie das gesagt ?
Nein, Sie
Ich ?
Ja, Sie
Nein, nicht ich, Sie
Ich hab nichts gesagt
Ja, was hab ich denn gesagt ?

Film ab rief jemand
und über die grünen Hügel schob sich der rote Feuerball.

 

© Josef Butke  │ Webdesigner: Michael Janik