Josef Butke

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Straße der Pensionäre

Du glaubst es nicht, bellte Watzmann zweistimmig. Jeder, der ihn kennt, weiß, dass er zweistimmig bellen kann. Das passiert, wenn seine Selbstlaute in der Kehle stecken bleiben.
Und was liegt da unten ?, knurrte er, keine Bananenschalen nein, auch nicht tausend Bananenschalen. Nein.
Ein ganzer Mensch ? Nein – ein halber ? – ja. Der untere Teil in einer massiven grauen Masse – in Zement !
Der obere Teil blickte als Weichmann an mir vorbei. Ohne Blick – tot - Etzel Weichmann......du glaubst es nicht......
Er strich sich übers unrasierte Kinn. Musste ja kein Mensch wissen, wie schlecht er sich aufgeführt hatte. Ging keinen was an, dass Angst und Schrecken aus allen Löchern können, wenn sie müssen. Dass er sich über
Weichmanns Gesicht hatte übergeben müssen, konnten die Bullen nicht ganz nachvollziehn.

Dazu müssen Sie auf den Zementblock gestiegen sein, überkletterten den Resttorso des Opfers, um auf seinen Kopf zu kotzen und ganz nebenbei darauf die Blase zu entleeren -? – was wolln Sie uns hier erzählen – hatten Sie was gegen Weichmann ?

Ich weiß nicht...ich weiß nicht, was passiert ist....

Also, um das Gesicht des Opfers zu treffen, mussten Sie erst mal über die runde Zementtonne spritzen, und das kann nicht mal ein junger Bursche, nicht mal mit einer vollen Blase, wenn das Grab ein Schlauch und Opfer und Tonne fast den gesamten Eingangsraum der Höhle füllen. Was sagen Sie dazu ?

Aber es geht hier doch um Mord und nicht um meine ääh...Unpässlichkeiten...ich weiß nicht mehr, ich weiß nicht, was passiert ist....ich hab mich so erschrocken...ich...
Ich muss das ausklammern, dachte er, strickt ausklammern – sollten doch die Herren Detektive mit diesem
Widerspruch zurechtkommen. Wie ´ne Nebelbank.... undeutlich....
Ich weiß nur von Übelkeit, von sehr großer Übelkeit (er hatte inzwischen die Kleidung gewechselt ), von nichts vorher und nichts nachher, nur dass ich im Wald spazieren ging und nach meinem Hund rief, der in der Senke verschwunden war, in der wo – er hat’s gerochen....
Ausklammern, dachte er, ausklammern – ich weiß nun nicht mehr, dass ich was verschweige – das klammer ich
aus.

Einer der Polizisten vermutete so was wie einen Fehlpass, ein Fehlpass am Watzmann.
Oder so, als kämen nicht alle Pässe an, sagte er. Das gibt dann ein ganz verzweifeltes Spiel, bei dem die Mitspieler vergessen, dass sie mitspielen, folgerte er.
Das hast du doch nicht aus dem Kurs Menschenführung, sagte der Kommissar.
Interessante Kombination, stellte ein anderer fest.
Von welchem VFL-Spiel redest du ?, fragte ein dritter.
Was habt ihr sonst für Fragen ?, fragte der Chef seine Jungs.
Wie kommt das Opfer in Zement und wie der Zement in die Höhle ?, präzisierte Inspektor Heinrich, und wie schafft’s Watzmann, dem Opfer ins Gesicht zu kotzen, wobei zu berücksichtigen ist, dass Watzmann am Stock geht und die Öffnung nur für einen Artisten zu ....äh... bekriechen ist ?
Und warum weiß Watzmann nichts ?, fügte er hinzu.
Und du, Böckmeier, was sagst du ?, fragte der Chef.
Ich bin grad vom Zahnarzt zurück, antwortete der. Er hielt sich die Backe.
Gibt’s sonst noch was ?, fragte der Chef, fällt euch noch was ein ? Nein ? Dann ergibt sich folgendes Bild :
Watzmann, Rentner und behindert, geht wie fast jeden Tag im Wald spazieren, mit Hund. Der Hund wittert, Watzmann folgt und entdeckt in einer Senke eine Höhle, deren Eingang durch einen Zementblock versperrt ist. In den Block ist das Opfer, August Weichmann, bis zum Gürtel einbetoniert....
Da fehlt noch dieser Widerspruch in Watzmanns Aussage, unterbrach der Absolvent der Polizeihochschule.
Gut aufgepasst, Engel, lobte der Kommissar, dass du schon morgen wieder weg musst....wie schade
Aber ich bin Montag zurück...
Eins nach dem andern, befahl der Chef. Wenn wir im Hinterkopf behalten, dass wir mit Watzmann noch nicht fertig sind, ergibt sich zunächst die Frage 1. Wer hatte ein Motiv ? 2. Was und wie hat er’s gemacht, der oder die
Täter ? Bitte antworten, meine Herren.
Der Oberkörper des Opfers war nackt, warf Engel ein.
Gut beobachtet, stellte der Kommissar fest.
Was sagt uns das ?, fragte der Chef
Das wissen wir noch nicht, stellte der Kommissar fest.
Sind Mutmaßungen erlaubt ? , fragte Inspektor Heinrich.
Raus damit, Heinrich


Wenn wir feststellen, dass das Opfer bis zum Gürtel einbetoniert war, bzw. ist, er ist ja noch nicht davon befreit – äh – der Beton ist noch nicht entfernt, soviel ich weiß – wenn wir das wissen, folgt daraus, dass er unten noch
bekleidet ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der sichtbare Teil des Gürtels die ganze Bekleidung ist. Allerdings, fällt mir ein, waren Hosenschlaufen, in denen der Gürtel stecken sollte, nicht zu sehen ...auch keine Stoffspuren wie Hosensaum oder dergleichen. Glatter Hautabschluss mit Beton.
Schlage vor, dass wir die Ergebnisse der Spurensicherung abwarten, schlug der Kommissar vor.
Gut – warten wir ab. Teilen Sie bitte die Arbeiten ein, Becks. Wir vertagen bis morgen 14.30 Uhr. Bis dahin ist der Betonsarg wohl aus dem Grab. Danke, meine Herren – frohes Schaffen...
Der Chef verließ die Runde. Er hatte noch anderes zu tun.
Machen wir weiter, Leute. Der Kommissar legte sich im Schreibtischsessel zurück. Er verschränkte die Arme hinterm Kopf.
Spekulieren wir ein bisschen. Ist das Opfer in Beton gegossen, in ein großes Fass, in ein Weinfass oder in eine Farbtonne? Genaueres wird uns die Spurensicherung sagen: Für uns ist wichtig, ist er, der Weichmann, in das Fass eingegossen und dann zur Fundstelle äh - gerollt worden – und – war er zu diesem Zeitpunkt tot oder lebte er noch ? Oder ist der Fundort auch der Tatort ? Ich glaube, wir können ausschließen, dass das Fass zum Fundort gerollt worden ist. Dazu wären Maschinen notwendig, ein Schaufelbagger vielleicht. Das wäre nicht unbemerkt geblieben. Schleifspuren oder Abdrücke von Autoreifen sind bis jetzt nicht entdeckt worden. Also gehen wir davon aus, dass der Beton an Ort und Stelle gegossen wurde, mit dem Opfer drin. Auch, wenn nicht einmal Reste von Zementsäcken oder Zementstaub gefunden wurden – ich sage, bis jetzt – nicht mal Sand.
Ihr seht, spekulieren ist nicht möglich. Wir müssen die Ergebnisse der Spurensicherung abwarten. Punkt.
Also machen wir was Praktisches. Wir gehen Leute ausfragen. Heinrich und Meyers nehmen sich die Straße vor, die einzelnen Häuser, das gesamte Umfeld. Böckmeier schnüffelt am Tatort rum. Damit du ihn auch kennenlernst, sprach er ihn direkt an. Nimm noch Fritzen mit, damit er ein paar Abschlussbilder vom gereinigten Tatort schießt. Ihr könnt auch Elke mitnehmen. Im Fragenstellen ist die sehr gut. Wo ist sie überhaupt, die Elke Hömmers ?
Kaffeekochen, Chef, wenn sie nicht grad sauer ist, weil sie Kaffee kochen soll. Dann ist sie in der Kantine und lässt sich Kaffee kochen.
Für wen will sie denn Kaffee kochen, wenn wir jetzt alle gehn ? Also, Kollegen, macht euch auf die Socken. Denkt auch ans Motiv, hat der Chef gesagt. Meistens geht’s um Geld. Checkt die Konten. Das machst du, Heinrich. Weshalb musste August Weichmann sterben ? – bis dann.
Aber ich soll doch mit Elke Hömmers die Zeugen.....
Klar sollst du mit Elke, aber erst mal zur Bank. Gibt’s ’n Anwalt ?, gibt’s Erben ?. Also Testament usw. Wir sehn uns morgen.

Du glaubst es nicht, stöhnte Watzmann. Ich glaube, den Weichmann im harten Beton vergess ich nie. Der alte Etzel, wie er so blicklos aus dem Beton guckt. Ohne Taschenlampe hätt ich gar nicht gemerkt, dass der Klotz im Eingang lag, dass das der Eingang zu einer Höhle ist. Gut, dass ich immer eine Lampe mitnehm, schlecht, dass ich ihn gefunden hab, den armen Kerl. War doch immer munter mit Hund.
Du glaubst nicht, was für blöde Fragen diese Polizisten stellen. Ob ich schon lange so behindert wär, z.B., am Stock gehe, meint der wohl oder wann ich mein Frühstück auszubrechen pflege – Unverschämtheit – vor der Höhle schon oder drinnen. Wann’s mir gekommen war, so ’n Blödsinn. Wie kommt Ihr Urin auf Etzel Weichmann?, fragen die mich. Mein Gott, was für Einfaltspinsel. Solln die doch den Mörder suchen. Was weiß ich denn ? Hätt ich nicht gesagt, ich hätt dem Etzel ins Gesicht gekotzt, wär’n die nie draufgekommen, dass das unmöglich ist. Jetzt brüten sie. Was weiß der Watzmann ? Ich weiß nix. Vielleicht war ich’s ja auch gar nicht. Ich meine, der der gekotzt hat. Obwohl, ich muss es gewesen sein – oder ? Weil’s meine ist, weiß ich doch. Aber das ist unmöglich. Mal sehen, was die rauskriegen, die Schlauen von der Ordnung. Bin richtig gespannt drauf.

Und Sie sitzen immer an diesem Fenster, Frau Schmiss ? Ich meine, Sie gehn doch sicher mal zur Toilette oder zur Tür oder zum Telefon. Sie müssen essen, usw.
Ich sagte es schon, erinnerte Frau Schmiss, ich werde bedient. Ich laufe nicht unnötig herum. Die Toilette hat ein großes Fenster zur Straße hin. Mir bleibt nichts verborgen.
Mit anderen Worten, Sie sitzen – wie viel ? - Stunden am Tag nur an diesem Fenster und sehen, was sich gegenüber tut.
Und am Toilettenfenster...
Richtig – was haben Sie am Donnerstag, also gestern, gesehen ?
Nichts. Keine Seele. Nicht mal Watzmann. Es nieselte, da will der Hund nicht raus. Und Watzmann ohne Hund ist wie ein Auto querfeldein. Wenn Sie mich fragen, junge Frau
Polizeimeisterin bitte.
Ja also, Frau Polizeimeisterin, wenn Sie mich fragen, was ich am Mittwoch und erst am Dienstag sah, vom Montag und dem Wochenende ganz zu schweigen, antworte ich Ihnen, eine kleine Menge Hunde – Jagdhunde –
die vor einer Gruppe Jäger liefen. Keifen und Hecheln, dass ich meinte, sie riechen zu können. Ekelhaft.
Am Mittwoch ?
Am Mittwoch, richtig. Ich sah sie nicht zurückkommen. Also werden sie einen anderen Weg hinaus benutzt haben. Außerdem gab es noch einen Nachzügler, den Dackel von Watzmann, Ernie heißt er. Watzmann hab ich nicht gesehn, ist aber auch kein Wunder. Ernie macht immer seine Touren, bei gutem Wetter. Man kann sich Ernie wohl ohne Herrchen vorstellen – aber nicht das Herrchen ohne Ernie.
Ansonsten gab’s vier Spaziergänger. Sahen aus wie Sommerfrischler. Zwei Frauen und zwei Männer. Einer zog sein Bein nach.
Ist Ihnen sonst was aufgefallen, am Mittwoch ?
Bis auf die Vier, nein. Die Vier war’n auffällig genug, mein ich.
Warum ?
Die kleinere Frau trug einen großen schwarzen Hut, als wollt sie damit wettmachen, dass die andere ein flotter Feger war.
Was nennen Sie einen flotten Feger ?
Spielt doch keine Rolle, Elke, mischte sich Inspektor Heinrich ein, wenn du einen kurzen Rock trägst, bist du auch ein flotter Feger.
Danke Kollege. Wie waren sie gekleidet?, setzte Elke Hömmers unbeirrt nach.
Ja, so dass Sie’s von weitem feststellen konnten, dass das ´ne lockere Gesellschaft war.
Sie schaute zweifelnd zum Inspektor hoch. Oder etwa nicht, wenn sie alle Vier hopsen und springen, als wär’n sie betrunken und dabei Krach machen ?
Sie schaute scharf und unerbittlich die Wachtmeisterin an: Wie ist das denn gemeint, wenn der Rock so kurz ist, dass die Männer ihn mit den Augen noch höher ziehn ?, fragte sie.
Die ziehn an jeder Rocklänge, erwiderte die Polizeimeisterin.
Dafür war’n die Haare so lang, dass sie kaum ein T-Shirt brauchte, fauchte Frau Schmiss. War auch nicht zu sehn.
Ich denke, der große Hut auf dem Kopf verhindert die Einsicht, von hier oben aus, merkte der Inspektor an.
Aber nicht, wenn ich sehe, wie sie, die Frau mit dem Wagenrad über das nachgezogene Bein dieses Gecken stolpert, der vor ihr ging. Da schlug sie hin und alle sahen hin – ich auch -.
Was sahen Sie ?, übernahm Frau Hömmers
Das ist doch nicht wichtig, Elke, auch wenn alles wichtig sein könnte, müssen wir doch hier nicht über – Wäsche oder so was reden
Frau Schmiss reckte ihr erstes Kinn. Böse und empört bohrte sich ihr Blick in den des Inspektors : Sie trug keine Unterwäsche, fauchte sie.
Elke Hömmers schaute nachdenklich durchs Fenster herunter auf die Straße, auf die Böschung gegenüber, den Wald dahinter. Sie schätzte dreißig Meter. Auf die Entfernung ließe sie sich auch mal gern....wie heißt das ? – bitionieren..?
Sie waren also sommerlich gekleidet, die Spaziergänger ?, hörte sie den Inspektor fragen.
Ja, ist doch Sommer oder nicht ? – aber so was – ist ja wohl geschmacklos. Zu meiner Zeit wäre das nicht folgenlos geblieben.
Ist es auch nicht. Wir haben einen Toten.
Ach, der Tote, ja. Der hatte bestimmt nichts mit diesen lockeren Weibern im Sinn. Der liebte seinen Dackel.
Was meinen Sie damit ?, meldete sich die Polizistin vom Fenster aus.
Der Dackel war sein Lebensgefährte, sein letzter. Hat...- sie schaute in den schwarzen Bildschirm des Fernsehers, als leuchte dort die Antwort wie gedruckt...- über zwanzig Jahre gedauert...davor war´s ´n Dalmatiner nach ’m Schäferhund glaub ich...
Ein Hundeliebhaber aha !
Und was für einer
Frau Schmiss ruckte auffordernd beide Kinne Richtung Polizistin
Den Dackel hielt er auch im Bett - sollte verboten sein.
Interessiert uns das ?, fragte der Inspektor. Er schaute streng seine Kollegin an. Er reckte seinen linken Arm, er sah auf seine Uhr. Was fällt Ihnen sonst noch ein, Frau Schmiss ? Etwas Ungewöhnliches vielleicht ? Einen Traktor, einen Lastwagen, einen Schaufelbagger, ein größeres Gefährt gesehen vielleicht ? Er verlor langsam die Geduld. Er stierte heruntergebeugt in die kleinen blauen Augen der alten fetten Frau : Einen Panzer womöglich ?
Ein Traktor ist hier nicht ungewöhnlich. Um die Waldspitze rum geht’s doch ab in die Wiesen. Die gehören zu Polders, Landwirt, Kartoffeln, Gemüse und anderes. Ist ’ne Goldgrube so nah an der Stadt. Steht doch immer auf dem Markt.
Wie sah denn der Feger aus ?, meldete sich die Polizistin am Fenster. Sie schaute immer noch hinaus. Sie wollte immer noch das Bild komplett
Rot – ganz in rot, von Kopf bis Fuß – grell – und davon abgesetzt in der Mitte, um die Taille, einen breiten schwarzen Lackgürtel und überall viel Haut dazwischen. In der Rechten trug sie einen Stecken, mit dem sie auch dem Gecken unters nachgezogene Bein griff,
Wie ?
mit der Linken schwenkte sie eine Flasche MMchen.
Das können Sie doch nicht von hier oben aus gesehen haben – die Sektmarke mein ich.
Hab auch zur Not noch mein Fernglas. Sie deutete zur Fensterbank. Die Polizistin nahm es, sah hindurch.
Der Inspektor schüttelte den Kopf. Er wünschte sich mindestens drei Häuser weiter. Die Wanduhr schlug vier Uhr.
Erzählen Sie uns was über die Männer, Frau Schmiss, forderte die Polizistin sie auf.
Das bringt uns nichts, Frau Kollegin. Frau Schmiss, denken Sie gut nach, gibt’s noch anderes zu berichten ?
Frau Kollegin, sagt er plötzlich, dachte Elke Hömmers. Ein Warnschuss.
Nee, bis auf den Wolkenbruch zum Kaffee, nein. Sie schaute an Frau Hömmers Profil vorbei zum Wald. hinaus.
Um diese Jahreszeit fast jeden Tag ein Wolkenbruch, sagte sie, bin froh, dass der Wald soviel aufsaugt. Wenn der nicht, gäb’s hier keine Spaziergänger. Viel zu feucht hier in der Senke. So nah am Müllberg wird dem Wald doch nix getan, nicht wahr ? Oder ?
Ja – also - vielen Dank – Frau Schmiss. Wenn Ihnen noch was einfällt, rufen Sie diese Nummer an, sagte Inspektor Heinrich. Sie verabschiedeten sich.
Aber da ist noch dieser Dienstag, rief sie aus ihrem Sessel, über den weiß ich viel mehr.....
Doch die beiden Kripos machten die Tür schon von außen zu.
Da war viel mehr los, am Dienstag. Und ’n Kleinlaster, der in den Wald fuhr, hörten sie sie durch die geschlossene Tür brüllen.
Na dann, meinte Heinrich. Sie standen im Treppenhaus. Du kannst ja noch ein bisschen mit ihr plaudern. Wir treffen uns beim Nachbarn in – er schaute auf seine Uhr – zehn Minuten.
Klar, und wer soll dann den Bösen spielen ?
Das lass sie selbst machen, die kann das gut. Er ging. Sie öffnete die Tür, steckte den Kopf durch den Spalt : Noch eine Frage, Frau Schmiss, was war mit den Männern.....?
Der Inspektor hastete die Treppe runter. Warum das wohl wichtig ist, dachte er. Er stand schon vor der Kellertür, als er merkte, wie schnell er Treppen runterspringen konnte. Fast so wie in der Jugend. Er stieg die letzten Stufen
wieder hoch und trat in die offene Haustür. Hat sich was mit dem Nachwuchs, fiel ihm ein. Er stopfte ein kleines Pfeifchen, welches er liebevoll Mutz nannte und paffte in die frische Nachregenluft :
Vielleicht findet sie noch was, woll’n mal abwarten hm...ein Kleinlaster...hm....

Es fing damit an – aber wer weiß schon, womit so was anfängt – dass Watzmann wie immer seinem Hund nachlief. Es könnt auch mit einem Gewitter begonnen haben und der Regisseur rief : das nehmen wir noch mit -
Action – und Watzmann lief....wie immer......seinem Hund hinterher.
Vielleicht hat’s jedoch....schon vor zweihundert Jahren begonnen, als der Ort nur von einer Sippe Watzmänner, Watzfrauen, Watzläuse usw. bewohnt war. Vielleicht saß Bliffke Latzmaus oder Wutzlack vor seiner brüchigen Haustür auf der längs halbierten Eiche, rieb vor lauter Geilheit unterm Lederschurz sein Säckchen und sah der Meute Mischlinge zu, die sich um den Kadaver einer Katze balgten. Bliffke fantasierte gern, nehmen wir mal an.
Wie kann ich aus zwei Kötern einen Dackel machen?, überlegte er vielleicht. Und dann die Geschichte fortsetzen mit der Frage : wie mach ich aus zwei Dackeln einen Menschen ...?
Ein interessanter Ansatz , finde ich. Doch bevor uns allen schlecht wird, verlassen wir den erstaunlichen Bliffke und wenden uns den Tatsachen zu. Wir grenzen sie auf die letzten vier Tage ein, damit wir überhaupt was schaffen.

Die Straße, in der Watzmann mit Hund Ernie wohnte, endet mit ihren Siedlungshäusern am Waldrand, schlängelt sich als unbefestigter Weg durch den Wald fort bis sie unterm Bahndamm hindurch wieder zur geteerten Straße wird. Bis dahin sind’s etwa eineinhalb km im Quadrat, Wald, in den, vom Südpol aus gesehen, von links der Müllberg drückt und von rechts der Bahndamm schneidet. Hinterm Bahndamm wächst die nächste Siedlung heran.
In der kleinen Idylle dazwischen wandern die Nerven auf bloßen Füßen über moosbewachsenen Schiefer, lassen sich auf kleinen Lichtungen im Gras nieder, inmitten wilder Himbeeren oder wilder Erdbeeren. Das tut gut.
Ruhe und Bewegung sind gleich. Innehalten, wenn nicht grad Wochenende ist und der Wald durchgängig bewohnt von Naherholungswesen.
So nah am Müllberg bleibt manche Dose auf der Strecke, was zur Folge hat, dass die Stadt ein Auge drauf hat. Montags wird Ordnung durchgesetzt, ab Dienstag ist der Wald wieder offen für jeden Dreck.

An einem Dienstag also lief Watzmann wie immer seinem Hund hinterher, auf dreißig Meter Abstand wie üblich.
Schauen wir mal in Watzmanns Kopf. Was tut sich da ? Wir sehen die berühmte Spirale, an der Watzmann hängt. Er denkt. Er denkt: Ich lauf ja nicht immer hinter Ernie her, aber fast immer – doch halt – fast und immer sind zwei Summen, adverbiale Bestimmungen, die sich ausschließen. Entweder fast oder nix oder immer wie Weichmann immer sagt, wenn er am Stammtisch sein Glas hebt.
Aber wenn ich doch nicht immer hinter Ernie herlauf, doch so gut wie immer – halt – das schließt sich doch auch aus. Oder ? Nein, nähere Bestimmung. Ergänzung, oder ? Ich bin also nah dran, am immer. Häufig vielleicht ? Nein, häufig trifft’s nicht ganz. Schon wieder – entweder ganz oder nicht oder ? – also meistens. Damit kann ich jedoch nicht zufrieden sein, weil es zwischen meistens und immer liegt, so häufig ist es.
Mit solchen Gedanken beschäftigt stolperte Watzmann und wir verlassen seinen Kopf. Er stolperte in ein Loch,
aus dem heraus sein Hund bellte. Das Loch war groß und tief. Vorspringende bemooste Quadern führten als Reste einer Treppe hinab. Sind wir unten gut angekommen – so wie Watzmann, der sich grad stöhnend aufrichtete und wie sein Hund aufjaulte, als er ihn trat – sehn wir den Eingang einer Höhle. Groß genug für eine
Lore, die Bruchsteine transportiert. Wenn wir den Boden etwas aufkratzen, stoßen wir auf Schienenreste.
Hier wurde noch vor sechzig Jahren Schiefer abgebaut. Damals führte der Schienenweg weiter ins Tal. in dessen Mitte ein kleiner Teich lebte, mehr ein Sumpfloch mit Fröschen, Kröten, Salamandern. Riesige Bruchsteine ragten hie und da aus dem Morast, Sonnenplätze für Feuersalamander und andere Echsen. Kreuzottern schlängelten sich durch die Gräser, häufig mit einer Maus im Maul. Hier fraß fast jeder jeden und dennoch schwebte der Friede mit Mückenwolken über dem Teich.
Bis der Nachkriegsmüll wohin musste. Senke und Teich wurden zugeschüttet und für die Bebauung erschlossen, Steinbrüche und Höhlen mit Abfällen verfüllt, das Ganze mit Mischwald bepflanzt und als nächstes der Müllberg in Angriff genommen. Wenn wir oben auf ihm stehen, sehn wir die Stadt. Sie liegt wie ein leuchtender Kloß unterm Abendhimmel. Ein glänzendes Geschwür mit roten Flecken zwischen den umgebenden Hügeln, von denen einer der Müllberg ist. Er lehnt sich schon an den Schieferhügel, drängt in seinen Wald hinein und –
wird bald bepflanzt. Wenn er zwanzig Meter höher ist, hab ich gehört. Bis dahin haben wir den Mord geklärt, hoffe ich.
Watzmann schaute seinem Hund nach. Wir kennen das. Er leuchtete, wieder auf allen Vieren, in einen dunklen Spalt hinein; sein Hund war darin verschwunden. Er rief Ernie – ÖÖÖrr niiie. Ein Rohrkrepierer mit zitternder Biegung und spitzem Ende. Dann zog er sich an der Wand abstützend hoch und griff in etwas Weiches. Im
Lichtschein der Lampe erschien die Wand als ein Haufen verschmolzener Figuren – Weiches und Hartes vereint.
Watzmann trat zurück und dabei in ein Wasserloch. Und hier begann sein Aussetzer.

Sie trafen sich im abgeschabten Büro des Kommissars; welches immer als Versammlungsort benutzt wurde.
Hie und da war noch was Blankes aus der Eisenzeit.
Also, meine Herrn, worauf warten wir noch. Was haben Sie zu berichten (?).
Frau Hömmers fehlt noch.
Teufel auch, eine Frau in der Runde, wo bleibt sie ?
Ich kann zusammenfassen, was unsere Befragung ergeben hat, meldete der Inspektor.
Inspektor Heinrich war mit Frau Hömmers unterwegs, schob der Kommissar nach.
Dann los. Der Dienststellenleiter lehnte sich im einzigen Sessel des Besprechungszimmers zurück. Er steckte eine Prise Schnupftabak in sein linkes Nasenloch und atmete tief durch.
Zunächst der Umriss, begann Heinrich
Hatschi – machte der Chef.
Die Siedlung besteht aus sieben Häusern, die durchweg mit alten Leuten bewohnt sind. In einem der sieben befindet sich eine Gastwirtschaft, die selten geöffnet ist. Das Opfer, Etzel Weichmann, pensionierter Gerichtsrat,
wohnte gegenüber. Er hinterlässt seine Frau Hildegunde, die zur Zeit im Krankenhaus Turbo –äh- Teutobürger behandelt wird. Nervenzusammenbruch. In den anderen Häusern wohnt die Verwandtschaft. Verschwistert und verschwägert. Wir waren sehr überrascht, das Opfer als Bruder und Schwager des Ehepaars Kämmerling wiederzufinden. Die Kämmerlings wiederum sind Vetter und Kusine, angeheiratet, des Opfers. Der Inhaber
der Gaststätte >Wellers Köpp< heißt Birgel Messerschmidt. Seine Frau Elma hat eine Schwester namens Schmiss, Dorothea, die im letzten Haus rechts, gleich neben der Waldeinfahrt, wohnt. Ein Einzelgänger namens Zubernte wohnt im letzten Haus links. Ein unbebautes Grundstück schließt sich an. Außerdem woh....
Die Tür wurde geöffnet, Elke Hömmers drückte sich rein.
Ach da kommen Sie auch schon, Frau Hömmers, sprach der Kommissar
Äh - Herr Becks - ich glaube, ich bin hier nicht richtig, wandte sich der Leiter vertraulich an den Kommissar.
Machen Sie nur weiter. Geben Sie mir morgen 9Uhr30 den vollständigen Bericht mit mündlicher Kurzfassung. Bis dann. Der Oberchef stand auf und verschwand.
Wachtmeisterin Hömmers setzte sich in den Chefsessel. Der Kommissar brummte. Er brummte etwas lauter : Äh - Frau Kollegin – da Sie ja fast noch auf den Beinen sind. Wir haben den Kaffee vergessen. Bitte – wärn Sie so gut.
Frau Hömmers stand auf und verschwand. Schon wieder einer, der mich Frau Kollegin nennt. Er siezt mich plötzlich, dachte sie, noch schlimmer. Was hab ich bloß verbrochen ?
Mach weiter, Heinrich, forderte der Kommissar.
Zum Umriss fehlt noch das Ehepaar Wunst. Sie ist eine geborene Kämmerling. So weit zu den Verwandtschaftsverhältnissen. Wie sich aus den Befragungen ergab, sind Gerüchte im Umlauf, die die Nachkommenschaft betreffen. Verschiedene Neffen und Nichten, aber keine eigenen Kinder – ist das nicht seltsam ? Ein Neffe hat wiederholt versucht, Weichmann zum Verkauf seines Hauses zu bewegen. Wir haben uns nach dem Marktwert der Häuser und Grundstücke erkundigt und sind fast umgefallen. Für die Grundstücke wird so viel geboten, dass ein eventueller Neubau darauf als Zugabe gedacht sein könnte. Selbstverständlich haben wir nach den Hintergründen gefragt und sind dabei auf interessante Mobilitäten gestoßen. Wir wissen, das zwischen den letzten Siedlungshäusern und dem Pensionärsweg Armeegelände liegt. Etwa zwanzig Hektar. Kasernen und Übungsgelände. Aufgrund der Verschlankung der Armee soll möglicherweise der Standort geschlossen werden. Anscheinend wird schon über Bauerschließungen nachgedacht. Jedenfalls sind erhebliche Aktivitäten im Gange. Die Maklerwelt steht kopf.
Da steckt das Motiv, sagte Böckmeyer.
Womit du recht haben könntest, Junge. Der Kommissar steckte sich eine Gauloise zwischen die Lippen, zündete sie an, dampfte. Was für’n Kraut, dachte Böckmeyer. Wie die stinken, dachten alle. Der Inspektor stopfte seinen Mutz. Meyers kaute Kaugummi. Polizistin Hömmers schimpfte vor der Tür. Heinrich öffnete sie. Der Kaffee dampfte.
Sofort her mit diesem Neffen, bestimmte der Kommissar, am besten gleich alle Anverwandten vernehmen. Endlich so was wie einen Anhaltspunkt...prima. Heinrich, du übernimmst das - mit Böckmeyer. Wer ist denn nun der Erbe ?,
Das ist das Seltsame. Der Neffe bekommt höchstens einen Pflichtanteil. Frau Weichmann ein paar Obligationen,
Watzmann erbt.
Schon wieder Watzmann. Den holst du mir her, Meyers, jetzt. Kommissar Becks roch eine Spur. Seine Laune stieg. Wir haben jetzt einen Hauptverdächtigen, sagte er. Er rieb sich die Hände.
Was ist mit dem Neffen ?, fragte Heinrich.
Herholen., aber erzählt erst, was noch dazugehört.
Elke Hömmers schaute fragend drein. Der Inspektor meldete: Abschließend möchte ich hinzufügen, dass die Siedlung von zwölf Personen bewohnt wird, wovon zwei allein leben und davon eine mit Pflegepersonal, welches sich zwischen dreizehn und achtzehn Uhr fernhält – äh - Ausgang hat.
Dort wohnt -?
Dort wohnt. Eine Person ist immer da.
Der Kommissar nickte – gut – Elke, jetzt bist du dran – aber komm mir nicht mit blauem Himmel und wie viel Sternlein stehn.
Ich versuch mich kurz zu fassen : Die Befragung hat insgesamt, in den vier Häusern, die uns zugeteilt waren, folgendes ergeben: Am Dienstag sind keine, am Mittwoch und bis zur Entdeckung der Leiche am Donnerstag siebzehn ortsfremde Personen bemerkt worden, die durch den Pensionärsweg in den Wald gingen. Vier davon –am Mittwoch - in recht auffälliger Weise – betrunken. Wir haben die – kleine Fahndung - rausgegeben, aber noch keine Ergebnisse. Das betrifft auch die dreizehn Personen, die auch am Mittwoch durchkamen –
Jäger offensichtlich, mit Hunden.
Um diese Jahreszeit ?
Das hat uns auch gewundert. Wir haben nachgefragt und erfahren, dass am Nordhang des Schieferberges am Montag zwei Fälle von Tollwut entdeckt worden sind, zwei Katzen, die daran gestorben sind. Da der Wald von einer Jagdgemeinschaft betreut wird, hat eben diese Jagdgemeinschaft zur Jagd aufgerufen.
Stimmt, rief Meyers, hab ich gelesen.
Da müsste doch der ganze Wald gesperrt werden, rief Böckmeyer.
Der Kommissar nickte: das machst du jetzt, Böckmeyer, sofort. Ruf das Ordnungsamt an. Böckmeyer stand auf und verschwand. Vom Nebenraum aus hörten sie seine Stimme.
Warum hat’s noch keine entsprechenden Anordnungen gegeben ? Wisst ihr das ?
Sie schüttelten die Köpfe. Vielleicht ein anderes Revier, vermutete die Hömmers.
Schau mal einer in den Interna nach. Da muss doch was vorhanden sein. Egal, ist zweitrangig, bestimmte der Kommissar, sonst noch was, Elke, etwas Auffälliges - ?
Kein Auto. Allerdings ein Kleinlaster am Montag früh gegen fünfuhrdreißig. Hatte Netze geladen für den Müllberg, zur Abdeckung, nehm ich an.
Ist der Pensionärsweg die einzige Zufahrt zum Müllberg ?
Nein, die Hauptzufahrt liegt weiter westlich, in der Kommonderiestraße, im Stadtteil Wistringen. Eine weitere gibt’s von der Nordsiedlung aus – Westerheide.
Ach die am Kanal. Na gut. Lasset uns fragen. Was ist mit dem Kleinlaster, wer hat ihn gefahren usw. ?
Sind wir noch dran.
Und wo seid ihr nicht mehr dran ?
Frau Hömmers wippte kurz mit den Brüsten, was alle gern sahen. Sie schlug den linken Schenkel über den rechten, was sie auch gern sahen.
Die Befragung hat allgemein kleine Eifersüchteleien zwischen den Rentnern aufgedeckt. Die Weichmanns galten als Verbindungskatalysatoren...
zu der außerhäusigen Verwandtschaft – betrifft die, die nicht in der Pensionärstraße wohnen – rief der Inspektor
und zu bestimmten Behörden, beispielsweise zum Bauamt usw. ergänzte die Hömmers.
Aha, die Grundstücke, sinnierte der Kommissar.
Was habt ihr beide, Meyers, Böckmeyer und du, herausgefunden?, fragte er.
Ich soll doch jetzt den Neffen ranholen, und den Watzmann.
Na, dann mach zu. Der Kommissar drehte den Kopf. Er suchte Böckmeyer, wie Meyers Inspektor-Anwärter. Die Tür schloss sich hinter Meyers, die Hömmers räusperte sich. Sie wechselte die Beine, wippte aber nicht.
Alle siebzehn Besucher des Schieferwaldes kehrten nicht auf dem gleichen Weg zurück, wagte sie zu bemerken.
Wie viel Zuwege gibt es ?
Drei, drei erlaubte, einer davon dieser Pensionärsweg, sowie die Möglichkeiten vom Müllberg aus, das sind mindestens noch mal drei. Außerdem ein paar winzige Wanderwege.
Sehr gut recherchiert, Elke, und was soll ich damit ? Er zündete eine neue Zigarette an. Warten wir besser die Vernehmungen ab. Böckmeyer, schrie er plötzlich, wo zum Henker bleibst du ?
Und ebenso plötzlich stand der Gerufene in der Tür. Ja Chef, bin ja noch vorhanden.
Was kannst du berichten, will ich wissen. Los.
Äh – die drei Häuser ? - natürlich. Also – im ersten Haus wohnen die Eheleute Kämmerling. Die wissen nur, dass Weichmanns keine regelmäßigen Spaziergänger waren. Den Schieferwald haben sie eher gemieden, obwohl Boxer Ludwig, der Hund, lieber dahin wollte. Dafür waren sie häufig in der Stadt unterwegs, pflegten den Kontakt zu Behörden und so, hatten in letzter Zeit mit einigen Leuten zu tun, die im verwandtschaftlichen Verhältnis mit den Bewohnern im Pensionärsweg stehen, sie selbst eingeschlossen.
Was für’n Kontakt, wer sind die Leute ?
Bauamt, Makler, Verwandte, Kaufinteressenten.
Also die auch. Und das nächste Haus ?
Das zweite Haus linkerhand ist das >Wellers Köpp<. Inhaber Messerschmidt. Die Messerschmidts sind etwas betuliche Leute, die ihr Geschäft versehen wie’n Kaffeekränzchen mit Pensionsanschluss. Als wir was trinken wollten, bedauerten sie. Heute kein Ausschank. Die wissen auch nichts, aber ich bin davon überzeugt, dass sie mehr wissen, als sie uns gesagt haben. Als ich fragte, was Weichmann für ein Mensch war, sagte sie, Frau Elma,
>ein freundlicher Egozentriker<. Ich bat um nähere Auskunft, worauf der Ehemann einen unendlichen Stuss über Freundlichkeit und Güte des Etzel Weichmann heraussprudelte. Dass das nur geschleiert war, konntest du nach drei Sätzen fühlen. Alles übertrieben. Als Meyers fragte, woher wohl so ein Pfundskerl einen Todfeind abbekam, mischte sie sich wieder ein. >Weil er auch ein Egozentriker war<, rief sie. Worauf er die Hände übern Kopf zusammenschlug und rief, aber Elma, dass sind wir doch alle in bestimmter Weise und Weichmanns etwas mehr, nur ein winziges bisschen mehr ! Sie gab denn schließlich klein bei.
Noch was im Kopf von dem Stuss ?
Dem Stuss ? Kaum. Das Wichtigste hat Meyers aufgeschrieben.
Was denn ?
Es ging darum, wie oft der Richter kleinen Gaunern helfen konnte, in dem er sanfte Urteile – sanfte Urteile - so drückte sich Messerschmidt aus, fällte. War vielleicht zu sanft auf die Dauer oder einmal zu viel. Gab natürlich Reaktionen. Er ist zwar Gerichtsrat geworden im Laufe seines Berufslebens, aber in der tauben Ecke. Hat mal in einem Drogenprozess den Dealer als jungen, unvorsichtigen Geschäftsmann bezeichnet. War zu Anfang des Haschisch-Booms, 1967/68 – hatte noch keiner die Ahnung, was das ist. Der Dealer bekam fünf Monate auf Bewährung. War ’n Nachbar von ihm. Wär beinah suspendiert worden. Hat nur noch groben Unfug gekriegt. Weichmanns allerweichste Stelle, meinte die Hömmers.
Der Kommissar trank einen Schluck Kaffee, schluckte etwas Rauch dazu, hustete, Gesundheit wär hier wohl zuviel gesagt, meinte die Hömmers und der Kommissar fragte: Das alles haben die Kümmerlings verraten ?
Die Messerschmidts – aber das ging nur bis zu sanften Urteilen. Wir haben nachgeschaut.
Prima Arbeit Jungs. Was gab’s noch ?
Da ist noch der letzte unserer Kunden, Zubernte. Schwer an ihn ranzukommen. Macht gerade Schwarzwaldkur. Kommt in vier Tagen zurück, Junggeselle, Katze, wird von Kämmerlings versorgt.
Der Kommissar griff zum Telefon: He Emmerich habt ihr das Sorgenpaket geschnürt ? Kommt gleich rüber?, na gut. Die Spurenuntersuchung kommt berichten, vertraute er seinen Leuten an.
Das Telefon klingelte. Der Kommissar langte hin, bevor die Hömmers zugreifen konnten. Ja – Becks – ja – was hast du gesagt ? - - - - - ? - - wie ? nein – ja – wir kommen – äh wo? in der ....ach du Scheiße – sind sofort da. Alle Mann hopp, schnauzte er, es ist was passiert. Er schnüffelte an seinem Hemd, roch unter seiner Achsel und warf sich das Jackett über die Schultern.
Und ich ?, schrie die Hömmes.
Becks schaute grimmig zur Wanduhr. Er wär längst oben, wenn nicht auf jeder Stufe Scheißhaufen lägen.
Du kannst unsere Arbeit delegiern – an das Reinigungskommando. Hast du die Dienstboten von Frau äh- Schmiss vernommen – nein ? Dann fehlt noch was. Was für dich. Er atmete tief durch : Heinrich und
Böckmeyer bei Fuß – los denn.
Was machen wir mit Meyers ?
Der hat angerufen – vom Tatort aus. Wunst ist tot.
Sie ließen die Tür offen, als sie gingen – eine finstere Polizeimeisterin bei der Arbeit. Sie telefonierte.
Die Kollegen sind alle hopps, erzählte sie ihrem Freund. Mehr darf ich dir nicht sagen, Symmy – von wegen Schnaps is Schnaps. Was denkst du denn ? – nä – ich muss arbeiten. Du hast doch Urlaub – was -? – heute Abend schon ?- wie kommt’s ?- ich fragte, wie kommt’s, nich mir kommt’s, du Schlingel – um zweiundzwanzig?- wie heiter, ich werd vorfühlen, was Sache ist.
Und dann setzte sie sich an den Computer, der in Röchlings Büro stand. Der ist schon morgen wieder da, der Experte, der Symmy – hm – und nun muss er ran – wie heiter. Und mit einem frechen Lied auf den Lippen :Ich hab beim Küssen einen scharfen Zahn gerissen – schaltete sie das Gerät ein. Auch wenn die Kollegen es immer wieder vergaßen, sie schaffte auch was.

Über viele Jahre hinweg studierte Watzmann die Gehgewohnheiten Behinderter. Dann hatte er sich fürs linke Bein entschieden und fortan hinkte er. Er machte es so geschickt, dass physiologische Reaktionen ihm entgegenwuchsen. Das hatte seine Pensionierung beschleunigt. Er wollte einfach mehr vom Hund. Nun hinkte er, ohne zu schauspielern.
Du glaubst es nicht, erzählte er seinem Freund, dem Dackel, was ist das gut, dass du wieder bei mir bist. Die taugen alle nichts, auch nicht die anderen – und schon gar nicht die Polizei. Und der Hund, der halb auf seinen Füßen lag, gähnte mitfühlend. Hin und wieder schlug er mit seinem dünnen alten Schwanz auf den Boden, um zu zeigen, dass er noch lebt.
Du glaubst es nicht, sagte Watzmann. Ich jedenfalls glaub nich, dass es mir je wieder einfällt, was ich da verpasst habe. Bis darauf, dass es überall so nass war.. Wo kam das Wasser her ? Von oben, na klar – aber so viel auf einmal – auf einmal...? Er stutzte – das hat was – dachte er. Er staunte. Er sinnierte mit offenem Mund :
Ich bin ins Wasser gefallen – richtig. Da ist es passiert – aber was ? Die haben nicht aufgepasst, die anderen..... Und nun ermüdete der alte Herr. Bald waren alle vier Augen zu und Watzmann schnarchte, wie nur jemand schnarchen kann, der zweistimmig bellt, wenn er spricht.

Hallo Becks, was ist los ? Es ist elfuhrdreißig. Wo ist der Bericht ? Warum ist die Dienststelle fast unbesetzt ? Wieso muss ich Sie über Handy anrufen ? was ist los ?
Guten Morgen , Herr Rat – ich will Sie doch nicht am Wochenende stören.
Papperlapapp, ich sagte morgen früh neunuhrdreißig. und das ist heute. Und selbstverständlich erwarte ich Sie hier bei mir – gleich.
Ich komme sofort; wenn ich hier fertig bin, mein ich. Ich hab hier noch ’ne Leiche.
Was ? Was reden Sie da. Ich hab hier ’ne Kommission auf dem Hals, der Bürgermeister, der....
Und wir stehn hier am Bett eines toten Mannes und sein Frühstück liegt ausgekotzt auf seiner Brust und der Arzt weiß noch nicht, was den Tod herbeigeführt hat und die Leiche liegt im Hause Wunst, Pensionärsweg 2, am Schieferberg. Ich tippe auf Mord, der im Zusammenhang mit dem Mord im Schieferberg steht. Ich melde mich.
Aber – hier steht die...ach...
und der Dienststellenleiter, der fast schon (bald) hochleben ließ, weil er die nächste große Stufe schon halb untern Fuß hatte, drückte verdammt noch mal einige falsche Knöpfe, ehe er den richtigen fand, um das Gespräch seinerseits zu beenden.

Irgendwas stimmt hier nicht, dachte die Hömmes laut.

Der Fernseh-Regional - Funk
Guten Morgen, meine Damen und Herren. Im Pensionärsweg ist heute die Leiche eines älteren Mannes aufgefunden worden. Die Polizei glaubt nicht an einen Zufall, sondern an eine Verbindung zum Mord in einer Höhle des Schieferberges. Hören Sie dazu unseren Kommentar :
Nun sind wir also angekommen – im Reich der Fantasie. Denn etwas anderes hat die Polizei nicht zu bieten.
Doch bleiben wenigstens wir bei den Tatsachen, den nachvollziehbaren Tatsachen. Mit Blaulicht und Tatü tata
raste heute früh die Mordkommission in den Pensionärsweg – am Schieferberg – meine Damen und Herren- Sie erinnern sich ? Dort wurde am vergangenen Freitag, nämlich gestern, eine männliche Leiche in einem Betonklotz entdeckt. Die näheren Umstände, von Aufklärung reden wir gar nicht, sind vierundzwanzig Stunden später noch nicht geklärt. Das wär auch zuviel verlangt, finden wir. Der Punkt springt an anderer Stelle (gut gesagt was ?), nämlich - auf - der Stelle. Auf – der - Stelle, auf der das kriminalistische Ansehen festgewachsen zu sein scheint, wenn aus ihren Reihen zu hören ist, dass der Hintergrund in Immobilienspekulationen zu finden ist.
Was weiß die Polizei, was wir nicht wissen ? Und worüber wird spekuliert ? Etwa über ein paar Einfamilienhäuser in einer kleinen Straße in einer abgelegenen Siedlung, in die bei entsprechender Wetterlage der achthundert Meter entfernte Müllberg hineinstinkt ? Ja – meine Damen und Herren, auch das ist unsere Realität und wir empfehlen dringend, den Müllberg zu bepflanzen, damit dieses Problem, welches bei Tiefdruck Nordwest bis in den Stadtkern reichen kann, endlich gelöst ist. Wir wissen alle, dass eine weitere Deponie im sogenannten Poggenkeller geplant ist. Die Eigentumsverhältnisse sind längst geklärt. Die Bevölkerung versteht nicht das Zaudern unserer Entscheidungsträger.
Fangt also hiermit an, bevor Verdächtigungen geäußert werden, die den Verband der Haus- und Grundeigentümer beleidigen müssen. Der Maklerverband spricht von voreiligen Schlüssen, die das Vertrauen in seinen Berufsstand schmälern könnten. Wir schließen uns an mit dem frommen Wunsch : Fangt den Mörder, bevor es jemand anders tut. Vielleicht hat er noch was vor, der Mörder.....
Meine Damen und Herren, Sie hörten den Kommentar unseres unabhängigen Redakteurs Dr. Tillmann Annerswoh.

Mein Gott, stöhnte Watzmann, als er das Gerät abzappte, der nächste bin ich....

Guten Tag, die Herren
Tag Becks. Sie kennen den Kriminalrat, Herrn Stolper und Hauptkommissar Rute wird Ihnen auch bekannt sein. Die Herrschaften übernehmen den Fall. Hab ich Ihnen angedeutet, gestern, glaub ich.
Habe die Ehre
Bitte, setzen wir uns, meine Herrn. So. Wie weit sind wir, Becks ? Wenn Sie uns bitte in Kenntnis setzen würden....
Ja, also, die Vorermittlungen sind abgeschlossen, bis auf die Vernehmung von Frau Weichmann, der Frau des verstorbenen Etzel Weichmann. Sie befindet sich im Krankenhaus. Die behandelnden Ärzte erlauben für heute Nachmittag 30 Minuten.
Kommen Sie zur Sache, Becks
Es sind insgesamt 27 Personen vernommen worden, die mehr oder weniger widersprüchliche oder auch verwirrende Aussagen gemacht haben. Bei unserem Personalstand eine beachtliche Leistung.
Zur Sache.......
Etzel Weichmann starb an Herzschlag, der vermutlich durch äußere Einwirkung herbeigeführt, zumindest gefördert worden ist. Welche Einwirkung das war, kann unser Mediziner nicht mehr feststellen. Die Autopsie – ich hab den Bericht erst vor 10 Minuten erhalten – hat keine Besonderheiten ergeben außer einer Leberzerrung, die aber nicht zur Todesursache beigetragen hat. Jedenfalls nicht direkt. Weichmann war beim Auffinden seiner Leiche seit mindestens vier Tagen tot. Er ist nach seinem Tod in den Beton eingegossen – und zwar am Ort seines Auffindens. Wir haben in einem Wasserloch, welches sich im Bereich des Höhleneingangs befindet, kleine Zementreste entdeckt.
Bitte nur das Wesentliche, Becks
Wir haben bei unseren Nachforschungen festgestellt, das die Bewohner des Pensionärsweges alle miteinander verwandt sind. Sie beerben sich gegenseitig, wobei nicht immer der nächste Angehörige der Hauptnutznießer ist.
Einige Neffen und Nichten sind sogar vom Erbe ausgeschlossen. Das hat natürlich unsern Anfangsverdacht bestätigt, dass einer der Anverwandten oder auch mehrere darin verwickelt sein könnten. Hinzu kommt, dass um Häuser und Grundstücke Spekulationen größeren Ausmaßes zirkulieren, weil die Stadt die Hinterlassenschaft der Armee, ca. 2o Hektar, als Baugelände ins Spiel bringt.
Der Bürgermeister hat mir noch gestern versichert, unterbrach der Leiter, dass solche Vorhaben nicht existieren. Außerdem steht die endgültige Entscheidung der Armee noch aus. Was also sollen solche Verdächtigungen ? Wir hetzen uns selbst die Medien auf den Hals. Der Dienststellenleiter griff sich an eben diesen. Er war sehr verärgert. Der Kriminalrat lächelte still in seinen Kaffee. Der Hauptkommissar stellte eine Frage :
Haben Sie Verdächtige, die konkret verdächtig sind ?
Ja – ein Mann namens Watzmann, Freund und Verwandter des Verstorbenen, auch wohnhaft im Pensionärsweg. Er ist Hauptnutznießer. Er beerbt auch den gestern verstorbenen Karl Frider Wunst, Todesursache noch unbekannt, vermutlich Gewalteinwirkung, abzüglich eines Wohnrechts der hinterbliebenen Frau Wunst.. Er hat kein Alibi. Was dagegen spricht – er ist selbst 79 Jahre alt und behindert. Er konnte es also nicht allein schaffen. Er muss Hilfe von außen bekommen haben. Hier kommen die Nichten und Neffen ins Spiel. Wir haben die Alibis überprüft, sie sind dicht. Wenn das keine Verschwörung ist, muss eine weitere Variante ernst genommen werden : der Kauf eines Killers.
Haben Sie das alles im Bericht ?, fragte der still lächelnde Rat.
Ja
Gut, dann überlassen Sie uns alles weitere. Äh – die Vernehmung der Frau Watzmann, im Krankenhaus, die machen Sie noch – oder ? Er schaute sich um. Der Hauptkommissar nickte. Der Dienststellenleiter wirkte erleichtert. Auch Becks nickte. Na gut, solln sie doch. Vielleicht konnte er noch ’ne kleine Überraschung finden?

Tatsächlich begann es vielleicht, als Weichmann, bravourös graduiert und quer durch den Käse gefressen, eines Tages eine Akte las, in der es um ein Testament und einen Mord ging. Der Sachverhalt erinnerte an einen längst vergangenen Fall, der einschließlich einer Teufelsaustreibung einen bis heute ungeklärten Aspekt enthielt, nämlich, wo steht heute das >KilliKill<, wenn es gestern noch dort stand, wo sich heute ein kleiner Hügel befindet ? Als Weichmann sich näher damit befasste, fielen ihm die Ideen kopfüber.
Wie schön – aus dreißig Jahren Entfernung lag vor den weitsichtigen Augen ein großer Landstrich im Überblick.
Dort, wo einst das Bächlein sich wand, wuchs von gestern auf heute die Keule des Fortschritts. Sich selbst immer wieder reorganisierend ist sie nun das Stammesglied der Menschheit geworden, mit dem der Austausch getrieben wird..
Und ich bin ein Winzfleck am Frack, dachte Weichmann, als er die Füße schlurend vom Klo zurück in die Stube trat. Oder ein Kaugummi unter der Schuhsohle. Oder Hundescheiße ? Er rieb sich vergnügt die Hände, seine aufgeworfenen Lippen grinsten. OGOTTverdammich schrie er, da ihm grad der Geruch, der starke, deutlich entgegenstieg. Allzuschnell hob er sein rechtes Bein, stieß mit dem Knie gegen die Tischplatte, schrie Gottverdammich, fluchte auf den Hund, rückte vom Tisch ab, verrückte dem Stuhl, auf den er sich setzen wollte, das Gleichgewicht, hielt sich an der Akte fest, stürzte nach hinten, schlug mit dem Kopf auf und verlor das Bewusstsein. Die Akte in seinen Armen. Er durfte sie mit ins Krankenhaus nehmen.
Und wir dürfen annehmen, dass auch dieser Herr bald einen Stock braucht. Ist nicht schlimm. Weichmann ist seiner Verrentung nahe.
Wieder zurück im Leben befasste er sich intensiv mit der Frage : Wie kommt das Schiff ins Trockendock, wenn es nachweisbar nicht bewegt worden ist, als es dreißig Seemeilen Nord/Nordost vor Helgoland lag ? Auch die Gangster, lange abgeurteilt, wussten keine Antwort drauf. Auch nicht die Medien. Selbst die Wasserschutzpolizei, die Kripos der Stadt, des Landes, des Bundes stellten nur Fantasie zusammen, doch keine Antwort. Von einem Richling, war es nun der Bruder des Kabarettisten, sein Vater oder er selbst, kam die witzige Vermutung : Vielleicht ist das nur gedoubelt ? Doch der Aufwand spricht dagegen (zwei Schiffe wie eins aussehen lassen an zwei verschiedenen Orten ?):
Wenn ich den Knackpunkt löse, in dem ich ihn verdoppple, sinnierte Weichmann, hab ich ihn. Und was ihn dann noch kopfüber mitnahm, vermischte er mit Kognac. Den hatte seine Frau im Nachtschrank deponiert. Bald stank das Krankenzimmer. In bester Laune und Lautstärke drehte er Wunderkerzen .
Der is besoffen, schimpfte Schwester Marlies. Entlassen, ordnete Dr. Sernferz an. Aber der ist Amtsgerichtsrat Dr. Weichmann..., zweifelte Stationsschwester Krimhild.
Ich will nach Hause, schrie Weichmann.
Und das wurde schnell durchgeordnet. Besser für alle, wussten alle. Auch für Frau Weichmann, die ihn lächelnd empfing..
Mein lieber Ernst August Egon, sagte sie (so beturtelte sie ihn, wenn ihr sein Rufname Etzel zu verstaubt vorkam) ich hab dich allein noch nie länger als zwanzig Stunden außer Haus gelassen - stimmt’s ? Weißt du noch damals, als dein Blinddarm furzte ? Das war zwar lebensgefährlich, doch wir haben´s hingekriegt – stimmt’s ? Und dann diese Schau, als der Junge seinen Arm im Maul des Bären hatte, im Zoo, weißt du noch ? Du wusstest nicht, sollst du ziehen oder lassen. Bis ich dich gestoßen hab...stimmt’s ?
Damals waren wir genau neunzehn Stunden und vierundfünfzig Minuten voneinander getrennt. Rekord !
Mein Gott, was für Unannehmlichkeiten: Diese hässlichen Unterstellungen, obwohl du doch immerhin schon im Ornat warst....
Ach Lämmelchen, das ging aufs Gemüt. Doch nun bin ich in Laune – von uns zuhaus zieht keiner aus, das hält kein Herr November aus.
Wie schön du wieder schwachsinnen kannst. Dafür stell ich dir den Sessel auf fünfunddreißig Grad.
Ach - bin ich froh, ich hab Ideen. Einen Brandy hast du für mich – prima...danke...zum Wohle. Ich hab Lust, meine Karriere zu gefährden – allez....
Du und deine Karriere – was? Das sagst du noch, wenn du zum Pensionseintopf ins Gemeindezentrum gehst.
Aber ich geh nur bis zur Tür und sing den Stern an, der grad über Bethlehem aufsteigt, während du schon bei der Schokolade bist.
So wird’s sein, mein Lieber. Soll ich nachschenken ?
Das auch und noch besser – wie wär´s mit einem Pflänzchen aus dem Gewächshaus ?
Pflänzchen ? Du warst aber lange nicht mehr am Ort. Die sind jetzt fast drei Meter hoch. Und sie würden bis zur Strasse stinken, wenn wir nicht die Taxushecke davor hätten.
Aber wir haltens doch immer schön geschlossen dort....?
Da hilft bald nichts mehr, Freundchen. Weißt du, wo unser Hundiböck am liebsten schläft; wenn er nicht hier schläft ? Hm ? Zwischen Gewächshaus und Taxushecke. Und im Traum singt er. Jedenfalls kriegt er diesen Ton niemals hin, wenn er wach ist.
Darum liegt er dort ? Wo ist er jetzt ?
Natürlich dort.
Dann lass ihn dort und hol uns ein Blütenrispchen. Wenn sie bald drei Meter hoch sind, können sie schon springen. Doch halt, ich humple mit.
Nein, mein Lieber, du sitzt im Sattel und ich bin gleich zurück.
Und bald konnten beide hüpfen. Sie fassten sich dermaßen an sämtliche Gliedmaße, dass Weichmann so völlig gesund wurde, als erfreue er sich der Umarmung des Hl.Geistes. Besonders die Ringelreihen der Genien, die einander mit Eigelb bewarfen (sowohl gewendet als auch frisch), erfüllten seine Bilder, sein Hoffen und Sehnen.
Waren es auch, mit Zeitlupenblick gesehen, glühende Streifen, die morgen zu Regenbögen ernüchtert sind.

Soviel zu Ursache und Wirkung. Wobei die Wirkung noch andauert und neue Ursachen schafft. Und wenn wir diese verfolgen, müssen wir unter den Fußsohlen nachschauen. Da klebt der Dreck. Und der verbreitet sich. Fußabdrücke unter Tausenden. Klänge in Geräuschkulissen. Bewegung, die nach allen Seiten offen ist.....
Wer will da von der Wirkung wissen, ob sie eine Ursache hat ?
Von Weichmann selbst nehmen wir an, dass er in seiner fast kindlich anmutenden Hingabe an knifflige Abenteuer, von Aktenlagen verführt, Wirklichkeit zu schöpfen vermochte. Und seine Frau machte mit, häufig an erster Stelle. So geht’s mit Leuten, die immer einen warmen Kopf haben wollen. Sie sind von Geburt an süchtig.
Und wer ist das nicht ?
Doch sie bemühten sich, den Schein zu wahren. Sie blieben auf der Decke. Ähnlich wie sein Halbbruder Watzmann war er umsichtig und pfiffig. Außerdem ist sein Berufsstand angesehen. Er hob den Fuß von der Decke. Er drehte den Alltag durch den Wolf – mal sehen.
Er brauchte seine Nachbarn.
Er holte sie ins >Wellers Köpp<.
Er zippte mit dem Fingernagel ans Glas und stand auf. Er hob das Glas.
Auf unsere Heimat, liebe Leute. Unsere Heimat ist diese Straße und der Schieferberg. Pro Wochenend
ca. tausend Besucher. Nicht unsere Besucher – nein – sie kacken nur den Schieferberg voll. Daran wollen wir uns endlich beteiligen, schlage ich vor – Moment – lasst mich ausreden – wir beteiligen uns – aber anders als die Touries. Wir beschmutzen unser´n Schieferberg, um ihn zu retten. Das ist gottesfürchtig und gesund..Moment, Moment – die nötigen Maßnahmen habe ich im Kopf. Es ist nur ein grobes Täuschungsdelikt. Mehr nicht. Würd ich selbst Bewährung drauf geben. Also, liebe Nachbarn, ich erzähl euch, was wir uns ausgedacht haben.
Wo ist eigentlich Watzmann ? Im Wald ? Gut so. Wir lassen ihn lieber etwas im Ungewissen – er ist so nervenschwach. Also – als erstes machst du deine Kneipe dicht, Messerschmidt. Nein – nicht dicht, sie ist nur noch für uns offen. Für uns Nachbarn. Die Touries kriegen nix.
All unsere Handlungen sollen zum Ziel haben, diesen Strom zu stoppen, ehe wir selbst in der Kloake sitzen.
Allerdings brauchen wir dazu dies und das und einen Toten. Ja-ja, erschreckt nicht. Das wird `n hochlustiges Abenteuer und wenn es schiefläuft, war´s nur hochneurotisch.
Seine Zuhörer hielten ihn für ebenso plemplem wie sie Watzmann für >entfernt< hielten, obwohl der täglich mit Hund und Selbstgespräch unterwegs war. Die gute Frau Schmiss war da gescheiter. Sie verwechselte so gut, dass selbst die Polizei nichts merkte.
Längst wären die Vorstellungen der Weichmanns, ihre bizarren Pläne, in Vergessenheit geraten. Sie hatten keinen Erfolg. Doch kurz nach seiner Pensionierung verstarb er. Zuviel Konsum, Herzschlag, aus. Eingegangen wie ’ne Primel auf Beton.
Reserveoffizier Kämmerling stellte fest : Im Gedenken unseres lieben Verstorbenen liegt es an uns, seine Ideen umzusetzen. Und wenn’s nicht hilft, ist er Vorbild für weitere schöne Taten. Jetzt müssen wir keine Toten vom Friedhof klauen.

Meyers stand mit dem Telefon in der Tür.
Hallo Chef. Ruft grad ’n Arzt an. Ein Doktor Steubel. Sagt, war drei Tage weg. Hört sich so bayrisch an wie mein Staubsauger hinterm Leerlauf. Konnt ich kaum verstehn.. Ist Hausarzt von allen Bewohnern des Pensionsweges. Auch Weichmanns. Weichmann ist schon etwas länger tot, als unser Arzt sagt, sagt er. Genau vierundzwanzig Stunden länger tot. Wurde vor zehn Tagen begraben, auf dem Engelslift, dem Friedhof in Twistringen. Fragt :oder nicht ? Was sag ich ihm darauf ?
Mensch gib her, verdammt

 

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