Alte Hüte:

Gehör’n Sie zu den Leuten, denen die
Kindheit entwich wie ein Schuss ins Brot ?
Ein Knall – und alles war gestern – (?) –
Natürlich – sie streckten die Arme aus,
um die Welt zu umarmen. Darauf der Knall und
– die Erwartung gestoppt. So gedeiht der
Spielplatz zu einer Straße, die dahinten zum
Strich wird.
Doch hin und wieder öffnet ein schräger
Morgen sein Zwielicht. Der Aal ist an Land
und legt Eier ab. Mit dem glitzernden Tau
weben die Spinnen irisierende Lichter. Mit
einem kräftigen Husch fegt ein Windstoß
durchs Netz. Er biegt die Zweige der
Mirabelle. Ein großes Wiesel springt vom
Dach. Es dreht sich gegen den Wind und zeigt
dabei seinen weißen Bauch – und durch die
Stille in ihrem Fluss treibt ein Reibeisen
gegen die Steine –
Und in Ihrem schüchternen Blick –
verehrter Freund – verkocht der Saft. Nun
ahnen Sie, dass der schmale Strich, auf dem
Sie wandeln, so endlich ist wie Sie selbst –
und dass Ihre Sonne keine Haut hat, wissen
Sie ...
So ein Freund (wie Sie) wird mir
unvergesslich bleiben.
Während eiserne Riesen Täler und Höhen
einwickeln, wartet er auf den Schuss ins
Brot.
Das ist die Sauerei mit dem Widerspruch,
schimpft er.
Es will mir kaum gelingen. Schon springt
das Korn aus der Kimme. Und hab ich’s nun
endlich geschafft, fliegt die Fantasie
davon. Das kann’s doch nicht gewesen sein,
ein fetter Widerspruch und ich drück nicht
ab weil ich noch einen Packen Schießscheiben
in der Hirnrinde hab.
Er windet sich wie das Blatt, was nicht
brechen will.
Bei Schuhgröße 49 hört alle Pubertät auf
- schreit er – doch selbst wenn der letzte
Spruch verpufft, - Mord und Heuchel
verjähren nicht – brüllt er – doch ich hab
Luft im Beutel von anno dazumal – wird er
leiser – ich lass jeden Widerspruch fliegen
– als Verfolger der Fantasie. Als Loch und
Brocken steh ich vor dem Baum. Statt ihn zu
umarmen, stell ich mein Wasser ab an zu ihm.
Vielleicht ......murmelt er in den
schwarzen Kaffee, der das Licht der Sonne
spiegelt...doch mein Kaffee war getrunken
und ich aufgestanden und gegangen.
Mir schmeichelt noch die Haut der Wangen
So zart gehängt am Rand
Ich zittre Vorsicht, zittre Nachsicht –
Oh Verlangen
Was mich so biegt – das spannt
Ich traf meinen Freund
Jahre später. Inzwischen war meine Sammlung
alter Hüte unterm Dach angekommen.
Schachteln über Schachteln stapelten die
Wände hoch. Frau und Kinder längst gegangen.
Das Treppenhaus mit Doppelreihen Hutsitzer
vollgestellt, an die kein Besucher vorbei
kommen konnte. Die kamen ohnehin nicht mehr.
Ich galt als Weggucker. Und so nahm mich
bald niemand mehr wahr und ich schwelgte in
einer neuen Variante des alten Mao-Satzes:
Der Revolutionär bewegt sich im Volk wie
der Fisch im Wasser. Das war ein sehr
angenehmer Zustand, entband er mich doch
fast aller Sozialverklitterung. Und ich
konnte in Ruhe meinen Geschäften nachgehen –
Ich tausche Wackerstunden – Wackerstunden
gegen alte Hüte. Das geht über Annoncen wie
– haben Sie einen alten Hut? Ich bring Ihnen
eine Wackerstunde Nr. 0190 usw.
Da ist die Sozialverklitterung, schreien
Sie. Mitnichten – und doch etwas wahr. Ich
geh los mit der üblichen Verhängung, also
sieht mich keiner. Ich komme an mit der
üblichen Vorstellung: Ich bin wacker – wie
hätten Sie’s denn gerne? Nachdem solcherlei
geschehen, verhänge ich komplett und kehre
mit einem neuen alten Hut heim. Das ist
alles.
Auf solchem Wege verhielt ich eines Tages
vor einer wilhelminisch geschwungenen
Fassade und blickte in ein Götzengesicht
(vom Kölner Dom geklaut – ?). Diese Fratze
blickte aus bösen Augen über meinen
Homburger hinweg. Sie machte die Kopfzierde
der wuchtigen Doppeltür aus, deren einer
Flügel, nach innen geöffnet, den Blick
freigab durch einen kurzen breiten Flur auf
ein hübsches Gärtchen im Innenhof. Weißer
Flieder, Oleander und ein mächtiger
Buchsbaum- mindestens 100 Jahre alt.
Mein Freund, denn er war es, verharrte
ein Blümchen pflückend, vor dem riesigen
Buchsbaum. Er erkannte mich nicht. Ich bin
ja fast unsichtbar. Ich trat näher, sagte
meinen Spruch. Er pflückte eine schon jetzt
trauernde Glockenblume vom Erdreich,
richtete sich mühsam auf
Dort, sagte er und wies auf eine leicht
geschwungene Freitreppe, die zum 1. Stock
hinaufführte. – Eine Freitreppe im Innenhof
– dachte ich – in einer Stadt, in der jedes
Haus neben dem anderen steht – eine
wilhelminische Fassade verwachsen mit der
neuen Walt – na-sowas – ein Buchsbaum, der
nach 100 Jahren immer noch zum Licht
will....
Wir stiegen ein paar hohe Stufen hinauf
und traten in ein geräumiges Zimmer, in dem
sich nichts anderes befand als ein breites
Bett und ein Fressnapf für Hunde.
Das ist ihr Zimmer. Wenn Sie sich bitte
gedulden wollen. Sie wird gleich hier sein.
Seine Stimme, fiel mir auf, zerfiel schon
im Bauch zu verdauten Klängen.
Er wandte sich um, stieg die Treppe
hinab, blieb auf der letzten Stufe stehen,
drehte den Kopf: Kenn ich Sie, mir ist, als
wär’n Sie mir schon mal -äh – vorgekommen.
Vielleicht damals, Sortenfest 68, schlug
ich vor – noch weißer geht’s nicht –
Da müssen Sie aber sehr reduziert haben –
das war doch Liebe auf Jedenblick
Genau, rief ich aus – daraus entstand die
Sorge um den Qualitätsumschwung – alle Macht
dem Genick – Liebe auf Jedenblick
Das ist schon ein alter Hut, meinte er,
was noch bleibt, ist der Widerspruch
zwischen bestellt und nicht abgeholt. Da
steckt nur noch die Zeit zwischen -
unteilbar – bei aller Nichtigkeit.
Gestern rafft die Zeit jeden Morgen breit
über alles (fällt mir ein zu dichten,
eine Phrase, wie Sie hören, Freund)
Ich steh unter der Dusche und das Wasser
führt die Zeit ab, während ich sauber werde
– Vergangenheitsbewältigung – deklamiert er,
auf meinen Tisch rafft der Raffer Schwarz
und Weiß an sich – Selbstverwirklichung -
statt alter Socken atme ich Schweine aus
–Kunst - . Seitdem wir sie sozialisiert
haben, wird er laut, schreit sie nach
Dauerwelle – Fetisch! Fetisch!
Meine Knie für den Fetisch – meine Backen
für die Welt –
Ja, verdammt, brüllt er los,
das ist die Dialektik mit Kain und Abel.
Ich krieg nie genug davon. Wenn einen den
anderen erschlägt, gibt’s ’n
Qualitätsumschwung. Da kommen wir her – da
gehen wir ein – zwischendurch war die Zeit
ein benutztes Handtuch mit Blümchen - wird
er leiser.
So ist es – so ist es, beeilte ich mich
zu sagen, was mich erstaunt und erfreut –
sehr erfreut - , muss ich betonen – Sie
gehen zünftig mit der Entwicklung voran.
Seit wann tauschen Sie Ideale mit alten
Hüten?
Er blickte verständnislos zu mir hoch,
runzelte die Stirn. Wo sind Sie denn? Sie
haben nix kapiert – Ach - , er wandte sich
einer schwarzweiß gestreiften dalmatinischen
Schönheit zu, die eben durch den Flieder
trat.
Das ist Altan. Altan, das ist
Wackerständchen. Geh brav zu ihm hoch. Den
Hut holt er unten ab.
Und zittert’s auch in offenen Kehlen
Die Haut hängt an der Wand
Doch unter 1000 darf Verlangen keinmal
fehlen
Die Wörter ziehn am Ende blank
Wie es so geht im Leben eines Täuschers,
holt ihn irgendwann der bittere Alltag zu
sich an die ausgetrocknete Brust und sagt
ihm: Deine Wackerstunde ist ein alter Hut.
Was nun? Die Welt der Ereignisse wartet
nicht auf dich. Schon wieder blüht der
Holunder. Schon wieder kannst du schauen, ob
die Nüsse noch ihren Sonnenplatz haben. Was
machst du dann? Machst du Bockmist?
Wie wär’s mit Landstraßenart – auf jeden
Pfahl ein alter Hut – und die Allee hat
Bäume. Nun hast du Luft in deinem Haus und
siehst auf das verstraßte Abendland.
Kein Wind weht. Im Westen ziehn ein paar
Wolken auf – sachte – im Osten Gewitter (?)
– kaum zu hörn. Gleich pustet ein fetter
10°°Uhr- Überschallknall die Bäume um. Du
meinst – der Hades macht los – da ist die
Kulisse schon übern Brocken
Verpackt sind schon
Die dicksten Dinger
Ins schönste Leben tief im Sessel drin
Nun glucks ich laut nach meinem Zwinger
Und um mich rum ist alle Welt dahin
So bin ich wie der Freund unbekannt
geblieben in der Kür der Formen. Erhoben sei
der große Held – von unten heftig angebellt
– noch höher, noch höher, noch höher fliegt
der Häher.
Was nur, frag ich Sie, will das
Rotkehlchen in meinem Kopf? Das will doch
wohl nicht an Ihre Fliege ran? Wunder gegen
Wunder. Wunderbar –sticht der Strich die
feinen Kerle
Und damit Sie’s wissen, Freund, ich sag’s
nur noch zu mir selbst – die Geschichte ist
noch nicht zu Ende – denk mal an ein
Denkmal...die Schnellstraße Berlin-Brüssel 5
Millionen Hinweispfähle und alle mit Hut
|