Straße der Pensionäre
Du glaubst es nicht, bellte Watzmann
zweistimmig. Jeder, der ihn kennt, weiß,
dass er zweistimmig bellen kann. Das
passiert, wenn seine Selbstlaute in der
Kehle stecken bleiben.
Und was liegt da unten ?, knurrte er, keine
Bananenschalen nein, auch nicht tausend
Bananenschalen. Nein.
Ein ganzer Mensch ? Nein – ein halber ? –
ja. Der untere Teil in einer massiven grauen
Masse – in Zement !
Der obere Teil blickte als Weichmann an mir
vorbei. Ohne Blick – tot - Etzel
Weichmann......du glaubst es nicht......
Er strich sich übers unrasierte Kinn. Musste
ja kein Mensch wissen, wie schlecht er sich
aufgeführt hatte. Ging keinen was an, dass
Angst und Schrecken aus allen Löchern
können, wenn sie müssen. Dass er sich über
Weichmanns Gesicht hatte übergeben müssen,
konnten die Bullen nicht ganz nachvollziehn.
Dazu müssen Sie auf den Zementblock
gestiegen sein, überkletterten den Resttorso
des Opfers, um auf seinen Kopf zu kotzen und
ganz nebenbei darauf die Blase zu entleeren
-? – was wolln Sie uns hier erzählen –
hatten Sie was gegen Weichmann ?
Ich weiß nicht...ich weiß nicht, was
passiert ist....
Also, um das Gesicht des Opfers zu treffen,
mussten Sie erst mal über die runde
Zementtonne spritzen, und das kann nicht mal
ein junger Bursche, nicht mal mit einer
vollen Blase, wenn das Grab ein Schlauch und
Opfer und Tonne fast den gesamten
Eingangsraum der Höhle füllen. Was sagen Sie
dazu ?
Aber es geht hier doch um Mord und nicht um
meine ääh...Unpässlichkeiten...ich weiß
nicht mehr, ich weiß nicht, was passiert
ist....ich hab mich so erschrocken...ich...
Ich muss das ausklammern, dachte er, strickt
ausklammern – sollten doch die Herren
Detektive mit diesem
Widerspruch zurechtkommen. Wie ´ne
Nebelbank.... undeutlich....
Ich weiß nur von Übelkeit, von sehr großer
Übelkeit (er hatte inzwischen die Kleidung
gewechselt ), von nichts vorher und nichts
nachher, nur dass ich im Wald spazieren ging
und nach meinem Hund rief, der in der Senke
verschwunden war, in der wo – er hat’s
gerochen....
Ausklammern, dachte er, ausklammern – ich
weiß nun nicht mehr, dass ich was
verschweige – das klammer ich
aus.
Einer der Polizisten vermutete so was wie
einen Fehlpass, ein Fehlpass am Watzmann.
Oder so, als kämen nicht alle Pässe an,
sagte er. Das gibt dann ein ganz
verzweifeltes Spiel, bei dem die Mitspieler
vergessen, dass sie mitspielen, folgerte er.
Das hast du doch nicht aus dem Kurs
Menschenführung, sagte der Kommissar.
Interessante Kombination, stellte ein
anderer fest.
Von welchem VFL-Spiel redest du ?, fragte
ein dritter.
Was habt ihr sonst für Fragen ?, fragte der
Chef seine Jungs.
Wie kommt das Opfer in Zement und wie der
Zement in die Höhle ?, präzisierte Inspektor
Heinrich, und wie schafft’s Watzmann, dem
Opfer ins Gesicht zu kotzen, wobei zu
berücksichtigen ist, dass Watzmann am Stock
geht und die Öffnung nur für einen Artisten
zu ....äh... bekriechen ist ?
Und warum weiß Watzmann nichts ?, fügte er
hinzu.
Und du, Böckmeier, was sagst du ?, fragte
der Chef.
Ich bin grad vom Zahnarzt zurück, antwortete
der. Er hielt sich die Backe.
Gibt’s sonst noch was ?, fragte der Chef,
fällt euch noch was ein ? Nein ? Dann ergibt
sich folgendes Bild :
Watzmann, Rentner und behindert, geht wie
fast jeden Tag im Wald spazieren, mit Hund.
Der Hund wittert, Watzmann folgt und
entdeckt in einer Senke eine Höhle, deren
Eingang durch einen Zementblock versperrt
ist. In den Block ist das Opfer, August
Weichmann, bis zum Gürtel einbetoniert....
Da fehlt noch dieser Widerspruch in
Watzmanns Aussage, unterbrach der Absolvent
der Polizeihochschule.
Gut aufgepasst, Engel, lobte der Kommissar,
dass du schon morgen wieder weg musst....wie
schade
Aber ich bin Montag zurück...
Eins nach dem andern, befahl der Chef. Wenn
wir im Hinterkopf behalten, dass wir mit
Watzmann noch nicht fertig sind, ergibt sich
zunächst die Frage 1. Wer hatte ein Motiv ?
2. Was und wie hat er’s gemacht, der oder
die
Täter ? Bitte antworten, meine Herren.
Der Oberkörper des Opfers war nackt, warf
Engel ein.
Gut beobachtet, stellte der Kommissar fest.
Was sagt uns das ?, fragte der Chef
Das wissen wir noch nicht, stellte der
Kommissar fest.
Sind Mutmaßungen erlaubt ? , fragte
Inspektor Heinrich.
Raus damit, Heinrich
Wenn wir feststellen, dass das Opfer bis zum
Gürtel einbetoniert war, bzw. ist, er ist ja
noch nicht davon befreit – äh – der Beton
ist noch nicht entfernt, soviel ich weiß –
wenn wir das wissen, folgt daraus, dass er
unten noch
bekleidet ist. Ich kann mir nicht
vorstellen, dass der sichtbare Teil des
Gürtels die ganze Bekleidung ist.
Allerdings, fällt mir ein, waren
Hosenschlaufen, in denen der Gürtel stecken
sollte, nicht zu sehen ...auch keine
Stoffspuren wie Hosensaum oder dergleichen.
Glatter Hautabschluss mit Beton.
Schlage vor, dass wir die Ergebnisse der
Spurensicherung abwarten, schlug der
Kommissar vor.
Gut – warten wir ab. Teilen Sie bitte die
Arbeiten ein, Becks. Wir vertagen bis morgen
14.30 Uhr. Bis dahin ist der Betonsarg wohl
aus dem Grab. Danke, meine Herren – frohes
Schaffen...
Der Chef verließ die Runde. Er hatte noch
anderes zu tun.
Machen wir weiter, Leute. Der Kommissar
legte sich im Schreibtischsessel zurück. Er
verschränkte die Arme hinterm Kopf.
Spekulieren wir ein bisschen. Ist das Opfer
in Beton gegossen, in ein großes Fass, in
ein Weinfass oder in eine Farbtonne?
Genaueres wird uns die Spurensicherung
sagen: Für uns ist wichtig, ist er, der
Weichmann, in das Fass eingegossen und dann
zur Fundstelle äh - gerollt worden – und –
war er zu diesem Zeitpunkt tot oder lebte er
noch ? Oder ist der Fundort auch der Tatort
? Ich glaube, wir können ausschließen, dass
das Fass zum Fundort gerollt worden ist.
Dazu wären Maschinen notwendig, ein
Schaufelbagger vielleicht. Das wäre nicht
unbemerkt geblieben. Schleifspuren oder
Abdrücke von Autoreifen sind bis jetzt nicht
entdeckt worden. Also gehen wir davon aus,
dass der Beton an Ort und Stelle gegossen
wurde, mit dem Opfer drin. Auch, wenn nicht
einmal Reste von Zementsäcken oder
Zementstaub gefunden wurden – ich sage, bis
jetzt – nicht mal Sand.
Ihr seht, spekulieren ist nicht möglich. Wir
müssen die Ergebnisse der Spurensicherung
abwarten. Punkt.
Also machen wir was Praktisches. Wir gehen
Leute ausfragen. Heinrich und Meyers nehmen
sich die Straße vor, die einzelnen Häuser,
das gesamte Umfeld. Böckmeier schnüffelt am
Tatort rum. Damit du ihn auch kennenlernst,
sprach er ihn direkt an. Nimm noch Fritzen
mit, damit er ein paar Abschlussbilder vom
gereinigten Tatort schießt. Ihr könnt auch
Elke mitnehmen. Im Fragenstellen ist die
sehr gut. Wo ist sie überhaupt, die Elke
Hömmers ?
Kaffeekochen, Chef, wenn sie nicht grad
sauer ist, weil sie Kaffee kochen soll. Dann
ist sie in der Kantine und lässt sich Kaffee
kochen.
Für wen will sie denn Kaffee kochen, wenn
wir jetzt alle gehn ? Also, Kollegen, macht
euch auf die Socken. Denkt auch ans Motiv,
hat der Chef gesagt. Meistens geht’s um
Geld. Checkt die Konten. Das machst du,
Heinrich. Weshalb musste August Weichmann
sterben ? – bis dann.
Aber ich soll doch mit Elke Hömmers die
Zeugen.....
Klar sollst du mit Elke, aber erst mal zur
Bank. Gibt’s ’n Anwalt ?, gibt’s Erben ?.
Also Testament usw. Wir sehn uns morgen.
Du glaubst es nicht, stöhnte Watzmann. Ich
glaube, den Weichmann im harten Beton
vergess ich nie. Der alte Etzel, wie er so
blicklos aus dem Beton guckt. Ohne
Taschenlampe hätt ich gar nicht gemerkt,
dass der Klotz im Eingang lag, dass das der
Eingang zu einer Höhle ist. Gut, dass ich
immer eine Lampe mitnehm, schlecht, dass ich
ihn gefunden hab, den armen Kerl. War doch
immer munter mit Hund.
Du glaubst nicht, was für blöde Fragen diese
Polizisten stellen. Ob ich schon lange so
behindert wär, z.B., am Stock gehe, meint
der wohl oder wann ich mein Frühstück
auszubrechen pflege – Unverschämtheit – vor
der Höhle schon oder drinnen. Wann’s mir
gekommen war, so ’n Blödsinn. Wie kommt Ihr
Urin auf Etzel Weichmann?, fragen die mich.
Mein Gott, was für Einfaltspinsel. Solln die
doch den Mörder suchen. Was weiß ich denn ?
Hätt ich nicht gesagt, ich hätt dem Etzel
ins Gesicht gekotzt, wär’n die nie
draufgekommen, dass das unmöglich ist. Jetzt
brüten sie. Was weiß der Watzmann ? Ich weiß
nix. Vielleicht war ich’s ja auch gar nicht.
Ich meine, der der gekotzt hat. Obwohl, ich
muss es gewesen sein – oder ? Weil’s meine
ist, weiß ich doch. Aber das ist unmöglich.
Mal sehen, was die rauskriegen, die Schlauen
von der Ordnung. Bin richtig gespannt drauf.
Und Sie sitzen immer an diesem Fenster, Frau
Schmiss ? Ich meine, Sie gehn doch sicher
mal zur Toilette oder zur Tür oder zum
Telefon. Sie müssen essen, usw.
Ich sagte es schon, erinnerte Frau Schmiss,
ich werde bedient. Ich laufe nicht unnötig
herum. Die Toilette hat ein großes Fenster
zur Straße hin. Mir bleibt nichts verborgen.
Mit anderen Worten, Sie sitzen – wie viel ?
- Stunden am Tag nur an diesem Fenster und
sehen, was sich gegenüber tut.
Und am Toilettenfenster...
Richtig – was haben Sie am Donnerstag, also
gestern, gesehen ?
Nichts. Keine Seele. Nicht mal Watzmann. Es
nieselte, da will der Hund nicht raus. Und
Watzmann ohne Hund ist wie ein Auto
querfeldein. Wenn Sie mich fragen, junge
Frau
Polizeimeisterin bitte.
Ja also, Frau Polizeimeisterin, wenn Sie
mich fragen, was ich am Mittwoch und erst am
Dienstag sah, vom Montag und dem Wochenende
ganz zu schweigen, antworte ich Ihnen, eine
kleine Menge Hunde – Jagdhunde –
die vor einer Gruppe Jäger liefen. Keifen
und Hecheln, dass ich meinte, sie riechen zu
können. Ekelhaft.
Am Mittwoch ?
Am Mittwoch, richtig. Ich sah sie nicht
zurückkommen. Also werden sie einen anderen
Weg hinaus benutzt haben. Außerdem gab es
noch einen Nachzügler, den Dackel von
Watzmann, Ernie heißt er. Watzmann hab ich
nicht gesehn, ist aber auch kein Wunder.
Ernie macht immer seine Touren, bei gutem
Wetter. Man kann sich Ernie wohl ohne
Herrchen vorstellen – aber nicht das
Herrchen ohne Ernie.
Ansonsten gab’s vier Spaziergänger. Sahen
aus wie Sommerfrischler. Zwei Frauen und
zwei Männer. Einer zog sein Bein nach.
Ist Ihnen sonst was aufgefallen, am Mittwoch
?
Bis auf die Vier, nein. Die Vier war’n
auffällig genug, mein ich.
Warum ?
Die kleinere Frau trug einen großen
schwarzen Hut, als wollt sie damit
wettmachen, dass die andere ein flotter
Feger war.
Was nennen Sie einen flotten Feger ?
Spielt doch keine Rolle, Elke, mischte sich
Inspektor Heinrich ein, wenn du einen kurzen
Rock trägst, bist du auch ein flotter Feger.
Danke Kollege. Wie waren sie gekleidet?,
setzte Elke Hömmers unbeirrt nach.
Ja, so dass Sie’s von weitem feststellen
konnten, dass das ´ne lockere Gesellschaft
war.
Sie schaute zweifelnd zum Inspektor hoch.
Oder etwa nicht, wenn sie alle Vier hopsen
und springen, als wär’n sie betrunken und
dabei Krach machen ?
Sie schaute scharf und unerbittlich die
Wachtmeisterin an: Wie ist das denn gemeint,
wenn der Rock so kurz ist, dass die Männer
ihn mit den Augen noch höher ziehn ?, fragte
sie.
Die ziehn an jeder Rocklänge, erwiderte die
Polizeimeisterin.
Dafür war’n die Haare so lang, dass sie kaum
ein T-Shirt brauchte, fauchte Frau Schmiss.
War auch nicht zu sehn.
Ich denke, der große Hut auf dem Kopf
verhindert die Einsicht, von hier oben aus,
merkte der Inspektor an.
Aber nicht, wenn ich sehe, wie sie, die Frau
mit dem Wagenrad über das nachgezogene Bein
dieses Gecken stolpert, der vor ihr ging. Da
schlug sie hin und alle sahen hin – ich auch
-.
Was sahen Sie ?, übernahm Frau Hömmers
Das ist doch nicht wichtig, Elke, auch wenn
alles wichtig sein könnte, müssen wir doch
hier nicht über – Wäsche oder so was reden
Frau Schmiss reckte ihr erstes Kinn. Böse
und empört bohrte sich ihr Blick in den des
Inspektors : Sie trug keine Unterwäsche,
fauchte sie.
Elke Hömmers schaute nachdenklich durchs
Fenster herunter auf die Straße, auf die
Böschung gegenüber, den Wald dahinter. Sie
schätzte dreißig Meter. Auf die Entfernung
ließe sie sich auch mal gern....wie heißt
das ? – bitionieren..?
Sie waren also sommerlich gekleidet, die
Spaziergänger ?, hörte sie den Inspektor
fragen.
Ja, ist doch Sommer oder nicht ? – aber so
was – ist ja wohl geschmacklos. Zu meiner
Zeit wäre das nicht folgenlos geblieben.
Ist es auch nicht. Wir haben einen Toten.
Ach, der Tote, ja. Der hatte bestimmt nichts
mit diesen lockeren Weibern im Sinn. Der
liebte seinen Dackel.
Was meinen Sie damit ?, meldete sich die
Polizistin vom Fenster aus.
Der Dackel war sein Lebensgefährte, sein
letzter. Hat...- sie schaute in den
schwarzen Bildschirm des Fernsehers, als
leuchte dort die Antwort wie gedruckt...-
über zwanzig Jahre gedauert...davor war´s ´n
Dalmatiner nach ’m Schäferhund glaub ich...
Ein Hundeliebhaber aha !
Und was für einer
Frau Schmiss ruckte auffordernd beide Kinne
Richtung Polizistin
Den Dackel hielt er auch im Bett - sollte
verboten sein.
Interessiert uns das ?, fragte der
Inspektor. Er schaute streng seine Kollegin
an. Er reckte seinen linken Arm, er sah auf
seine Uhr. Was fällt Ihnen sonst noch ein,
Frau Schmiss ? Etwas Ungewöhnliches
vielleicht ? Einen Traktor, einen Lastwagen,
einen Schaufelbagger, ein größeres Gefährt
gesehen vielleicht ? Er verlor langsam die
Geduld. Er stierte heruntergebeugt in die
kleinen blauen Augen der alten fetten Frau :
Einen Panzer womöglich ?
Ein Traktor ist hier nicht ungewöhnlich. Um
die Waldspitze rum geht’s doch ab in die
Wiesen. Die gehören zu Polders, Landwirt,
Kartoffeln, Gemüse und anderes. Ist ’ne
Goldgrube so nah an der Stadt. Steht doch
immer auf dem Markt.
Wie sah denn der Feger aus ?, meldete sich
die Polizistin am Fenster. Sie schaute immer
noch hinaus. Sie wollte immer noch das Bild
komplett
Rot – ganz in rot, von Kopf bis Fuß – grell
– und davon abgesetzt in der Mitte, um die
Taille, einen breiten schwarzen Lackgürtel
und überall viel Haut dazwischen. In der
Rechten trug sie einen Stecken, mit dem sie
auch dem Gecken unters nachgezogene Bein
griff,
Wie ?
mit der Linken schwenkte sie eine Flasche
MMchen.
Das können Sie doch nicht von hier oben aus
gesehen haben – die Sektmarke mein ich.
Hab auch zur Not noch mein Fernglas. Sie
deutete zur Fensterbank. Die Polizistin nahm
es, sah hindurch.
Der Inspektor schüttelte den Kopf. Er
wünschte sich mindestens drei Häuser weiter.
Die Wanduhr schlug vier Uhr.
Erzählen Sie uns was über die Männer, Frau
Schmiss, forderte die Polizistin sie auf.
Das bringt uns nichts, Frau Kollegin. Frau
Schmiss, denken Sie gut nach, gibt’s noch
anderes zu berichten ?
Frau Kollegin, sagt er plötzlich, dachte
Elke Hömmers. Ein Warnschuss.
Nee, bis auf den Wolkenbruch zum Kaffee,
nein. Sie schaute an Frau Hömmers Profil
vorbei zum Wald. hinaus.
Um diese Jahreszeit fast jeden Tag ein
Wolkenbruch, sagte sie, bin froh, dass der
Wald soviel aufsaugt. Wenn der nicht, gäb’s
hier keine Spaziergänger. Viel zu feucht
hier in der Senke. So nah am Müllberg wird
dem Wald doch nix getan, nicht wahr ? Oder ?
Ja – also - vielen Dank – Frau Schmiss. Wenn
Ihnen noch was einfällt, rufen Sie diese
Nummer an, sagte Inspektor Heinrich. Sie
verabschiedeten sich.
Aber da ist noch dieser Dienstag, rief sie
aus ihrem Sessel, über den weiß ich viel
mehr.....
Doch die beiden Kripos machten die Tür schon
von außen zu.
Da war viel mehr los, am Dienstag. Und ’n
Kleinlaster, der in den Wald fuhr, hörten
sie sie durch die geschlossene Tür brüllen.
Na dann, meinte Heinrich. Sie standen im
Treppenhaus. Du kannst ja noch ein bisschen
mit ihr plaudern. Wir treffen uns beim
Nachbarn in – er schaute auf seine Uhr –
zehn Minuten.
Klar, und wer soll dann den Bösen spielen ?
Das lass sie selbst machen, die kann das
gut. Er ging. Sie öffnete die Tür, steckte
den Kopf durch den Spalt : Noch eine Frage,
Frau Schmiss, was war mit den Männern.....?
Der Inspektor hastete die Treppe runter.
Warum das wohl wichtig ist, dachte er. Er
stand schon vor der Kellertür, als er
merkte, wie schnell er Treppen
runterspringen konnte. Fast so wie in der
Jugend. Er stieg die letzten Stufen
wieder hoch und trat in die offene Haustür.
Hat sich was mit dem Nachwuchs, fiel ihm
ein. Er stopfte ein kleines Pfeifchen,
welches er liebevoll Mutz nannte und paffte
in die frische Nachregenluft :
Vielleicht findet sie noch was, woll’n mal
abwarten hm...ein Kleinlaster...hm....
Es fing damit an – aber wer weiß schon,
womit so was anfängt – dass Watzmann wie
immer seinem Hund nachlief. Es könnt auch
mit einem Gewitter begonnen haben und der
Regisseur rief : das nehmen wir noch mit -
Action – und Watzmann lief....wie
immer......seinem Hund hinterher.
Vielleicht hat’s jedoch....schon vor
zweihundert Jahren begonnen, als der Ort nur
von einer Sippe Watzmänner, Watzfrauen,
Watzläuse usw. bewohnt war. Vielleicht saß
Bliffke Latzmaus oder Wutzlack vor seiner
brüchigen Haustür auf der längs halbierten
Eiche, rieb vor lauter Geilheit unterm
Lederschurz sein Säckchen und sah der Meute
Mischlinge zu, die sich um den Kadaver einer
Katze balgten. Bliffke fantasierte gern,
nehmen wir mal an.
Wie kann ich aus zwei Kötern einen Dackel
machen?, überlegte er vielleicht. Und dann
die Geschichte fortsetzen mit der Frage :
wie mach ich aus zwei Dackeln einen Menschen
...?
Ein interessanter Ansatz , finde ich. Doch
bevor uns allen schlecht wird, verlassen wir
den erstaunlichen Bliffke und wenden uns den
Tatsachen zu. Wir grenzen sie auf die
letzten vier Tage ein, damit wir überhaupt
was schaffen.
Die Straße, in der Watzmann mit Hund Ernie
wohnte, endet mit ihren Siedlungshäusern am
Waldrand, schlängelt sich als unbefestigter
Weg durch den Wald fort bis sie unterm
Bahndamm hindurch wieder zur geteerten
Straße wird. Bis dahin sind’s etwa
eineinhalb km im Quadrat, Wald, in den, vom
Südpol aus gesehen, von links der Müllberg
drückt und von rechts der Bahndamm
schneidet. Hinterm Bahndamm wächst die
nächste Siedlung heran.
In der kleinen Idylle dazwischen wandern die
Nerven auf bloßen Füßen über moosbewachsenen
Schiefer, lassen sich auf kleinen Lichtungen
im Gras nieder, inmitten wilder Himbeeren
oder wilder Erdbeeren. Das tut gut.
Ruhe und Bewegung sind gleich. Innehalten,
wenn nicht grad Wochenende ist und der Wald
durchgängig bewohnt von Naherholungswesen.
So nah am Müllberg bleibt manche Dose auf
der Strecke, was zur Folge hat, dass die
Stadt ein Auge drauf hat. Montags wird
Ordnung durchgesetzt, ab Dienstag ist der
Wald wieder offen für jeden Dreck.
An einem Dienstag also lief Watzmann wie
immer seinem Hund hinterher, auf dreißig
Meter Abstand wie üblich.
Schauen wir mal in Watzmanns Kopf. Was tut
sich da ? Wir sehen die berühmte Spirale, an
der Watzmann hängt. Er denkt. Er denkt: Ich
lauf ja nicht immer hinter Ernie her, aber
fast immer – doch halt – fast und immer sind
zwei Summen, adverbiale Bestimmungen, die
sich ausschließen. Entweder fast oder nix
oder immer wie Weichmann immer sagt, wenn er
am Stammtisch sein Glas hebt.
Aber wenn ich doch nicht immer hinter Ernie
herlauf, doch so gut wie immer – halt – das
schließt sich doch auch aus. Oder ? Nein,
nähere Bestimmung. Ergänzung, oder ? Ich bin
also nah dran, am immer. Häufig vielleicht ?
Nein, häufig trifft’s nicht ganz. Schon
wieder – entweder ganz oder nicht oder ? –
also meistens. Damit kann ich jedoch nicht
zufrieden sein, weil es zwischen meistens
und immer liegt, so häufig ist es.
Mit solchen Gedanken beschäftigt stolperte
Watzmann und wir verlassen seinen Kopf. Er
stolperte in ein Loch,
aus dem heraus sein Hund bellte. Das Loch
war groß und tief. Vorspringende bemooste
Quadern führten als Reste einer Treppe
hinab. Sind wir unten gut angekommen – so
wie Watzmann, der sich grad stöhnend
aufrichtete und wie sein Hund aufjaulte, als
er ihn trat – sehn wir den Eingang einer
Höhle. Groß genug für eine
Lore, die Bruchsteine transportiert. Wenn
wir den Boden etwas aufkratzen, stoßen wir
auf Schienenreste.
Hier wurde noch vor sechzig Jahren Schiefer
abgebaut. Damals führte der Schienenweg
weiter ins Tal. in dessen Mitte ein kleiner
Teich lebte, mehr ein Sumpfloch mit
Fröschen, Kröten, Salamandern. Riesige
Bruchsteine ragten hie und da aus dem
Morast, Sonnenplätze für Feuersalamander und
andere Echsen. Kreuzottern schlängelten sich
durch die Gräser, häufig mit einer Maus im
Maul. Hier fraß fast jeder jeden und dennoch
schwebte der Friede mit Mückenwolken über
dem Teich.
Bis der Nachkriegsmüll wohin musste. Senke
und Teich wurden zugeschüttet und für die
Bebauung erschlossen, Steinbrüche und Höhlen
mit Abfällen verfüllt, das Ganze mit
Mischwald bepflanzt und als nächstes der
Müllberg in Angriff genommen. Wenn wir oben
auf ihm stehen, sehn wir die Stadt. Sie
liegt wie ein leuchtender Kloß unterm
Abendhimmel. Ein glänzendes Geschwür mit
roten Flecken zwischen den umgebenden
Hügeln, von denen einer der Müllberg ist. Er
lehnt sich schon an den Schieferhügel,
drängt in seinen Wald hinein und –
wird bald bepflanzt. Wenn er zwanzig Meter
höher ist, hab ich gehört. Bis dahin haben
wir den Mord geklärt, hoffe ich.
Watzmann schaute seinem Hund nach. Wir
kennen das. Er leuchtete, wieder auf allen
Vieren, in einen dunklen Spalt hinein; sein
Hund war darin verschwunden. Er rief Ernie –
ÖÖÖrr niiie. Ein Rohrkrepierer mit
zitternder Biegung und spitzem Ende. Dann
zog er sich an der Wand abstützend hoch und
griff in etwas Weiches. Im
Lichtschein der Lampe erschien die Wand als
ein Haufen verschmolzener Figuren – Weiches
und Hartes vereint.
Watzmann trat zurück und dabei in ein
Wasserloch. Und hier begann sein Aussetzer.
Sie trafen sich im abgeschabten Büro des
Kommissars; welches immer als
Versammlungsort benutzt wurde.
Hie und da war noch was Blankes aus der
Eisenzeit.
Also, meine Herrn, worauf warten wir noch.
Was haben Sie zu berichten (?).
Frau Hömmers fehlt noch.
Teufel auch, eine Frau in der Runde, wo
bleibt sie ?
Ich kann zusammenfassen, was unsere
Befragung ergeben hat, meldete der
Inspektor.
Inspektor Heinrich war mit Frau Hömmers
unterwegs, schob der Kommissar nach.
Dann los. Der Dienststellenleiter lehnte
sich im einzigen Sessel des
Besprechungszimmers zurück. Er steckte eine
Prise Schnupftabak in sein linkes Nasenloch
und atmete tief durch.
Zunächst der Umriss, begann Heinrich
Hatschi – machte der Chef.
Die Siedlung besteht aus sieben Häusern, die
durchweg mit alten Leuten bewohnt sind. In
einem der sieben befindet sich eine
Gastwirtschaft, die selten geöffnet ist. Das
Opfer, Etzel Weichmann, pensionierter
Gerichtsrat,
wohnte gegenüber. Er hinterlässt seine Frau
Hildegunde, die zur Zeit im Krankenhaus
Turbo –äh- Teutobürger behandelt wird.
Nervenzusammenbruch. In den anderen Häusern
wohnt die Verwandtschaft. Verschwistert und
verschwägert. Wir waren sehr überrascht, das
Opfer als Bruder und Schwager des Ehepaars
Kämmerling wiederzufinden. Die Kämmerlings
wiederum sind Vetter und Kusine,
angeheiratet, des Opfers. Der Inhaber
der Gaststätte >Wellers Köpp< heißt Birgel
Messerschmidt. Seine Frau Elma hat eine
Schwester namens Schmiss, Dorothea, die im
letzten Haus rechts, gleich neben der
Waldeinfahrt, wohnt. Ein Einzelgänger namens
Zubernte wohnt im letzten Haus links. Ein
unbebautes Grundstück schließt sich an.
Außerdem woh....
Die Tür wurde geöffnet, Elke Hömmers drückte
sich rein.
Ach da kommen Sie auch schon, Frau Hömmers,
sprach der Kommissar
Äh - Herr Becks - ich glaube, ich bin hier
nicht richtig, wandte sich der Leiter
vertraulich an den Kommissar.
Machen Sie nur weiter. Geben Sie mir morgen
9Uhr30 den vollständigen Bericht mit
mündlicher Kurzfassung. Bis dann. Der
Oberchef stand auf und verschwand.
Wachtmeisterin Hömmers setzte sich in den
Chefsessel. Der Kommissar brummte. Er
brummte etwas lauter : Äh - Frau Kollegin –
da Sie ja fast noch auf den Beinen sind. Wir
haben den Kaffee vergessen. Bitte – wärn Sie
so gut.
Frau Hömmers stand auf und verschwand. Schon
wieder einer, der mich Frau Kollegin nennt.
Er siezt mich plötzlich, dachte sie, noch
schlimmer. Was hab ich bloß verbrochen ?
Mach weiter, Heinrich, forderte der
Kommissar.
Zum Umriss fehlt noch das Ehepaar Wunst. Sie
ist eine geborene Kämmerling. So weit zu den
Verwandtschaftsverhältnissen. Wie sich aus
den Befragungen ergab, sind Gerüchte im
Umlauf, die die Nachkommenschaft betreffen.
Verschiedene Neffen und Nichten, aber keine
eigenen Kinder – ist das nicht seltsam ? Ein
Neffe hat wiederholt versucht, Weichmann zum
Verkauf seines Hauses zu bewegen. Wir haben
uns nach dem Marktwert der Häuser und
Grundstücke erkundigt und sind fast
umgefallen. Für die Grundstücke wird so viel
geboten, dass ein eventueller Neubau darauf
als Zugabe gedacht sein könnte.
Selbstverständlich haben wir nach den
Hintergründen gefragt und sind dabei auf
interessante Mobilitäten gestoßen. Wir
wissen, das zwischen den letzten
Siedlungshäusern und dem Pensionärsweg
Armeegelände liegt. Etwa zwanzig Hektar.
Kasernen und Übungsgelände. Aufgrund der
Verschlankung der Armee soll möglicherweise
der Standort geschlossen werden. Anscheinend
wird schon über Bauerschließungen
nachgedacht. Jedenfalls sind erhebliche
Aktivitäten im Gange. Die Maklerwelt steht
kopf.
Da steckt das Motiv, sagte Böckmeyer.
Womit du recht haben könntest, Junge. Der
Kommissar steckte sich eine Gauloise
zwischen die Lippen, zündete sie an,
dampfte. Was für’n Kraut, dachte Böckmeyer.
Wie die stinken, dachten alle. Der Inspektor
stopfte seinen Mutz. Meyers kaute Kaugummi.
Polizistin Hömmers schimpfte vor der Tür.
Heinrich öffnete sie. Der Kaffee dampfte.
Sofort her mit diesem Neffen, bestimmte der
Kommissar, am besten gleich alle
Anverwandten vernehmen. Endlich so was wie
einen Anhaltspunkt...prima. Heinrich, du
übernimmst das - mit Böckmeyer. Wer ist denn
nun der Erbe ?,
Das ist das Seltsame. Der Neffe bekommt
höchstens einen Pflichtanteil. Frau
Weichmann ein paar Obligationen,
Watzmann erbt.
Schon wieder Watzmann. Den holst du mir her,
Meyers, jetzt. Kommissar Becks roch eine
Spur. Seine Laune stieg. Wir haben jetzt
einen Hauptverdächtigen, sagte er. Er rieb
sich die Hände.
Was ist mit dem Neffen ?, fragte Heinrich.
Herholen., aber erzählt erst, was noch
dazugehört.
Elke Hömmers schaute fragend drein. Der
Inspektor meldete: Abschließend möchte ich
hinzufügen, dass die Siedlung von zwölf
Personen bewohnt wird, wovon zwei allein
leben und davon eine mit Pflegepersonal,
welches sich zwischen dreizehn und achtzehn
Uhr fernhält – äh - Ausgang hat.
Dort wohnt -?
Dort wohnt. Eine Person ist immer da.
Der Kommissar nickte – gut – Elke, jetzt
bist du dran – aber komm mir nicht mit
blauem Himmel und wie viel Sternlein stehn.
Ich versuch mich kurz zu fassen : Die
Befragung hat insgesamt, in den vier
Häusern, die uns zugeteilt waren, folgendes
ergeben: Am Dienstag sind keine, am Mittwoch
und bis zur Entdeckung der Leiche am
Donnerstag siebzehn ortsfremde Personen
bemerkt worden, die durch den Pensionärsweg
in den Wald gingen. Vier davon –am Mittwoch
- in recht auffälliger Weise – betrunken.
Wir haben die – kleine Fahndung -
rausgegeben, aber noch keine Ergebnisse. Das
betrifft auch die dreizehn Personen, die
auch am Mittwoch durchkamen –
Jäger offensichtlich, mit Hunden.
Um diese Jahreszeit ?
Das hat uns auch gewundert. Wir haben
nachgefragt und erfahren, dass am Nordhang
des Schieferberges am Montag zwei Fälle von
Tollwut entdeckt worden sind, zwei Katzen,
die daran gestorben sind. Da der Wald von
einer Jagdgemeinschaft betreut wird, hat
eben diese Jagdgemeinschaft zur Jagd
aufgerufen.
Stimmt, rief Meyers, hab ich gelesen.
Da müsste doch der ganze Wald gesperrt
werden, rief Böckmeyer.
Der Kommissar nickte: das machst du jetzt,
Böckmeyer, sofort. Ruf das Ordnungsamt an.
Böckmeyer stand auf und verschwand. Vom
Nebenraum aus hörten sie seine Stimme.
Warum hat’s noch keine entsprechenden
Anordnungen gegeben ? Wisst ihr das ?
Sie schüttelten die Köpfe. Vielleicht ein
anderes Revier, vermutete die Hömmers.
Schau mal einer in den Interna nach. Da muss
doch was vorhanden sein. Egal, ist
zweitrangig, bestimmte der Kommissar, sonst
noch was, Elke, etwas Auffälliges - ?
Kein Auto. Allerdings ein Kleinlaster am
Montag früh gegen fünfuhrdreißig. Hatte
Netze geladen für den Müllberg, zur
Abdeckung, nehm ich an.
Ist der Pensionärsweg die einzige Zufahrt
zum Müllberg ?
Nein, die Hauptzufahrt liegt weiter
westlich, in der Kommonderiestraße, im
Stadtteil Wistringen. Eine weitere gibt’s
von der Nordsiedlung aus – Westerheide.
Ach die am Kanal. Na gut. Lasset uns fragen.
Was ist mit dem Kleinlaster, wer hat ihn
gefahren usw. ?
Sind wir noch dran.
Und wo seid ihr nicht mehr dran ?
Frau Hömmers wippte kurz mit den Brüsten,
was alle gern sahen. Sie schlug den linken
Schenkel über den rechten, was sie auch gern
sahen.
Die Befragung hat allgemein kleine
Eifersüchteleien zwischen den Rentnern
aufgedeckt. Die Weichmanns galten als
Verbindungskatalysatoren...
zu der außerhäusigen Verwandtschaft –
betrifft die, die nicht in der
Pensionärstraße wohnen – rief der Inspektor
und zu bestimmten Behörden, beispielsweise
zum Bauamt usw. ergänzte die Hömmers.
Aha, die Grundstücke, sinnierte der
Kommissar.
Was habt ihr beide, Meyers, Böckmeyer und
du, herausgefunden?, fragte er.
Ich soll doch jetzt den Neffen ranholen, und
den Watzmann.
Na, dann mach zu. Der Kommissar drehte den
Kopf. Er suchte Böckmeyer, wie Meyers
Inspektor-Anwärter. Die Tür schloss sich
hinter Meyers, die Hömmers räusperte sich.
Sie wechselte die Beine, wippte aber nicht.
Alle siebzehn Besucher des Schieferwaldes
kehrten nicht auf dem gleichen Weg zurück,
wagte sie zu bemerken.
Wie viel Zuwege gibt es ?
Drei, drei erlaubte, einer davon dieser
Pensionärsweg, sowie die Möglichkeiten vom
Müllberg aus, das sind mindestens noch mal
drei. Außerdem ein paar winzige Wanderwege.
Sehr gut recherchiert, Elke, und was soll
ich damit ? Er zündete eine neue Zigarette
an. Warten wir besser die Vernehmungen ab.
Böckmeyer, schrie er plötzlich, wo zum
Henker bleibst du ?
Und ebenso plötzlich stand der Gerufene in
der Tür. Ja Chef, bin ja noch vorhanden.
Was kannst du berichten, will ich wissen.
Los.
Äh – die drei Häuser ? - natürlich. Also –
im ersten Haus wohnen die Eheleute
Kämmerling. Die wissen nur, dass Weichmanns
keine regelmäßigen Spaziergänger waren. Den
Schieferwald haben sie eher gemieden, obwohl
Boxer Ludwig, der Hund, lieber dahin wollte.
Dafür waren sie häufig in der Stadt
unterwegs, pflegten den Kontakt zu Behörden
und so, hatten in letzter Zeit mit einigen
Leuten zu tun, die im verwandtschaftlichen
Verhältnis mit den Bewohnern im
Pensionärsweg stehen, sie selbst
eingeschlossen.
Was für’n Kontakt, wer sind die Leute ?
Bauamt, Makler, Verwandte,
Kaufinteressenten.
Also die auch. Und das nächste Haus ?
Das zweite Haus linkerhand ist das >Wellers
Köpp<. Inhaber Messerschmidt. Die
Messerschmidts sind etwas betuliche Leute,
die ihr Geschäft versehen wie’n
Kaffeekränzchen mit Pensionsanschluss. Als
wir was trinken wollten, bedauerten sie.
Heute kein Ausschank. Die wissen auch
nichts, aber ich bin davon überzeugt, dass
sie mehr wissen, als sie uns gesagt haben.
Als ich fragte, was Weichmann für ein Mensch
war, sagte sie, Frau Elma,
>ein freundlicher Egozentriker<. Ich bat um
nähere Auskunft, worauf der Ehemann einen
unendlichen Stuss über Freundlichkeit und
Güte des Etzel Weichmann heraussprudelte.
Dass das nur geschleiert war, konntest du
nach drei Sätzen fühlen. Alles übertrieben.
Als Meyers fragte, woher wohl so ein
Pfundskerl einen Todfeind abbekam, mischte
sie sich wieder ein. >Weil er auch ein
Egozentriker war<, rief sie. Worauf er die
Hände übern Kopf zusammenschlug und rief,
aber Elma, dass sind wir doch alle in
bestimmter Weise und Weichmanns etwas mehr,
nur ein winziges bisschen mehr ! Sie gab
denn schließlich klein bei.
Noch was im Kopf von dem Stuss ?
Dem Stuss ? Kaum. Das Wichtigste hat Meyers
aufgeschrieben.
Was denn ?
Es ging darum, wie oft der Richter kleinen
Gaunern helfen konnte, in dem er sanfte
Urteile – sanfte Urteile - so drückte sich
Messerschmidt aus, fällte. War vielleicht zu
sanft auf die Dauer oder einmal zu viel. Gab
natürlich Reaktionen. Er ist zwar
Gerichtsrat geworden im Laufe seines
Berufslebens, aber in der tauben Ecke. Hat
mal in einem Drogenprozess den Dealer als
jungen, unvorsichtigen Geschäftsmann
bezeichnet. War zu Anfang des
Haschisch-Booms, 1967/68 – hatte noch keiner
die Ahnung, was das ist. Der Dealer bekam
fünf Monate auf Bewährung. War ’n Nachbar
von ihm. Wär beinah suspendiert worden. Hat
nur noch groben Unfug gekriegt. Weichmanns
allerweichste Stelle, meinte die Hömmers.
Der Kommissar trank einen Schluck Kaffee,
schluckte etwas Rauch dazu, hustete,
Gesundheit wär hier wohl zuviel gesagt,
meinte die Hömmers und der Kommissar fragte:
Das alles haben die Kümmerlings verraten ?
Die Messerschmidts – aber das ging nur bis
zu sanften Urteilen. Wir haben nachgeschaut.
Prima Arbeit Jungs. Was gab’s noch ?
Da ist noch der letzte unserer Kunden,
Zubernte. Schwer an ihn ranzukommen. Macht
gerade Schwarzwaldkur. Kommt in vier Tagen
zurück, Junggeselle, Katze, wird von
Kämmerlings versorgt.
Der Kommissar griff zum Telefon: He Emmerich
habt ihr das Sorgenpaket geschnürt ? Kommt
gleich rüber?, na gut. Die
Spurenuntersuchung kommt berichten,
vertraute er seinen Leuten an.
Das Telefon klingelte. Der Kommissar langte
hin, bevor die Hömmers zugreifen konnten. Ja
– Becks – ja – was hast du gesagt ? - - - -
- ? - - wie ? nein – ja – wir kommen – äh
wo? in der ....ach du Scheiße – sind sofort
da. Alle Mann hopp, schnauzte er, es ist was
passiert. Er schnüffelte an seinem Hemd,
roch unter seiner Achsel und warf sich das
Jackett über die Schultern.
Und ich ?, schrie die Hömmes.
Becks schaute grimmig zur Wanduhr. Er wär
längst oben, wenn nicht auf jeder Stufe
Scheißhaufen lägen.
Du kannst unsere Arbeit delegiern – an das
Reinigungskommando. Hast du die Dienstboten
von Frau äh- Schmiss vernommen – nein ? Dann
fehlt noch was. Was für dich. Er atmete tief
durch : Heinrich und
Böckmeyer bei Fuß – los denn.
Was machen wir mit Meyers ?
Der hat angerufen – vom Tatort aus. Wunst
ist tot.
Sie ließen die Tür offen, als sie gingen –
eine finstere Polizeimeisterin bei der
Arbeit. Sie telefonierte.
Die Kollegen sind alle hopps, erzählte sie
ihrem Freund. Mehr darf ich dir nicht sagen,
Symmy – von wegen Schnaps is Schnaps. Was
denkst du denn ? – nä – ich muss arbeiten.
Du hast doch Urlaub – was -? – heute Abend
schon ?- wie kommt’s ?- ich fragte, wie
kommt’s, nich mir kommt’s, du Schlingel – um
zweiundzwanzig?- wie heiter, ich werd
vorfühlen, was Sache ist.
Und dann setzte sie sich an den Computer,
der in Röchlings Büro stand. Der ist schon
morgen wieder da, der Experte, der Symmy –
hm – und nun muss er ran – wie heiter. Und
mit einem frechen Lied auf den Lippen :Ich
hab beim Küssen einen scharfen Zahn gerissen
– schaltete sie das Gerät ein. Auch wenn die
Kollegen es immer wieder vergaßen, sie
schaffte auch was.
Über viele Jahre hinweg studierte Watzmann
die Gehgewohnheiten Behinderter. Dann hatte
er sich fürs linke Bein entschieden und
fortan hinkte er. Er machte es so geschickt,
dass physiologische Reaktionen ihm
entgegenwuchsen. Das hatte seine
Pensionierung beschleunigt. Er wollte
einfach mehr vom Hund. Nun hinkte er, ohne
zu schauspielern.
Du glaubst es nicht, erzählte er seinem
Freund, dem Dackel, was ist das gut, dass du
wieder bei mir bist. Die taugen alle nichts,
auch nicht die anderen – und schon gar nicht
die Polizei. Und der Hund, der halb auf
seinen Füßen lag, gähnte mitfühlend. Hin und
wieder schlug er mit seinem dünnen alten
Schwanz auf den Boden, um zu zeigen, dass er
noch lebt.
Du glaubst es nicht, sagte Watzmann. Ich
jedenfalls glaub nich, dass es mir je wieder
einfällt, was ich da verpasst habe. Bis
darauf, dass es überall so nass war.. Wo kam
das Wasser her ? Von oben, na klar – aber so
viel auf einmal – auf einmal...? Er stutzte
– das hat was – dachte er. Er staunte. Er
sinnierte mit offenem Mund :
Ich bin ins Wasser gefallen – richtig. Da
ist es passiert – aber was ? Die haben nicht
aufgepasst, die anderen..... Und nun
ermüdete der alte Herr. Bald waren alle vier
Augen zu und Watzmann schnarchte, wie nur
jemand schnarchen kann, der zweistimmig
bellt, wenn er spricht.
Hallo Becks, was ist los ? Es ist
elfuhrdreißig. Wo ist der Bericht ? Warum
ist die Dienststelle fast unbesetzt ? Wieso
muss ich Sie über Handy anrufen ? was ist
los ?
Guten Morgen , Herr Rat – ich will Sie doch
nicht am Wochenende stören.
Papperlapapp, ich sagte morgen früh
neunuhrdreißig. und das ist heute. Und
selbstverständlich erwarte ich Sie hier bei
mir – gleich.
Ich komme sofort; wenn ich hier fertig bin,
mein ich. Ich hab hier noch ’ne Leiche.
Was ? Was reden Sie da. Ich hab hier ’ne
Kommission auf dem Hals, der Bürgermeister,
der....
Und wir stehn hier am Bett eines toten
Mannes und sein Frühstück liegt ausgekotzt
auf seiner Brust und der Arzt weiß noch
nicht, was den Tod herbeigeführt hat und die
Leiche liegt im Hause Wunst, Pensionärsweg
2, am Schieferberg. Ich tippe auf Mord, der
im Zusammenhang mit dem Mord im Schieferberg
steht. Ich melde mich.
Aber – hier steht die...ach...
und der Dienststellenleiter, der fast schon
(bald) hochleben ließ, weil er die nächste
große Stufe schon halb untern Fuß hatte,
drückte verdammt noch mal einige falsche
Knöpfe, ehe er den richtigen fand, um das
Gespräch seinerseits zu beenden.
Irgendwas stimmt hier nicht, dachte die
Hömmes laut.
Der Fernseh-Regional - Funk
Guten Morgen, meine Damen und Herren. Im
Pensionärsweg ist heute die Leiche eines
älteren Mannes aufgefunden worden. Die
Polizei glaubt nicht an einen Zufall,
sondern an eine Verbindung zum Mord in einer
Höhle des Schieferberges. Hören Sie dazu
unseren Kommentar :
Nun sind wir also angekommen – im Reich der
Fantasie. Denn etwas anderes hat die Polizei
nicht zu bieten.
Doch bleiben wenigstens wir bei den
Tatsachen, den nachvollziehbaren Tatsachen.
Mit Blaulicht und Tatü tata
raste heute früh die Mordkommission in den
Pensionärsweg – am Schieferberg – meine
Damen und Herren- Sie erinnern sich ? Dort
wurde am vergangenen Freitag, nämlich
gestern, eine männliche Leiche in einem
Betonklotz entdeckt. Die näheren Umstände,
von Aufklärung reden wir gar nicht, sind
vierundzwanzig Stunden später noch nicht
geklärt. Das wär auch zuviel verlangt,
finden wir. Der Punkt springt an anderer
Stelle (gut gesagt was ?), nämlich - auf -
der Stelle. Auf – der - Stelle, auf der das
kriminalistische Ansehen festgewachsen zu
sein scheint, wenn aus ihren Reihen zu hören
ist, dass der Hintergrund in
Immobilienspekulationen zu finden ist.
Was weiß die Polizei, was wir nicht wissen ?
Und worüber wird spekuliert ? Etwa über ein
paar Einfamilienhäuser in einer kleinen
Straße in einer abgelegenen Siedlung, in die
bei entsprechender Wetterlage der
achthundert Meter entfernte Müllberg
hineinstinkt ? Ja – meine Damen und Herren,
auch das ist unsere Realität und wir
empfehlen dringend, den Müllberg zu
bepflanzen, damit dieses Problem, welches
bei Tiefdruck Nordwest bis in den Stadtkern
reichen kann, endlich gelöst ist. Wir wissen
alle, dass eine weitere Deponie im
sogenannten Poggenkeller geplant ist. Die
Eigentumsverhältnisse sind längst geklärt.
Die Bevölkerung versteht nicht das Zaudern
unserer Entscheidungsträger.
Fangt also hiermit an, bevor Verdächtigungen
geäußert werden, die den Verband der Haus-
und Grundeigentümer beleidigen müssen. Der
Maklerverband spricht von voreiligen
Schlüssen, die das Vertrauen in seinen
Berufsstand schmälern könnten. Wir schließen
uns an mit dem frommen Wunsch : Fangt den
Mörder, bevor es jemand anders tut.
Vielleicht hat er noch was vor, der
Mörder.....
Meine Damen und Herren, Sie hörten den
Kommentar unseres unabhängigen Redakteurs
Dr. Tillmann Annerswoh.
Mein Gott, stöhnte Watzmann, als er das
Gerät abzappte, der nächste bin ich....
Guten Tag, die Herren
Tag Becks. Sie kennen den Kriminalrat, Herrn
Stolper und Hauptkommissar Rute wird Ihnen
auch bekannt sein. Die Herrschaften
übernehmen den Fall. Hab ich Ihnen
angedeutet, gestern, glaub ich.
Habe die Ehre
Bitte, setzen wir uns, meine Herrn. So. Wie
weit sind wir, Becks ? Wenn Sie uns bitte in
Kenntnis setzen würden....
Ja, also, die Vorermittlungen sind
abgeschlossen, bis auf die Vernehmung von
Frau Weichmann, der Frau des verstorbenen
Etzel Weichmann. Sie befindet sich im
Krankenhaus. Die behandelnden Ärzte erlauben
für heute Nachmittag 30 Minuten.
Kommen Sie zur Sache, Becks
Es sind insgesamt 27 Personen vernommen
worden, die mehr oder weniger
widersprüchliche oder auch verwirrende
Aussagen gemacht haben. Bei unserem
Personalstand eine beachtliche Leistung.
Zur Sache.......
Etzel Weichmann starb an Herzschlag, der
vermutlich durch äußere Einwirkung
herbeigeführt, zumindest gefördert worden
ist. Welche Einwirkung das war, kann unser
Mediziner nicht mehr feststellen. Die
Autopsie – ich hab den Bericht erst vor 10
Minuten erhalten – hat keine Besonderheiten
ergeben außer einer Leberzerrung, die aber
nicht zur Todesursache beigetragen hat.
Jedenfalls nicht direkt. Weichmann war beim
Auffinden seiner Leiche seit mindestens vier
Tagen tot. Er ist nach seinem Tod in den
Beton eingegossen – und zwar am Ort seines
Auffindens. Wir haben in einem Wasserloch,
welches sich im Bereich des Höhleneingangs
befindet, kleine Zementreste entdeckt.
Bitte nur das Wesentliche, Becks
Wir haben bei unseren Nachforschungen
festgestellt, das die Bewohner des
Pensionärsweges alle miteinander verwandt
sind. Sie beerben sich gegenseitig, wobei
nicht immer der nächste Angehörige der
Hauptnutznießer ist.
Einige Neffen und Nichten sind sogar vom
Erbe ausgeschlossen. Das hat natürlich
unsern Anfangsverdacht bestätigt, dass einer
der Anverwandten oder auch mehrere darin
verwickelt sein könnten. Hinzu kommt, dass
um Häuser und Grundstücke Spekulationen
größeren Ausmaßes zirkulieren, weil die
Stadt die Hinterlassenschaft der Armee, ca.
2o Hektar, als Baugelände ins Spiel bringt.
Der Bürgermeister hat mir noch gestern
versichert, unterbrach der Leiter, dass
solche Vorhaben nicht existieren. Außerdem
steht die endgültige Entscheidung der Armee
noch aus. Was also sollen solche
Verdächtigungen ? Wir hetzen uns selbst die
Medien auf den Hals. Der Dienststellenleiter
griff sich an eben diesen. Er war sehr
verärgert. Der Kriminalrat lächelte still in
seinen Kaffee. Der Hauptkommissar stellte
eine Frage :
Haben Sie Verdächtige, die konkret
verdächtig sind ?
Ja – ein Mann namens Watzmann, Freund und
Verwandter des Verstorbenen, auch wohnhaft
im Pensionärsweg. Er ist Hauptnutznießer. Er
beerbt auch den gestern verstorbenen Karl
Frider Wunst, Todesursache noch unbekannt,
vermutlich Gewalteinwirkung, abzüglich eines
Wohnrechts der hinterbliebenen Frau Wunst..
Er hat kein Alibi. Was dagegen spricht – er
ist selbst 79 Jahre alt und behindert. Er
konnte es also nicht allein schaffen. Er
muss Hilfe von außen bekommen haben. Hier
kommen die Nichten und Neffen ins Spiel. Wir
haben die Alibis überprüft, sie sind dicht.
Wenn das keine Verschwörung ist, muss eine
weitere Variante ernst genommen werden : der
Kauf eines Killers.
Haben Sie das alles im Bericht ?, fragte der
still lächelnde Rat.
Ja
Gut, dann überlassen Sie uns alles weitere.
Äh – die Vernehmung der Frau Watzmann, im
Krankenhaus, die machen Sie noch – oder ? Er
schaute sich um. Der Hauptkommissar nickte.
Der Dienststellenleiter wirkte erleichtert.
Auch Becks nickte. Na gut, solln sie doch.
Vielleicht konnte er noch ’ne kleine
Überraschung finden?
Tatsächlich begann es vielleicht, als
Weichmann, bravourös graduiert und quer
durch den Käse gefressen, eines Tages eine
Akte las, in der es um ein Testament und
einen Mord ging. Der Sachverhalt erinnerte
an einen längst vergangenen Fall, der
einschließlich einer Teufelsaustreibung
einen bis heute ungeklärten Aspekt enthielt,
nämlich, wo steht heute das >KilliKill<,
wenn es gestern noch dort stand, wo sich
heute ein kleiner Hügel befindet ? Als
Weichmann sich näher damit befasste, fielen
ihm die Ideen kopfüber.
Wie schön – aus dreißig Jahren Entfernung
lag vor den weitsichtigen Augen ein großer
Landstrich im Überblick.
Dort, wo einst das Bächlein sich wand, wuchs
von gestern auf heute die Keule des
Fortschritts. Sich selbst immer wieder
reorganisierend ist sie nun das Stammesglied
der Menschheit geworden, mit dem der
Austausch getrieben wird..
Und ich bin ein Winzfleck am Frack, dachte
Weichmann, als er die Füße schlurend vom Klo
zurück in die Stube trat. Oder ein Kaugummi
unter der Schuhsohle. Oder Hundescheiße ? Er
rieb sich vergnügt die Hände, seine
aufgeworfenen Lippen grinsten.
OGOTTverdammich schrie er, da ihm grad der
Geruch, der starke, deutlich entgegenstieg.
Allzuschnell hob er sein rechtes Bein, stieß
mit dem Knie gegen die Tischplatte, schrie
Gottverdammich, fluchte auf den Hund, rückte
vom Tisch ab, verrückte dem Stuhl, auf den
er sich setzen wollte, das Gleichgewicht,
hielt sich an der Akte fest, stürzte nach
hinten, schlug mit dem Kopf auf und verlor
das Bewusstsein. Die Akte in seinen Armen.
Er durfte sie mit ins Krankenhaus nehmen.
Und wir dürfen annehmen, dass auch dieser
Herr bald einen Stock braucht. Ist nicht
schlimm. Weichmann ist seiner Verrentung
nahe.
Wieder zurück im Leben befasste er sich
intensiv mit der Frage : Wie kommt das
Schiff ins Trockendock, wenn es nachweisbar
nicht bewegt worden ist, als es dreißig
Seemeilen Nord/Nordost vor Helgoland lag ?
Auch die Gangster, lange abgeurteilt,
wussten keine Antwort drauf. Auch nicht die
Medien. Selbst die Wasserschutzpolizei, die
Kripos der Stadt, des Landes, des Bundes
stellten nur Fantasie zusammen, doch keine
Antwort. Von einem Richling, war es nun der
Bruder des Kabarettisten, sein Vater oder er
selbst, kam die witzige Vermutung :
Vielleicht ist das nur gedoubelt ? Doch der
Aufwand spricht dagegen (zwei Schiffe wie
eins aussehen lassen an zwei verschiedenen
Orten ?):
Wenn ich den Knackpunkt löse, in dem ich ihn
verdoppple, sinnierte Weichmann, hab ich
ihn. Und was ihn dann noch kopfüber mitnahm,
vermischte er mit Kognac. Den hatte seine
Frau im Nachtschrank deponiert. Bald stank
das Krankenzimmer. In bester Laune und
Lautstärke drehte er Wunderkerzen .
Der is besoffen, schimpfte Schwester
Marlies. Entlassen, ordnete Dr. Sernferz an.
Aber der ist Amtsgerichtsrat Dr.
Weichmann..., zweifelte Stationsschwester
Krimhild.
Ich will nach Hause, schrie Weichmann.
Und das wurde schnell durchgeordnet. Besser
für alle, wussten alle. Auch für Frau
Weichmann, die ihn lächelnd empfing..
Mein lieber Ernst August Egon, sagte sie (so
beturtelte sie ihn, wenn ihr sein Rufname
Etzel zu verstaubt vorkam) ich hab dich
allein noch nie länger als zwanzig Stunden
außer Haus gelassen - stimmt’s ? Weißt du
noch damals, als dein Blinddarm furzte ? Das
war zwar lebensgefährlich, doch wir haben´s
hingekriegt – stimmt’s ? Und dann diese
Schau, als der Junge seinen Arm im Maul des
Bären hatte, im Zoo, weißt du noch ? Du
wusstest nicht, sollst du ziehen oder
lassen. Bis ich dich gestoßen hab...stimmt’s
?
Damals waren wir genau neunzehn Stunden und
vierundfünfzig Minuten voneinander getrennt.
Rekord !
Mein Gott, was für Unannehmlichkeiten: Diese
hässlichen Unterstellungen, obwohl du doch
immerhin schon im Ornat warst....
Ach Lämmelchen, das ging aufs Gemüt. Doch
nun bin ich in Laune – von uns zuhaus zieht
keiner aus, das hält kein Herr November aus.
Wie schön du wieder schwachsinnen kannst.
Dafür stell ich dir den Sessel auf
fünfunddreißig Grad.
Ach - bin ich froh, ich hab Ideen. Einen
Brandy hast du für mich –
prima...danke...zum Wohle. Ich hab Lust,
meine Karriere zu gefährden – allez....
Du und deine Karriere – was? Das sagst du
noch, wenn du zum Pensionseintopf ins
Gemeindezentrum gehst.
Aber ich geh nur bis zur Tür und sing den
Stern an, der grad über Bethlehem aufsteigt,
während du schon bei der Schokolade bist.
So wird’s sein, mein Lieber. Soll ich
nachschenken ?
Das auch und noch besser – wie wär´s mit
einem Pflänzchen aus dem Gewächshaus ?
Pflänzchen ? Du warst aber lange nicht mehr
am Ort. Die sind jetzt fast drei Meter hoch.
Und sie würden bis zur Strasse stinken, wenn
wir nicht die Taxushecke davor hätten.
Aber wir haltens doch immer schön
geschlossen dort....?
Da hilft bald nichts mehr, Freundchen. Weißt
du, wo unser Hundiböck am liebsten schläft;
wenn er nicht hier schläft ? Hm ? Zwischen
Gewächshaus und Taxushecke. Und im Traum
singt er. Jedenfalls kriegt er diesen Ton
niemals hin, wenn er wach ist.
Darum liegt er dort ? Wo ist er jetzt ?
Natürlich dort.
Dann lass ihn dort und hol uns ein
Blütenrispchen. Wenn sie bald drei Meter
hoch sind, können sie schon springen. Doch
halt, ich humple mit.
Nein, mein Lieber, du sitzt im Sattel und
ich bin gleich zurück.
Und bald konnten beide hüpfen. Sie fassten
sich dermaßen an sämtliche Gliedmaße, dass
Weichmann so völlig gesund wurde, als
erfreue er sich der Umarmung des Hl.Geistes.
Besonders die Ringelreihen der Genien, die
einander mit Eigelb bewarfen (sowohl
gewendet als auch frisch), erfüllten seine
Bilder, sein Hoffen und Sehnen.
Waren es auch, mit Zeitlupenblick gesehen,
glühende Streifen, die morgen zu Regenbögen
ernüchtert sind.
Soviel zu Ursache und Wirkung. Wobei die
Wirkung noch andauert und neue Ursachen
schafft. Und wenn wir diese verfolgen,
müssen wir unter den Fußsohlen nachschauen.
Da klebt der Dreck. Und der verbreitet sich.
Fußabdrücke unter Tausenden. Klänge in
Geräuschkulissen. Bewegung, die nach allen
Seiten offen ist.....
Wer will da von der Wirkung wissen, ob sie
eine Ursache hat ?
Von Weichmann selbst nehmen wir an, dass er
in seiner fast kindlich anmutenden Hingabe
an knifflige Abenteuer, von Aktenlagen
verführt, Wirklichkeit zu schöpfen
vermochte. Und seine Frau machte mit, häufig
an erster Stelle. So geht’s mit Leuten, die
immer einen warmen Kopf haben wollen. Sie
sind von Geburt an süchtig.
Und wer ist das nicht ?
Doch sie bemühten sich, den Schein zu
wahren. Sie blieben auf der Decke. Ähnlich
wie sein Halbbruder Watzmann war er
umsichtig und pfiffig. Außerdem ist sein
Berufsstand angesehen. Er hob den Fuß von
der Decke. Er drehte den Alltag durch den
Wolf – mal sehen.
Er brauchte seine Nachbarn.
Er holte sie ins >Wellers Köpp<.
Er zippte mit dem Fingernagel ans Glas und
stand auf. Er hob das Glas.
Auf unsere Heimat, liebe Leute. Unsere
Heimat ist diese Straße und der
Schieferberg. Pro Wochenend
ca. tausend Besucher. Nicht unsere Besucher
– nein – sie kacken nur den Schieferberg
voll. Daran wollen wir uns endlich
beteiligen, schlage ich vor – Moment – lasst
mich ausreden – wir beteiligen uns – aber
anders als die Touries. Wir beschmutzen
unser´n Schieferberg, um ihn zu retten. Das
ist gottesfürchtig und gesund..Moment,
Moment – die nötigen Maßnahmen habe ich im
Kopf. Es ist nur ein grobes
Täuschungsdelikt. Mehr nicht. Würd ich
selbst Bewährung drauf geben. Also, liebe
Nachbarn, ich erzähl euch, was wir uns
ausgedacht haben.
Wo ist eigentlich Watzmann ? Im Wald ? Gut
so. Wir lassen ihn lieber etwas im
Ungewissen – er ist so nervenschwach. Also –
als erstes machst du deine Kneipe dicht,
Messerschmidt. Nein – nicht dicht, sie ist
nur noch für uns offen. Für uns Nachbarn.
Die Touries kriegen nix.
All unsere Handlungen sollen zum Ziel haben,
diesen Strom zu stoppen, ehe wir selbst in
der Kloake sitzen.
Allerdings brauchen wir dazu dies und das
und einen Toten. Ja-ja, erschreckt nicht.
Das wird `n hochlustiges Abenteuer und wenn
es schiefläuft, war´s nur hochneurotisch.
Seine Zuhörer hielten ihn für ebenso
plemplem wie sie Watzmann für >entfernt<
hielten, obwohl der täglich mit Hund und
Selbstgespräch unterwegs war. Die gute Frau
Schmiss war da gescheiter. Sie verwechselte
so gut, dass selbst die Polizei nichts
merkte.
Längst wären die Vorstellungen der
Weichmanns, ihre bizarren Pläne, in
Vergessenheit geraten. Sie hatten keinen
Erfolg. Doch kurz nach seiner Pensionierung
verstarb er. Zuviel Konsum, Herzschlag, aus.
Eingegangen wie ’ne Primel auf Beton.
Reserveoffizier Kämmerling stellte fest : Im
Gedenken unseres lieben Verstorbenen liegt
es an uns, seine Ideen umzusetzen. Und
wenn’s nicht hilft, ist er Vorbild für
weitere schöne Taten. Jetzt müssen wir keine
Toten vom Friedhof klauen.
Meyers stand mit dem Telefon in der Tür.
Hallo Chef. Ruft grad ’n Arzt an. Ein Doktor
Steubel. Sagt, war drei Tage weg. Hört sich
so bayrisch an wie mein Staubsauger hinterm
Leerlauf. Konnt ich kaum verstehn.. Ist
Hausarzt von allen Bewohnern des
Pensionsweges. Auch Weichmanns. Weichmann
ist schon etwas länger tot, als unser Arzt
sagt, sagt er. Genau vierundzwanzig Stunden
länger tot. Wurde vor zehn Tagen begraben,
auf dem Engelslift, dem Friedhof in
Twistringen. Fragt :oder nicht ? Was sag ich
ihm darauf ?
Mensch gib her, verdammt
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