Josef Butke

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Toter Mann:

Schon mal mit’m toten Mann zu tun gehabt ?

Nehmen wir mal den Schinken raus, schlug Kah vor.
Was soll denn ein solch großer Schinken beim Essen, frage ich Sie. Wenn wir seine Beschreibung erlauben ohne die Pracht drum herum und ohne die Pracht der Fresslust drum herum, haben wir schon die Güte der Mahlzeit hinreichend honoriert. Es gibt ja noch die Trüffeln, den Rogen, die Salate, den Käse usw. und nicht zu vergessen den Nachtisch – der ist nämlich gar nicht so ohne – der zieht sich über 46 Zeilen hin. Wäre der Autor Koch, gäbe er sein Rezept zum besten. Das wär’n vielleicht 15 kurze Sätze und eine kleine Aufzählung – macht 35 Zeilen etwa und nicht 180.

- Sie sprachen von 46, schnülpte Pfau

- Die Mahlzeit, rief Kah. Eine Mahlzeit von 180 Zeilen. 46 davon der Nachtisch.

- Sie vergessen die drastische Erotik, erinnerte Verkel, die erschließt eine gewisse Käuferschicht, die das investierte Kapital zumindestens wieder reinholt. Müssen wir nur mit werben.

- Ja, zum Teufel, wollen Sie auf einem Nebenschauplatz ’ne belesene Wurst verkaufen oder ein Buch, was gut schmeckt, wetterte Kah

- Fragen wir doch mal den Lekk, schnülpte Pfau. Er rieb sich die Augen. Er dachte an Hennes und Heinkes, die ihn gestern Abend blank gepoolt hatten. Vier Sieben auf der Straße, geht doch gar nicht, verdammt.

- Ja, rief Verkel, gerade darum geht es : um die Wurst

- Ich, äh meldete Lekk, ich hab den Autor gründlich studiert. Der lässt keine Stelle aus.
Er hob die Hand und wischte die Fliege fort, die auf seiner Nase saß. Die hüpfte auf seine Brille. Lekk schwitzte.

- Der Autor meint, gerade die Vordergründigkeit der beschriebenen Fresslust heizt die Nebenaspekte auf, wie z.B., ich zitiere: >Fat Granulla< war’s genug unterm Tisch. Quietschen und Fröhlichkeit gehören zusammen. Gut. Sie erhob sich und säuberte den Fleischspieß mit der Serviette des Nachbarn, bevor sie ihn kräftig in seinen Hintern stieß...

- Genau das meine ich, rief Kah, wenn ich sage, hier spielt der Nebenschauplatz die Hauptrolle. Denn worum geht es ? Schlicht und einfach um Vulgäretikette des Alltags – ach – er wandte sich ab. Seine fleischigen Lippen stießen Speichel ins Glas, bevor er einen guten Schluck tat.

- Wenn eine Käuferschicht eine Körperschicht ist, verkündete er, verkaufen Sie doch Heizkissen mit Hitzebeulen, samt CD mit Umgangsstöhnen – alles im Pack. Das macht einen dicken Schinken mit dem Verkaufstitel der >Große Brägen<. Er spuckte ins Glas. Er schluckte den Gin.

Pfau fragte : Ist es denn wenigstens gut geschrieben?

- Zweifellos, die Sätze folgen einander, brummelte Kah.

- Aber ich hab doch gerade versichert...versuchte Lekk

- Ich find’s in Ordnung, sagte Ess, hart am Rand – ja aber... Sie sah vom Laptop auf und schaute die
Herrenriege an, jeden Einzelnen. Sie waren verblüfft, sie hatte Mut.

- Er weiß Bescheid, sagte Ess, und das ist mehr als die Hälfte von dem, was ich gern hab. Also, er bestimmt die Halbwertzeit; er stellt die Halbwertzeit der Leute dar, für die das A und das O Bilder vom Einkaufen sind. Und von O bis Z Bilder vom Vermachen der Einkäufer. Will sagen – egal, wann und wo, Hauptsache, der Leuchter ist auf dem richtigen Fleck – und der Schinken ist im Konsumentenhimmel. Und dies ist ein guter Schinken. Sie zeigte aufs Manuskript. Doch Kah schrie schon in ihre letzten Worte hinein.

- Wir haben noch gar nicht, schrie Kah, eine Lobeshymne auf die Sozialisierung der „Kunst“ gemacht.
Tun Sie doch das bitte und wenn Sie dann eine der üblichen Kritiken aus dem Saufaushaus kaufen, sind
beide Schinkenhälften wieder beieinander.
Er erhob sich, stieß unwirsch den Laptop zur Seite, den Ess gerade wegziehen wollte. Er wandte sich zur
Tür.

- Warten Sie doch, bat Pfau. Ihre Kritik ist gehört, aber das war doch nicht alles ?

Ich geh mal pissen, rief Kah von der Tür her, und wenn Lekk versehentlich mal ’ne Stange streichelt statt dem Goethe den Schulmeister auszutreiben – ich bleib dabei : ein Scheißbuch

- Gemein, dachte Lekk.

- Und davon handelt’s ja, rief Verkel, von der täglichen Verdauung – da sind wir am Leben dran – das interessiert heute.

- Dazu noch was Richtiges zum Wiederkäuen, murmelte Ess.

- Wo ist der Inhalt ? schnülpte Pfau, den sind Sie mir schuldig.

- Den ist der Autor schuldig, grollte Kah durch die offene Klotür. Das erstbeste, was er fand, war ein Waschbecken.

- Kann mich mal jemand darüber aufklären, worüber dieser Jemand, dieser Autor - wie heißt er denn ? – ist ja auch egal, eigentlich schreibt ?, fragte Pfau die verbliebene Runde. Er wirkte verärgert. Hennes und Heinkes müssen wir abstoßen, dachte er, wenn Elli das nicht begreift, muss ich auch sie abstoßen, dachte er. Mein Gott, was für Kosten !?

- Der schreibt übers Leben, antwortet ihm Verkel, gestern, heute, morgen, Action, Sex, Gewalt, Fressen...das begreif sogar ich.

- Das war’s ja, meldete Lekk. Fressen ist zuviel für’s Gleichgewicht. Das wollt ich streichen. Er will ja nicht. Er sagt, wenn schon mästen, dann proportional zum Alltag.

- Und wenn wir dieses rausnehmen, ist er ein Bübchen mit Grübchen, schrie Kah durch die offene Klotür. Er zog den Reißverschluss hoch und trocknete seine Hände im warmen Luftstrom der Technik.

- Das weiß der Herr Autor nur zu gut, schrie er. Der streicht den Schein an. Wäre er ein Anstreicher von Format, würd ich ihn kaufen. Ich bezieh grad ’ne neue Wohnung. Er wiegte sich zur Konferenz zurück.

- Neh’m Sie doch Flecke, rief Verkel, den kann ich empfehlen. Fleckenrein von Flecke.

- Ham wir noch >Krüde Junge<, knurrte Kah. Pfau winkte Ess, die die Flasche vom Tablett nahm. Ihr rechter Brustapfel streifte Kahs linken Ärmel, als sie sein Glas bis zum Rand füllte.

- Ich kann nich behaupten, dass ich mich schon wohlfühle, sagte Kah zu seiner Hand, die das Glas hielt. Kommen wir jetzt zum Eingemachten, eröffnete er mit einem Rundblick.
Lekk hob die Hand, um die Fliege zu verscheuchen. Lekk sagte:

- Ich möchte einen Absatz vorlesen, der vielleicht deutlich macht, dass der Autor Spannung aufbauen kann...

- Kann ich vielleicht mal etwas über die Geschichte erfahren, schnülpte Pfau. Da muss doch eine Geschichte sein. Sie haben’s doch gelesen ?

Kah sah ihn mit mildem Entsetzten an. Seine runden Glubschaugen waren keine Lorreschen Melancholieeier. Nein. Eher schon Echsenaugen mit Blick auf den Dämelack von Skorpion.

- Gelesen ?, sagte Kah gedehnt, man kann doch kein Buch lesen, was daherkommt wie ein rülpsender Mülleimer, aber – schrie er und hob die Hand mit dem Glas. Er spuckte in die Runde. Er schrie: Ich hab’s gelesen – und ich bin mir durchaus bewusst, dass wir ein ganz bedeutend vulgäres Produkt der Zeitmaschine in den Reißwolf stecken. Den Überreiz nämlich. Aufgeblasene Knalltüten nämlich, die mit jedem Schwippschwanz platsch machen – bumms – Wir sind hier in der Wegwerfsiedlung . Siehst du die Leuchtspur am Weihnachtshimmel ? Und die Geschichte, er wandte sich Pfau zu – die Geschichte beschreibt einen Dummkopf, der am Ende so schlau ist, zu begreifen, dass es nur Dummköpfe gibt.

- Und ? Ist das nix, quetschte sich Ess durch die luftschlagenden Arme von Kah, der Dummkopf, wie Kah ihn bezeichnet, ist ein erwachsener Mann, der schon seine Geschichte hat, seine Sozialisation, seinen Beruf, seine Erfolge, seine Enttäuschungen und einiges mehr z.B....

- Gäb er doch das zu Protokoll, unterbrach Kah; dann wäre doch so ein Festessen ein hübscher Abschluss, auch wenn alle dabei draufgehn. Dann ist er auch noch ein winziges Stückchen von diesem Film weg, diesem Fressfilm. Und das Ganze wär auf dreißig Seiten ein würdiger Abriss über die Nottaufe von Kloakendichtern. Das wär gut genug für die Zirkulation der Wörter, seiner Wörter.

- Sie verwechseln da was, Herr Kah, bemühte sich Ess, das ist keine Pubertätsglosse, die ein Junge schreibt, wenn er erwachsen wird. Das ist ein Roman, der Sozialverhalten aufdeckt, welches wir gern untern Tisch fallen lassen oder anderen zum Ausquetschen überlassen. Nicht mehr und nicht weniger! Und wenn ich mal ein Wort dazu sagen darf. Sie gestatten ? – bat sie Lekk, der nickte – dieses Manuskript lebt von präzis durchdachten Einsichten, durch deren Kenntnisnahme der Groschen fällt, meine Herrn.

- Dünnschiss fällt, grollte Kah.

- Für den sollten Sie sich auch mal aufmachen, forderte Ess, von untern gesehen, klotzen Sie nur mit dicken Würsten.

- Unverschämtheit, brüllte Kah.

- Nun lesen Sie schon, schnülpte Pfau, vielleicht fällt mir dann auf, warum ich hier sitze.

- Ich erlaube mir ein kleines Kapitel, ca. 3 Seiten ? Ess blickte fragend den Schnülper an, der sich seufzend zurücklehnte, die Augen schloss und müde die linke Hand aufschlenkern ließ. Wenn’s denn sein muss...

- Bitte, meine Herren, tun Sie sich das an, maulte Kah. Er trank das Glas leer. Er soff inzwischen. Verkel schenkte ihm nach. Lekk blickte resigniert zum offenen Klo. Ein Wasserhahn tropfte. Schließlich war er, der Lekk, schon lange eingekauft.

Unten in der Street gab’s einen Auflauf um eine ältere Frau, die immerzu den Rock hob. Sie drehte sich im Kreis. Sie trug 10 Mark-Scheine am Schlüpfer angeheftet. Sie schrie: Soähn Se sich das an, soähn Se sich das an.
Die Rundetischleute dachten sich einiges, während Ess las

Szene Dreck eins, las Ess, Kapitel II aus...Schon mal mit’m toten Mann zu tun gehabt ?

Das Zimmer leuchtet.
In einem dünngetriebenen schweinsledernen Lampenschirm mit roten Fransen strahlte die heiße Quelle.
Aus Falten und Sprüngen der verbreiteten Tucherein traten abgerundete Ecken aus Holz hervor. Mächtig und blitzend behaftet mit hunderten verschiedenen Plaketten. Portraits unter Hirschgeweihen. Wie auf dem Spazierstock des Großvaters. Diese hier zeigten Männer, manche von Kopf bis Fuß, manche nur dazwischen. Hier wurde die Treue der Männer in Silber getrieben.

Die Nischen schluckten ergeben das Licht. Mattglänzender feiner Schimmer ließ die Wärme pulsieren, so schien es, wie leichtes Atmen von Seide. Blaue-Stunde-Kissen für empfindliche Gesäße und andere Unterstützungen lagen im Zimmer verstreut. Auf dem Kopf eines Bettvorlegers (ein Riesenhund) saß ein Kerl. Ein Kerl, an den jede Frau mal gedacht hat, wenn sie nicht denkt. Er hatte die Hosen an. Sein nackter Oberkörper war vierschrötig. Allerdings in modellierten Maßeinheiten, die in eleganten Zügen über Bauch, Brust und Arme zum Rücken spielten. Hinein in den Schatten und wieder hervor.
Etwas verliebt in seine Gewohnheiten lächelte sein kleiner Mund. Er qualmte. Die Nase war die des Adonis, die auf vielen seiner Statuen nicht mehr da ist.

Gerade setzte er, der Kerl, die fleischfarbene Prothese auf.
>Den Hundefraß ich nie vergaß< dachte er. Und seine blauen Augen blitzten darüber auf. Und auch darüber, dass er wie der große Jäger auf dem Haupt des erlegten Wildes saß. Sein Lächeln vergrößerte sich und sein Hiersein. Er qualmte Ringe. Seine Augen wanderten über das breite Bett zum safrangelben Himmel. Samt, der sich um einen runden Spiegel rafft. Amors glänzendes Auge. Unter einem Haselnussbraun, auf dem die Sonne liegt, bewegten sich die sanften Konturen der Frau in dem Laken. Ein kräftiges Bein unbedeckt. Fußnägel in der Farbe der gekordelten sattroten Lederriemen, die von den Seiten des Himmels fielen. Dichter als ein Gitter und länger als der Schenkel der Frau. Dieser zeigte das fleischweiße Ebenbild der scharfen schattigen Bogen unter den Ahnungen.

- Der Mensch sitzt immer inner Schaukel, sag ich dir, sagte der 3. im Bunde. – Wenn du vorne ankommst, siehst du die Welt anders. Und rückwärts wieder anders.

- Und zwischendurch musste kotzen, warf der Adonis ein.

- Das auch, ich sag dir, weil die Gefühle wechseln und der Standort, will sagen, die Lebenslage, hast du auch immer eine andere Antwort auf die Frage – was ist wahr ? Und weil du dabei immerzu selbst schauen und denken musst, biste auch dein eigener Herr – aber nicht ganz souverän, weil du ja inner Schaukel sitzt.


- Mal auf Schloss Montaigne im Ohrenbackensessel gesessen ?

- Wie ?

- Da war ich mal auf ’ne Tour für – äh delikate Prothesen.

- Was ?

- Hat aber nichts genützt. Kannst du nicht mieten.

- Hä ?

- Na, da kommt’s doch her, die Philosophie. Die Philosophie aus den Ohrenbacken.

- Was ? Aus den was ?

- Ach Fredi – das ist wirklich anders beim Frosch als beim Vogel. Aber ich als Mensch >weiß<, dass die 1000 Hundertmeterflecken, über die mein Flugzeug fliegt, 1000 Hundertmetertürme sind und New York oder Frankfurt heißen – von oben und unten betrachtet. Und nix an dieser Wahrheit ist austauschbar.

- Und wenn dein Flugzeug abstürzt, kannste gucken, was als neuestes auf dich zukommt – das neueste an Wahrheit...

- Quark mit Soße, meinte Adonis, der seine Brötchen verdiente, indem er als ProbierStaffage im Swinger-Club die Handtücher reichte.
Er drehte sich zum Weibe, welches schläfrig im Bett lag. Sein rechter Mittelfinger kroch über die Decke.
Er zog die anderen vier wie Spinnenbeine hinter sich her, der dunklen scharfen Wanze zu.

- Aus dem flotten Dreier wird wohl nix, dachte er laut. Wenn die Frau aufmacht, musste sie sachte anticken, Fredi, und keine Wortklunzen absondern.

- Ach, Bömmchen, du Großkopfet, kannst deine Nase überall reinstecken, wo Platz ist. Deinen Kopf brauchste nicht – aber – er zeigte mit Fingern auf sein kleines rechtes Ohr.

- Ich hab immer noch Platz für’n paar gute Anstöße, wo bei dir der Nebel tropft.

Er, Fredi stand mit heruntergelassenen Hosen am Fußende des Bettes. Er starrte mit Druck im Kopf auf sein Steh-Auf-Männchen-Ring, der zur Zeit nichts bewirkte. Er machte einen letzten Versuch:

- Ich als Leichtgewicht mach auch gern mal’n Überschlag mit der Schaukel – das ist kosmisch.

Adonis, der gerade am Ziel der Spinne ankam, blickte verärgert auf. Er saß immer noch in Hosen und Stiefeln auf dem Hundekopf neben dem Bett. Er drückte seine Zigarette an der Bettkante aus und ließ sie ins Fell fallen. Er streichelte mit der Spinne die stumme Rundung. Er lüftete kurz seine Nase.

- Was du nich sagst. Er rülpste. Mit kosmisch meinste wohl, die Bäume wär’n Eieruhrn – die Wahrheit der Zeit – hä ? Und wenn du dazwischen rumfliegst – mit Überschlag womöglich, fällt der Apfel nach oben ins Grasdach vom Himmel – und du bist 100 Jahre alt – wie ? Und da, da oben oder da unten, bin ich der Köttel von vor 1000 Jahren – was ? Nä, ich bleib unten am Boden und zieh mir einen scharfen Schinken rein. Stuhlgangmäßig macht der immer den gleichen >plopp<. Und du weißt – du bist von dieser Welt. Und weil du davon bist, mach’n Abgang. Glaubst du, wir wolln hier’n Schlüpfer aufribbeln.

- Genau, stöhnte der offene Mund über der Spinne, mach’n Abgang, Fredi. Lieber im Duo mit Hund als’n Trio mit Luftballons.

- Was denn ? rief Bömmchen Adonis, als er begriff. Er blickte etwas ergrimmt auf den schönen Kopf im Kissen, auf die schlaff geschlossenen Augen. Der hat ihn doch steigen lassen – den Ballon...

Das ist auch das Einzige, was hier steigt, was ? Gib lieber – sie erhob sich leicht aus dem Kissen, Bömmchen Adonis hatte die Spinne voll – den Drink. Sie schaute mit verschleierten Augen an Fredi vorbei.– Hört ihr, ich hab Durst vor Langeweile.

- Bömmchen Adonis langte sich zwischen die Knie und hob ein fast volles Glas, in dem der Sonnenuntergang über dem Herbst aufging. Sie nahm es und setzte es an die Lippen, saugte sie rein, die Sonne, den ganzen Untergang. Fredi zog die Hosen hoch.
– Na gut, vielen Dank für das Angebot, bin für jeden Spaß zu haben.

- Werd kaum drauf zurückkommen, Fredi, sagte sie träge. Ein paar Lichter tanzten in ihren Augen. – Bis dahin alles in petto. Vergiss den Reifen nicht.

- Den Ring, Kitti, den Ring. Ich bin Olympier, heißt der Ring.

- Sowas Blödes, Fredi, ach geh, sieh zu, dass du weiterkommst, sonst hat die Geschicht ein End. Sie zupfte an Bömmchens Gürtel. Sie gähnte.

- Wisst ja, wo ihr mich könnt, rief Fredi. Sein Tonfall stieg von der 3. zur 4. Etage – leider immer verdammt - wenn er laut wurde. Er stieß die Tür auf und machte sich auf seinen Kreppsohlen davon. Das Geräusch verlor sich im dunklen Flur wie verhaltenes Tasten nach Licht. Um 2 Ecken herum lallte seine Stimme durch den 5. Stock: Bömmchen kommt, Bömmchen kommt nit, nit, nit. Da fiel die Tür ins Schloss. In Amors Auge zeigte sich Kitti in Kitti und ein kleines flüchtiges Bild von Fredi, dem einsamen Feuerwehrmann. Sie zupfte an Adonis herum, was ein gedehntes ach – ja – auslöste. Mit der anderen Hand griff sie zum Telefon, wählte und schnarrte gleich darauf in die Sprechmuschel:

- Ja – ich bin’s, Fetty, ich sag dir, der kann auch zufrieden sein, wenn er seinen Hemdswittich streichelt. Ich bleib dabei, dass 3 Käse hoch keine 30 Zentimeter sind – ob mit oder ohne Bullenreifen, was denkst du ?

- Wie – was sagst du ?, der muss warm werden – was ? – ich hab hier Bömmchen am Stiel – wie bitte ? Was du nicht sagst – was ? Ihre Stimme verlor sich zwischen Hören und Staunen. Immerhin ist jede Wahrheit wahr, - mag sie auch noch so weit von der eigenen entfernt sein...

- Wo bleibt denn das Fressen, schnülpte Pfau.

- Soll ich läuten ?, bot Verkel an

- Was für’n Unsinn – das Fressen, Sie Tölpel, wann geht’s hier zur Sache ? an Ess gewandt.

- Unsinn – ja gähnte Kah.

- Aber bitte bat Ess ich komm schon noch drauf – Geduld bitte.

- Na, rief Pfau, komm’n Se drauf. Er nahm einen großen Schluck und lehnte sich zurück. Ess las:


An der Ecke zum ‚Grätzkoff’ strömten erschöpfte Leute aus der Nachmittagsvorstellung. Fredi umging sie. Kein Auflauf wie heut Mittag, den ein junger Mann ansammelte, als er den Trendticker des Tages abließ (Kommen Sie heut zum ,Griff’ – um 20°°Uhr ist Ihr Nachbar dran).
Es hatte geregnet. Die Straße dampfte. Die Leute dampften. Fredi dampfte mit. Ein paar Autos schoben Wellen auf den Bürgersteig. Geschrei, Hupen, Gelächter. Die Sonne blieb ausgesperrt. Zwischen alten fünfstöckigen Bürgerhäusern, in denen vor 100 Jahren die Bärte gewixt wurden, fingen sich letzte Strahlen im nassen Asphalt....

- Ich hab’s bei fast allen versucht, dachte Fredi, und is bei nix geblieben. Er schlich, er schlurfte, er blieb stehen, er kickte eine Blechdose ein paar Meter weit.

- Was soll ich bei 'ner Show, wenn ich nix zu tun krieg. ? fragte er ein geparktes Auto.

- Beschiss natürlich, jaulte er. Er trat gegen den Vorderreifen und jaulte noch mal auf. – Ich krieg Beschiss verkauft, heulte er und zahl noch die Spesen – doppelt Beschiss. Dazu noch’n Olympier, der nich warm wird, verdammt. Beschiss hoch drei.
Er schnäuzte laut ins Taschentuch, was einen Schwarm Spatzen aus dem Bordsteinwasser hüpfen ließ. Einer der ältesten Terrassenvögel fragte ihn: willste nich mal fliegen, Junge ?, komm auf meine Hüften... Doch Fredi blieb in sich gekehrt. Die nachgerufenen Worte fügten sich nicht zusammen: der – läuft aus – der – kannich – fliegen...
Auf dich hab ich grad gewartet, flötete eine der fetten Drosseln, die soeben die 3 Stufen zum „Kümmer mich“ hinabflatterten. Fredi stieg sie hinauf. Er drückte die schmale, dunkle Tür auf und tastete sich in das rote Innere der Bar. Vorne rechts saßen ein paar Stümpfe auf hohen Hockern. Sie zwängten in verstohlener Eile Branntwein in sich rein. Sie wollten wohl endlich fröhlich werden. Zur Mitte des etwa 6 Meter langen Tresens stand ein graues Gespenst, rot im Gesicht , auf den Querstangen seines Hockers. Er hielt sich an einer großen Flasche fest. Er steckte knotige Finger dem Barkeeper entgegen. Er knickte bei seiner Aufzählung die Finger ein.

- Siehste – von Ad I bis Bad X – äh – Ad XII – kannste haste nich gesehn – alles Beschiss – kein Himmelreich - ...

- Und so weiter war’s leer. Aus dem Hintergrund stöhnte ein heiserer Sound von EBSS in den spätenspäten Nachmittag. Der Eurohimmel blieb draußen.

- Haste Paste Quaste
For my Peacemaker
Full out of the cheese-baker
Keep smiling
Coming out
Und nun ganz laut...

In den folgenden Bullenschrei
- Fuffzig -
der die künstliche Nacht aufriss, schrie Fredi >Whysky< zum Keeper rüber

-...Taler ham gequalmt -
Mir auch, mir auch, schrien die Stümpfe. Sie wurden jetzt alle fröhlich

-...ich hab nix mehr in der Tüte

- Wenn de zuviel Cholesterin hast, meinte der Nachbar

-...durch das viele Land im Wald...

- darfste keine Cola trinken

-...wächst mein Stecken bis zur Blüte

- Prost

Fredi versank in der knallroten Fröhlichkeit.


- Das Fressen, stöhnte Pfau, das Fressen. Er schaute sich um, er schenkte sich nach. Er blickte zu Ess, die verärgert innehielt. War sie doch grad so schön in Schwung. Der Ton kann den Text gefügig machen, fiel ihr auf. Der Leser muss den Rhythmus mitkriegen. Sie besah sich die kleine Runde gewichtiger Textabschneider, die nur noch die Münder offen hielten. Wahrheit ist relativ, fiel ihr ein – und hier sind gleich mehrere ihrer Teile im Schnaps zusammengelaufen. Den Ast hoch und erleben, wie er bricht, dachte sie, das ist konkret. Eindeutung definierbar...

Fett Granulla lebt – las sie weiter. Sie lebt im Bulla-Moon. Das ist bekannt. Hinterm Wurstbäcker geht’s runter, ganz tief ins Kreuzschluckerviertel. Als das Bulla-Moon noch >fill in < hieß, warn mehr Spanner als Austauscher da. Dann gab’s den Rechtsruck und schon hat’s ’n anderen Namen und ’n anderes Publikum. >Raus-bound<.
Bis dann eines Tages der wirkliche Austausch erfolgte. Fett Granulla gehörte zu den etwa 70 Leuten, die an einem finsteren Winterabend in die Kneipe drängten. Nach Absprache und gleichzeitig. Sie drängten langsam aber sicher die Glatzen raus. Da waren nun zeitweise an die 150 Leute auf sechzig Quadratmetern. Und keiner konnte sich rühr’n – nur sachte drängen.
Was für’n Spaß.
Ein paar Tage später hieß das >Raus-bound< > Bulla-Moon<. Und Fat Granulla wohnte oben und tanzte unten auf den Tischen. Sie ist lebendig.


- Was denn noch, stöhnte Pfau. Sein Mund blieb offen.


Als Fredi durch die halboffene Tür ins Zimmer schaute – las Ess unbeirrt weiter, blickte Fetty auf. Sie hob die Hand zum Gruß wie zur Abwehr.

- Ich telefonier grad mit Kitty. Der geht’s nicht gut. Die hat immer so’n Bandwurmhunger, und wenn’s denn soweit is, passt nix rein.

- Sie sagte: Bis später, Kitti, ich hab hier zu tun. Sie drückte die Out-Taste, sprach noch in die volle Muschel, zu Fredi gewandt. ...als hätte sie’n Pfropf drin, die Kitti, der immer da steckt, wo was durchsollte.

- Aber sie stutzte erzähl – is bis morgen alles in petto ? – Sie sah ihn an: Mensch Fredi – wie siehst du denn aus? Kratz uns bloß nich ab, noch vorm Finale.

- Geht schon noch, sagte Fredi, pass mich nur grad in die Rolle rein – mein Stichwort: bis morgen is alles in petto – das war gestern.

- Dann ha’m wir schon heute, schrie Granulla, das hat Kitti verpasst.
Sie sprang aus dem Bett – ganz absonderlich für das reife Mädchen. Sie stürzte ins Bad. Sie schrie aus der Dusche: mach Kaffee, Fredi, wir sind in Eile.
Der drehte das Gas auf und dachte : Was is, wenn ich’s nicht anzünd. Das gäb doch ’ne Schau, die zur Show passte. Doch er zündete es an und setzte den Kessel mit schalem Wasservorrat drauf. Das ist totes Wasser, in dem sich schon die Frikadellen wiegen, dachte er, wozu noch das Maul aufreißen ? Er löffelte Kaffeepulver in den Filter. Er dachte weiter nichts.
Unter der Dusche dröhnte Fettys beste Säuferstimme:

- Da war das Schwein schon abgebeint – gluck Strahl – der Kneti fertig durchgeleimt – gluck Strahl – gluck Strahl – gluck Strahl – gluck Strahl
Gut gelaunt in ein Handtuch gewickelt, schob sie sich durch den Vorhang. Einen Finger im rechten Ohr, hob sie ein Bein und schüttelte die Restnässe aus dem linken heraus.

- Fredi – heut ist der große Tag, sag ich dir, die Geschichte wird heut komplett. Ich verführ Bömmchen Adonis, als wär’s die große Welt. Kneti verführt ihn, als wär’s die kleine Welt und Kitti verführt ihn, als wär sie gar nicht da.

- Ihr habt schon seltsame Vorstellungen von eurer Vorstellung, meinte Fredi. Da wird doch nicht mal gelacht drüber. Wenn ich dabei ’n toten Mann spielen soll, müsst ihr mich besser reinbringen...

- Sei nich blöd, Fredi. Kitti hat eben noch betont, dass ’n toter Mann erst im Schlussakt da is, weil er vorher – ach Kitti – unterbrach sie sich, sie denkt, es wär gestern. Sie griff zum Handy, tippte eine Nummer, ging unruhig im Zimmer umher, weil der Anschluss nicht gleich kam, verlor ihr Handtuch dabei - achtlos...

- Was für’n Arsch, dachte Fredi – was für’n Spruch is denn da auf der linken Backe tätowiert – wie? – willkommen in der Zukunft ? – wir starten...? Ach je – aber sonst ? – na gut. Jedenfalls was anderes als die Klatschrosen von heute.

- Kitti schrie Fetty Granulla, wo warste denn ? Haste nich was vergessen ? – weißte dass heut Heute is ? – Ja unser Tag – ja – ja genau, nu mach schon – die Zeit wird knapp – ja, bis dann...
Sie schmiss das Handy aufs Bett und zu Fredi gewandt

- im Schlussakt da is, weil er vorher noch lebendig war, nahm sie den Faden wieder auf, aber nur als Erinnerung aufem Sims.

- Schwer zu verstehen, murmelte Fredi, wenn ich’s kapiert hab, heißt das, ich hab als Fredi nix zu tun und als toter Mann spiel ich mit ?

- So kannstes auch sehen, Junge. Du bist ja schon auf dem Ast. Bei ’ner nackten Frau nich mal Schweinereien denken – was ? Is jetzt aber egal. Wichtig ist, dass wir ihn endlich drankriegen, den Schwellkörper. Dass du aber schon tot bist, geht ihn nix an, weil aufem Sims biste das Erinnerungsstück, was noch lebt.

- Wie soll ’n das gehen ?

- Ach, Fredi, der arme Mann in der Fremde lebt. Dafür liegst du hinterm Bett und da bleibste, bis die Sanitäter kommen, kümmer dich um nix. Hinterher sind wir alle glücklich. Jetzt geh endlich und schmeiß Kneti außem Bett.

- Ein Liebesbandel, stöhnte Pfau mit geschlossenen Augen, zwei Pfund Mist für den Liebesbandel. Wann fressen die ?

- Hab doch gesagt, dass das nur gewichst is, tropfte es aus Kahs fleischigen Lippen.
Sie sah um sich. Verkel war schon hinüber. Lekk horchte immer noch auf das Tropfen des Wasserhahns. Vielleicht machte er grad eine Lyrik dazu... ?

Sie las weiter: Kneti is noch ’n Versuch wert, dachte Fredi. Er machte sich auf den Weg, Fett Granulla in ihrem Wirbel hinter sich lassend. Bei Kreti is immer noch was mitzukriegen, dachte er.
Die Kreuzkirche im Kreuzschluckerviertel boingte boing boing – scha bang scha bang – boing boing – scha bang scha bang. Fredi blickte irritiert zum Glockenturm hoch. Das war doch ’n Beat im Beat, fiel ihm auf, neuer Christen-Groove, hei...! Beschwingt passte er seinen Gang dem neuen Rhythmus der Christenheit an. Dabei kam er ins Hüpfen und Stolpern, versteht sich. Das hat der Kneti nun jeden Tag, dachte Fredi, den Christen-Groove. Dazu wohnt er noch in der Kahl-Etage, oben auf dem Dach. Im einzigen Zimmer, was der Krieg nich platt gemacht hat, in der 5. Auf fast gleicher Höhe mit den ersten Farbfensterscheiben des untersten Spitzbogenfensters des gotischen Kirchturms. Wenn das nich ’n Heiligenschein wert is...? ...
Fredi hastete die Stufen hoch, immer zwei auf einmal, stieß die Tür auf: Hei Kneti, rief er, biste zufrieden mit der Welt ?

Er hat den Glanz des späten Vormittags mitgebracht, so schien es Kneti. – Aus den Kneipen, die zwischendurch immer offen sind..hm hm..
Er löffelte seine Suppe mit pedantischer Gründlichkeit – wie immer. Er ließ sich nicht stören. Die Geräusche seines Essens füllten den Raum. Bei jedem Schmatz triumphierte das Vergnügen. Ein archaisches Vergnügen wie bei Leuten, die die letzte Mahlzeit noch weit vor sich haben und zwar immer als letzte Mahlzeit. Er hielt kurz inne, wischte den Mund am Ärmel, begrüßte seinen Gast mit rundgefressenen Augen:

- Hei, Fredi, hei, wie biste hier reingekommen – hä ?, wandte sich wieder der Suppe zu, ohne auf die Antwort zu warten. Schmatz. Das macht schon Spaß, sich selbst fressen zu hören. Besser als jeder Besuch...

- Alles offen, quetschte Fredi zwischen die Schmatze, außerdem, ich hab den Schlüssel, weil ich Toter-Mann-Bote bin – schon vergessen ?

- Ach Toter-Mann-Bote, komm er her und iss ’n Teller Suppe – die letzte Mahlzeit womöglich. Wir gehn gleich los. Er zog seine Taschenuhr aus der Hosentasche und bedachte sie mit einem kurzen Blick. Wir ham noch Zeit für ’n paar Schnäpse – willste ’n Bier ?

- Ja alles – freute sich Fredi. Er setzte sich zu Tisch, dessen abblätternde Haut echte Tischlerplatte zeigte.

- Weißte, ich bin ja nich so ohne, sagte Kneti. Er stand auf und holte einen Teller und Besteck aus einer Kiste neben dem Tisch. – Ich hab die Weiber alle auf Platte-. Er goss Schnaps in 2 Gläser, holte Bier unterm Tisch hervor...

- Ich will gar nich wissen, wo de herkommst, Fredi, aus ’ner Latrine vielleicht. Er schnüffelte. Mir is egal, was de dir zustoßen lässt – Hauptsache alles in petto. – Prost. – Prost.
Fredi aß Suppe, trank Schnaps und horchte auf Kneti. Der grunzte zwischen 2 Schlucken, trank sein Bier auf ex, rülpste, lehnte sich zurück.

- Da bin ich mit meinen Philosophen einig, brummte er. (Wenn es auf eine einfache Anweisung hinauslief, bemühte er große Geister).

- Über Abfall und Zufall gehen Sonne und Mond auf, sogar die. Und das kannste immer nur vorwärts sehn. Weil. Weil du selbst schuld bist, an dem, was dir passiert, kannste von vornherein aufe Pauke haun und kräftig durchtreten, wenn’s unterm Fuß juckt. Das heißt Existenzialismus. Da kann die Welt platzen – du gehst inne Garderobe nachschminken – und munter sind die Erdteile wieder beisammen. Weil die Krähenfüße schon unterm Bauch sind, lachste auf jeden Fall mit – alles klar ?

- Nich so ganz, sagte Fredi, wenn du jetzt noch sagst, dass wir alle inner Schaukel sitzen, bin ich dabei. Aber bis dahin spiel ich als Fredi meine eigene Rolle und als Toter-Mann-Bote bin ich nützlich (wie schön, mit Kneti zu philosophieren, dachte Fredi, der hat noch was)

- Kneti drehte einen Finger im Ohr, er zog ihn raus, er blies über den Nagel. Er sagte:

- Ich weiß nich, warum du inner Schaukel sitzt, Alter, als Toter-Mann-Bote ist deine Zeit fast um.

- Was gäb’s denn da noch zu tun, .......? sinnierte Fredi.

- Einfach ablegen. Wir haben ja noch den Adonis im Programm. Der kriegt Weiber bis zum Aufstoßen. Dabei platzt ihm sein Gekrös und schon sind’s 2 Leichen, die miteinander was zu tun hatten. Hab ich recht ? Am Ende war’s ein wüstes Gelage mit Zufall und Abfall.

- Ich blick immer noch nich durch, stöhnte Fredi, geplatztes Gekrös, zwei Leichen und Adonis ohne Kleiderständer... was soll’n das bedeuten ? Is das nich zuviel fürn kleines Stück für 5 Personen ? Wie lange soll’s denn dauern ?

- Lange, mindestens bis hinters Fressen. Aber vergiss nich, du bleibst da unterm Bett, bis der Notarzt kommt.

- Gut, dass ich noch gegessen hab – bei dir. Ich hab ’n kleinen Magen. Ich muss öfter was essen. Aber ich denk, hinterher sind alle glücklich, hat Kitti gesagt – oder war’s Fetty ? Weiß nich mehr ... das is mir alles noch schleierhaft, gut, dass ich nix zu tun hab dabei. Gefällt mir langsam.

- Siehste, Alter, auf zum Gefecht, hab ich recht oder bin ich echt ? – Das verstehste erst, wenn du’s gar nicht mehr musst.

- Ich lass das mal auf sich beruhn, Kneti. Aber ich hab noch ’ne Menge
Fragen und unterm Bett fall’n mir bestimmt noch mehr ein.

- Gut Fredi. Wir müssen. Weiber warten nich, die fangen an ...

Ess Blick löste sich nur langsam vom Manuskript. War sie im Irrsinn versunken ? Das is wirklich übern Rand, dachte sie. Das versteht kein Mensch, wenn er’s nur mit dem Kopf liest. Und mit dem Bauch kannste nich buchstabieren, geschweige denn mit dem Hintern. Dennoch, sie las gern vor. Ihr war angenehm warm geworden, Kribbeln von unten bis oben. Was die geplagte Führungsriege ihren Kartoffelschnaps vorerst vergessen ließ, ließ sich auf grobe Übereinstimmung vereinfachen: Sie waren alle zustimmend eingenickt. Ess schaute zur Kuchengabel, die als spitzer Rest auf der Platte lag. Ein paar eilige Bilder glänzten durch ihr Hirn... die haben alle mal gelebt, dachte sie. Aber sie sind doch nicht die einzigen, die alle mal gelebt haben – oder ?

 

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