Josef Butke

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Alte Hüte:

Gehör’n Sie zu den Leuten, denen die Kindheit entwich wie ein Schuss ins Brot ? Ein Knall – und alles war gestern – (?) –

Natürlich – sie streckten die Arme aus, um die Welt zu umarmen. Darauf der Knall und – die Erwartung gestoppt. So gedeiht der Spielplatz zu einer Straße, die dahinten zum Strich wird.

Doch hin und wieder öffnet ein schräger Morgen sein Zwielicht. Der Aal ist an Land und legt Eier ab. Mit dem glitzernden Tau weben die Spinnen irisierende Lichter. Mit einem kräftigen Husch fegt ein Windstoß durchs Netz. Er biegt die Zweige der Mirabelle. Ein großes Wiesel springt vom Dach. Es dreht sich gegen den Wind und zeigt dabei seinen weißen Bauch – und durch die Stille in ihrem Fluss treibt ein Reibeisen gegen die Steine –

Und in Ihrem schüchternen Blick – verehrter Freund – verkocht der Saft. Nun ahnen Sie, dass der schmale Strich, auf dem Sie wandeln, so endlich ist wie Sie selbst – und dass Ihre Sonne keine Haut hat, wissen Sie ...

So ein Freund (wie Sie) wird mir unvergesslich bleiben.

Während eiserne Riesen Täler und Höhen einwickeln, wartet er auf den Schuss ins Brot.

Das ist die Sauerei mit dem Widerspruch, schimpft er.

Es will mir kaum gelingen. Schon springt das Korn aus der Kimme. Und hab ich’s nun endlich geschafft, fliegt die Fantasie davon. Das kann’s doch nicht gewesen sein, ein fetter Widerspruch und ich drück nicht ab weil ich noch einen Packen Schießscheiben in der Hirnrinde hab.

Er windet sich wie das Blatt, was nicht brechen will.

Bei Schuhgröße 49 hört alle Pubertät auf - schreit er – doch selbst wenn der letzte Spruch verpufft, - Mord und Heuchel verjähren nicht – brüllt er – doch ich hab Luft im Beutel von anno dazumal – wird er leiser – ich lass jeden Widerspruch fliegen – als Verfolger der Fantasie. Als Loch und Brocken steh ich vor dem Baum. Statt ihn zu umarmen, stell ich mein Wasser ab an zu ihm.

Vielleicht ......murmelt er in den schwarzen Kaffee, der das Licht der Sonne spiegelt...doch mein Kaffee war getrunken und ich aufgestanden und gegangen.

Mir schmeichelt noch die Haut der Wangen

So zart gehängt am Rand

Ich zittre Vorsicht, zittre Nachsicht –

Oh Verlangen

Was mich so biegt – das spannt

 

Ich traf meinen Freund Jahre später. Inzwischen war meine Sammlung alter Hüte unterm Dach angekommen. Schachteln über Schachteln stapelten die Wände hoch. Frau und Kinder längst gegangen. Das Treppenhaus mit Doppelreihen Hutsitzer vollgestellt, an die kein Besucher vorbei kommen konnte. Die kamen ohnehin nicht mehr. Ich galt als Weggucker. Und so nahm mich bald niemand mehr wahr und ich schwelgte in einer neuen Variante des alten Mao-Satzes:

Der Revolutionär bewegt sich im Volk wie der Fisch im Wasser. Das war ein sehr angenehmer Zustand, entband er mich doch fast aller Sozialverklitterung. Und ich konnte in Ruhe meinen Geschäften nachgehen –


Ich tausche Wackerstunden – Wackerstunden gegen alte Hüte. Das geht über Annoncen wie – haben Sie einen alten Hut? Ich bring Ihnen eine Wackerstunde Nr. 0190 usw.

Da ist die Sozialverklitterung, schreien Sie. Mitnichten – und doch etwas wahr. Ich geh los mit der üblichen Verhängung, also sieht mich keiner. Ich komme an mit der üblichen Vorstellung: Ich bin wacker – wie hätten Sie’s denn gerne? Nachdem solcherlei geschehen, verhänge ich komplett und kehre mit einem neuen alten Hut heim. Das ist alles.

Auf solchem Wege verhielt ich eines Tages vor einer wilhelminisch geschwungenen Fassade und blickte in ein Götzengesicht (vom Kölner Dom geklaut – ?). Diese Fratze blickte aus bösen Augen über meinen Homburger hinweg. Sie machte die Kopfzierde der wuchtigen Doppeltür aus, deren einer Flügel, nach innen geöffnet, den Blick freigab durch einen kurzen breiten Flur auf ein hübsches Gärtchen im Innenhof. Weißer Flieder, Oleander und ein mächtiger Buchsbaum- mindestens 100 Jahre alt.

Mein Freund, denn er war es, verharrte ein Blümchen pflückend, vor dem riesigen Buchsbaum. Er erkannte mich nicht. Ich bin ja fast unsichtbar. Ich trat näher, sagte meinen Spruch. Er pflückte eine schon jetzt trauernde Glockenblume vom Erdreich, richtete sich mühsam auf

Dort, sagte er und wies auf eine leicht geschwungene Freitreppe, die zum 1. Stock hinaufführte. – Eine Freitreppe im Innenhof – dachte ich – in einer Stadt, in der jedes Haus neben dem anderen steht – eine wilhelminische Fassade verwachsen mit der neuen Walt – na-sowas – ein Buchsbaum, der nach 100 Jahren immer noch zum Licht will....

Wir stiegen ein paar hohe Stufen hinauf und traten in ein geräumiges Zimmer, in dem sich nichts anderes befand als ein breites Bett und ein Fressnapf für Hunde.

Das ist ihr Zimmer. Wenn Sie sich bitte gedulden wollen. Sie wird gleich hier sein.

Seine Stimme, fiel mir auf, zerfiel schon im Bauch zu verdauten Klängen.

Er wandte sich um, stieg die Treppe hinab, blieb auf der letzten Stufe stehen, drehte den Kopf: Kenn ich Sie, mir ist, als wär’n Sie mir schon mal -äh – vorgekommen.

Vielleicht damals, Sortenfest 68, schlug ich vor – noch weißer geht’s nicht –

Da müssen Sie aber sehr reduziert haben – das war doch Liebe auf Jedenblick

Genau, rief ich aus – daraus entstand die Sorge um den Qualitätsumschwung – alle Macht dem Genick – Liebe auf Jedenblick

Das ist schon ein alter Hut, meinte er, was noch bleibt, ist der Widerspruch zwischen bestellt und nicht abgeholt. Da steckt nur noch die Zeit zwischen - unteilbar – bei aller Nichtigkeit.

Gestern rafft die Zeit jeden Morgen breit

über alles (fällt mir ein zu dichten, eine Phrase, wie Sie hören, Freund)

Ich steh unter der Dusche und das Wasser führt die Zeit ab, während ich sauber werde – Vergangenheitsbewältigung – deklamiert er, auf meinen Tisch rafft der Raffer Schwarz und Weiß an sich – Selbstverwirklichung - statt alter Socken atme ich Schweine aus –Kunst - . Seitdem wir sie sozialisiert haben, wird er laut, schreit sie nach Dauerwelle – Fetisch! Fetisch!

Meine Knie für den Fetisch – meine Backen für die Welt –

Ja, verdammt, brüllt er los,

das ist die Dialektik mit Kain und Abel. Ich krieg nie genug davon. Wenn einen den anderen erschlägt, gibt’s ’n Qualitätsumschwung. Da kommen wir her – da gehen wir ein – zwischendurch war die Zeit ein benutztes Handtuch mit Blümchen - wird er leiser.

So ist es – so ist es, beeilte ich mich zu sagen, was mich erstaunt und erfreut – sehr erfreut - , muss ich betonen – Sie gehen zünftig mit der Entwicklung voran. Seit wann tauschen Sie Ideale mit alten Hüten?

Er blickte verständnislos zu mir hoch, runzelte die Stirn. Wo sind Sie denn? Sie haben nix kapiert – Ach - , er wandte sich einer schwarzweiß gestreiften dalmatinischen Schönheit zu, die eben durch den Flieder trat.

Das ist Altan. Altan, das ist Wackerständchen. Geh brav zu ihm hoch. Den Hut holt er unten ab.

Und zittert’s auch in offenen Kehlen

Die Haut hängt an der Wand

Doch unter 1000 darf Verlangen keinmal fehlen

Die Wörter ziehn am Ende blank


Wie es so geht im Leben eines Täuschers, holt ihn irgendwann der bittere Alltag zu sich an die ausgetrocknete Brust und sagt ihm: Deine Wackerstunde ist ein alter Hut. Was nun? Die Welt der Ereignisse wartet nicht auf dich. Schon wieder blüht der Holunder. Schon wieder kannst du schauen, ob die Nüsse noch ihren Sonnenplatz haben. Was machst du dann? Machst du Bockmist?

Wie wär’s mit Landstraßenart – auf jeden Pfahl ein alter Hut – und die Allee hat Bäume. Nun hast du Luft in deinem Haus und siehst auf das verstraßte Abendland.

Kein Wind weht. Im Westen ziehn ein paar Wolken auf – sachte – im Osten Gewitter (?) – kaum zu hörn. Gleich pustet ein fetter 10°°Uhr- Überschallknall die Bäume um. Du meinst – der Hades macht los – da ist die Kulisse schon übern Brocken

Verpackt sind schon

Die dicksten Dinger

Ins schönste Leben tief im Sessel drin

Nun glucks ich laut nach meinem Zwinger

Und um mich rum ist alle Welt dahin

So bin ich wie der Freund unbekannt geblieben in der Kür der Formen. Erhoben sei der große Held – von unten heftig angebellt – noch höher, noch höher, noch höher fliegt der Häher.

Was nur, frag ich Sie, will das Rotkehlchen in meinem Kopf? Das will doch wohl nicht an Ihre Fliege ran? Wunder gegen Wunder. Wunderbar –sticht der Strich die feinen Kerle

Und damit Sie’s wissen, Freund, ich sag’s nur noch zu mir selbst – die Geschichte ist noch nicht zu Ende – denk mal an ein Denkmal...die Schnellstraße Berlin-Brüssel 5 Millionen Hinweispfähle und alle mit Hut

 

© Josef Butke  │ Webdesigner: Michael Janik