Toter Mann:

Schon mal mit’m toten Mann zu tun gehabt
?
Nehmen wir mal den Schinken raus, schlug Kah
vor.
Was soll denn ein solch großer Schinken beim
Essen, frage ich Sie. Wenn wir seine
Beschreibung erlauben ohne die Pracht drum
herum und ohne die Pracht der Fresslust drum
herum, haben wir schon die Güte der Mahlzeit
hinreichend honoriert. Es gibt ja noch die
Trüffeln, den Rogen, die Salate, den Käse
usw. und nicht zu vergessen den Nachtisch –
der ist nämlich gar nicht so ohne – der
zieht sich über 46 Zeilen hin. Wäre der
Autor Koch, gäbe er sein Rezept zum besten.
Das wär’n vielleicht 15 kurze Sätze und eine
kleine Aufzählung – macht 35 Zeilen etwa und
nicht 180.
- Sie sprachen von 46, schnülpte Pfau
- Die Mahlzeit, rief Kah. Eine Mahlzeit von
180 Zeilen. 46 davon der Nachtisch.
- Sie vergessen die drastische Erotik,
erinnerte Verkel, die erschließt eine
gewisse Käuferschicht, die das investierte
Kapital zumindestens wieder reinholt. Müssen
wir nur mit werben.
- Ja, zum Teufel, wollen Sie auf einem
Nebenschauplatz ’ne belesene Wurst verkaufen
oder ein Buch, was gut schmeckt, wetterte
Kah
- Fragen wir doch mal den Lekk, schnülpte
Pfau. Er rieb sich die Augen. Er dachte an
Hennes und Heinkes, die ihn gestern Abend
blank gepoolt hatten. Vier Sieben auf der
Straße, geht doch gar nicht, verdammt.
- Ja, rief Verkel, gerade darum geht es : um
die Wurst
- Ich, äh meldete Lekk, ich hab den Autor
gründlich studiert. Der lässt keine Stelle
aus.
Er hob die Hand und wischte die Fliege fort,
die auf seiner Nase saß. Die hüpfte auf
seine Brille. Lekk schwitzte.
- Der Autor meint, gerade die
Vordergründigkeit der beschriebenen
Fresslust heizt die Nebenaspekte auf, wie
z.B., ich zitiere: >Fat Granulla< war’s
genug unterm Tisch. Quietschen und
Fröhlichkeit gehören zusammen. Gut. Sie
erhob sich und säuberte den Fleischspieß mit
der Serviette des Nachbarn, bevor sie ihn
kräftig in seinen Hintern stieß...
- Genau das meine ich, rief Kah, wenn ich
sage, hier spielt der Nebenschauplatz die
Hauptrolle. Denn worum geht es ? Schlicht
und einfach um Vulgäretikette des Alltags –
ach – er wandte sich ab. Seine fleischigen
Lippen stießen Speichel ins Glas, bevor er
einen guten Schluck tat.
- Wenn eine Käuferschicht eine Körperschicht
ist, verkündete er, verkaufen Sie doch
Heizkissen mit Hitzebeulen, samt CD mit
Umgangsstöhnen – alles im Pack. Das macht
einen dicken Schinken mit dem Verkaufstitel
der >Große Brägen<. Er spuckte ins Glas. Er
schluckte den Gin.
Pfau fragte : Ist es denn wenigstens gut
geschrieben?
- Zweifellos, die Sätze folgen einander,
brummelte Kah.
- Aber ich hab doch gerade
versichert...versuchte Lekk
- Ich find’s in Ordnung, sagte Ess, hart am
Rand – ja aber... Sie sah vom Laptop auf und
schaute die
Herrenriege an, jeden Einzelnen. Sie waren
verblüfft, sie hatte Mut.
- Er weiß Bescheid, sagte Ess, und das ist
mehr als die Hälfte von dem, was ich gern
hab. Also, er bestimmt die Halbwertzeit; er
stellt die Halbwertzeit der Leute dar, für
die das A und das O Bilder vom Einkaufen
sind. Und von O bis Z Bilder vom Vermachen
der Einkäufer. Will sagen – egal, wann und
wo, Hauptsache, der Leuchter ist auf dem
richtigen Fleck – und der Schinken ist im
Konsumentenhimmel. Und dies ist ein guter
Schinken. Sie zeigte aufs Manuskript. Doch
Kah schrie schon in ihre letzten Worte
hinein.
- Wir haben noch gar nicht, schrie Kah, eine
Lobeshymne auf die Sozialisierung der
„Kunst“ gemacht.
Tun Sie doch das bitte und wenn Sie dann
eine der üblichen Kritiken aus dem
Saufaushaus kaufen, sind
beide Schinkenhälften wieder beieinander.
Er erhob sich, stieß unwirsch den Laptop zur
Seite, den Ess gerade wegziehen wollte. Er
wandte sich zur
Tür.
- Warten Sie doch, bat Pfau. Ihre Kritik ist
gehört, aber das war doch nicht alles ?
Ich geh mal pissen, rief Kah von der Tür
her, und wenn Lekk versehentlich mal ’ne
Stange streichelt statt dem Goethe den
Schulmeister auszutreiben – ich bleib dabei
: ein Scheißbuch
- Gemein, dachte Lekk.
- Und davon handelt’s ja, rief Verkel, von
der täglichen Verdauung – da sind wir am
Leben dran – das interessiert heute.
- Dazu noch was Richtiges zum Wiederkäuen,
murmelte Ess.
- Wo ist der Inhalt ? schnülpte Pfau, den
sind Sie mir schuldig.
- Den ist der Autor schuldig, grollte Kah
durch die offene Klotür. Das erstbeste, was
er fand, war ein Waschbecken.
- Kann mich mal jemand darüber aufklären,
worüber dieser Jemand, dieser Autor - wie
heißt er denn ? – ist ja auch egal,
eigentlich schreibt ?, fragte Pfau die
verbliebene Runde. Er wirkte verärgert.
Hennes und Heinkes müssen wir abstoßen,
dachte er, wenn Elli das nicht begreift,
muss ich auch sie abstoßen, dachte er. Mein
Gott, was für Kosten !?
- Der schreibt übers Leben, antwortet ihm
Verkel, gestern, heute, morgen, Action, Sex,
Gewalt, Fressen...das begreif sogar ich.
- Das war’s ja, meldete Lekk. Fressen ist
zuviel für’s Gleichgewicht. Das wollt ich
streichen. Er will ja nicht. Er sagt, wenn
schon mästen, dann proportional zum Alltag.
- Und wenn wir dieses rausnehmen, ist er ein
Bübchen mit Grübchen, schrie Kah durch die
offene Klotür. Er zog den Reißverschluss
hoch und trocknete seine Hände im warmen
Luftstrom der Technik.
- Das weiß der Herr Autor nur zu gut, schrie
er. Der streicht den Schein an. Wäre er ein
Anstreicher von Format, würd ich ihn kaufen.
Ich bezieh grad ’ne neue Wohnung. Er wiegte
sich zur Konferenz zurück.
- Neh’m Sie doch Flecke, rief Verkel, den
kann ich empfehlen. Fleckenrein von Flecke.
- Ham wir noch >Krüde Junge<, knurrte Kah.
Pfau winkte Ess, die die Flasche vom Tablett
nahm. Ihr rechter Brustapfel streifte Kahs
linken Ärmel, als sie sein Glas bis zum Rand
füllte.
- Ich kann nich behaupten, dass ich mich
schon wohlfühle, sagte Kah zu seiner Hand,
die das Glas hielt. Kommen wir jetzt zum
Eingemachten, eröffnete er mit einem
Rundblick.
Lekk hob die Hand, um die Fliege zu
verscheuchen. Lekk sagte:
- Ich möchte einen Absatz vorlesen, der
vielleicht deutlich macht, dass der Autor
Spannung aufbauen kann...
- Kann ich vielleicht mal etwas über die
Geschichte erfahren, schnülpte Pfau. Da muss
doch eine Geschichte sein. Sie haben’s doch
gelesen ?
Kah sah ihn mit mildem Entsetzten an. Seine
runden Glubschaugen waren keine Lorreschen
Melancholieeier. Nein. Eher schon
Echsenaugen mit Blick auf den Dämelack von
Skorpion.
- Gelesen ?, sagte Kah gedehnt, man kann
doch kein Buch lesen, was daherkommt wie ein
rülpsender Mülleimer, aber – schrie er und
hob die Hand mit dem Glas. Er spuckte in die
Runde. Er schrie: Ich hab’s gelesen – und
ich bin mir durchaus bewusst, dass wir ein
ganz bedeutend vulgäres Produkt der
Zeitmaschine in den Reißwolf stecken. Den
Überreiz nämlich. Aufgeblasene Knalltüten
nämlich, die mit jedem Schwippschwanz
platsch machen – bumms – Wir sind hier in
der Wegwerfsiedlung . Siehst du die
Leuchtspur am Weihnachtshimmel ? Und die
Geschichte, er wandte sich Pfau zu – die
Geschichte beschreibt einen Dummkopf, der am
Ende so schlau ist, zu begreifen, dass es
nur Dummköpfe gibt.
- Und ? Ist das nix, quetschte sich Ess
durch die luftschlagenden Arme von Kah, der
Dummkopf, wie Kah ihn bezeichnet, ist ein
erwachsener Mann, der schon seine Geschichte
hat, seine Sozialisation, seinen Beruf,
seine Erfolge, seine Enttäuschungen und
einiges mehr z.B....
- Gäb er doch das zu Protokoll, unterbrach
Kah; dann wäre doch so ein Festessen ein
hübscher Abschluss, auch wenn alle dabei
draufgehn. Dann ist er auch noch ein
winziges Stückchen von diesem Film weg,
diesem Fressfilm. Und das Ganze wär auf
dreißig Seiten ein würdiger Abriss über die
Nottaufe von Kloakendichtern. Das wär gut
genug für die Zirkulation der Wörter, seiner
Wörter.
- Sie verwechseln da was, Herr Kah, bemühte
sich Ess, das ist keine Pubertätsglosse, die
ein Junge schreibt, wenn er erwachsen wird.
Das ist ein Roman, der Sozialverhalten
aufdeckt, welches wir gern untern Tisch
fallen lassen oder anderen zum Ausquetschen
überlassen. Nicht mehr und nicht weniger!
Und wenn ich mal ein Wort dazu sagen darf.
Sie gestatten ? – bat sie Lekk, der nickte –
dieses Manuskript lebt von präzis
durchdachten Einsichten, durch deren
Kenntnisnahme der Groschen fällt, meine
Herrn.
- Dünnschiss fällt, grollte Kah.
- Für den sollten Sie sich auch mal
aufmachen, forderte Ess, von untern gesehen,
klotzen Sie nur mit dicken Würsten.
- Unverschämtheit, brüllte Kah.
- Nun lesen Sie schon, schnülpte Pfau,
vielleicht fällt mir dann auf, warum ich
hier sitze.
- Ich erlaube mir ein kleines Kapitel, ca. 3
Seiten ? Ess blickte fragend den Schnülper
an, der sich seufzend zurücklehnte, die
Augen schloss und müde die linke Hand
aufschlenkern ließ. Wenn’s denn sein muss...
- Bitte, meine Herren, tun Sie sich das an,
maulte Kah. Er trank das Glas leer. Er soff
inzwischen. Verkel schenkte ihm nach. Lekk
blickte resigniert zum offenen Klo. Ein
Wasserhahn tropfte. Schließlich war er, der
Lekk, schon lange eingekauft.
Unten in der Street gab’s einen Auflauf um
eine ältere Frau, die immerzu den Rock hob.
Sie drehte sich im Kreis. Sie trug 10
Mark-Scheine am Schlüpfer angeheftet. Sie
schrie: Soähn Se sich das an, soähn Se sich
das an.
Die Rundetischleute dachten sich einiges,
während Ess las
Szene Dreck eins, las Ess, Kapitel II
aus...Schon mal mit’m toten Mann zu tun
gehabt ?
Das Zimmer leuchtet.
In einem dünngetriebenen schweinsledernen
Lampenschirm mit roten Fransen strahlte die
heiße Quelle.
Aus Falten und Sprüngen der verbreiteten
Tucherein traten abgerundete Ecken aus Holz
hervor. Mächtig und blitzend behaftet mit
hunderten verschiedenen Plaketten. Portraits
unter Hirschgeweihen. Wie auf dem
Spazierstock des Großvaters. Diese hier
zeigten Männer, manche von Kopf bis Fuß,
manche nur dazwischen. Hier wurde die Treue
der Männer in Silber getrieben.
Die Nischen schluckten ergeben das Licht.
Mattglänzender feiner Schimmer ließ die
Wärme pulsieren, so schien es, wie leichtes
Atmen von Seide. Blaue-Stunde-Kissen für
empfindliche Gesäße und andere
Unterstützungen lagen im Zimmer verstreut.
Auf dem Kopf eines Bettvorlegers (ein
Riesenhund) saß ein Kerl. Ein Kerl, an den
jede Frau mal gedacht hat, wenn sie nicht
denkt. Er hatte die Hosen an. Sein nackter
Oberkörper war vierschrötig. Allerdings in
modellierten Maßeinheiten, die in eleganten
Zügen über Bauch, Brust und Arme zum Rücken
spielten. Hinein in den Schatten und wieder
hervor.
Etwas verliebt in seine Gewohnheiten
lächelte sein kleiner Mund. Er qualmte. Die
Nase war die des Adonis, die auf vielen
seiner Statuen nicht mehr da ist.
Gerade setzte er, der Kerl, die
fleischfarbene Prothese auf.
>Den Hundefraß ich nie vergaß< dachte er.
Und seine blauen Augen blitzten darüber auf.
Und auch darüber, dass er wie der große
Jäger auf dem Haupt des erlegten Wildes saß.
Sein Lächeln vergrößerte sich und sein
Hiersein. Er qualmte Ringe. Seine Augen
wanderten über das breite Bett zum
safrangelben Himmel. Samt, der sich um einen
runden Spiegel rafft. Amors glänzendes Auge.
Unter einem Haselnussbraun, auf dem die
Sonne liegt, bewegten sich die sanften
Konturen der Frau in dem Laken. Ein
kräftiges Bein unbedeckt. Fußnägel in der
Farbe der gekordelten sattroten Lederriemen,
die von den Seiten des Himmels fielen.
Dichter als ein Gitter und länger als der
Schenkel der Frau. Dieser zeigte das
fleischweiße Ebenbild der scharfen
schattigen Bogen unter den Ahnungen.
- Der Mensch sitzt immer inner Schaukel, sag
ich dir, sagte der 3. im Bunde. – Wenn du
vorne ankommst, siehst du die Welt anders.
Und rückwärts wieder anders.
- Und zwischendurch musste kotzen, warf der
Adonis ein.
- Das auch, ich sag dir, weil die Gefühle
wechseln und der Standort, will sagen, die
Lebenslage, hast du auch immer eine andere
Antwort auf die Frage – was ist wahr ? Und
weil du dabei immerzu selbst schauen und
denken musst, biste auch dein eigener Herr –
aber nicht ganz souverän, weil du ja inner
Schaukel sitzt.
- Mal auf Schloss Montaigne im
Ohrenbackensessel gesessen ?
- Wie ?
- Da war ich mal auf ’ne Tour für – äh
delikate Prothesen.
- Was ?
- Hat aber nichts genützt. Kannst du nicht
mieten.
- Hä ?
- Na, da kommt’s doch her, die Philosophie.
Die Philosophie aus den Ohrenbacken.
- Was ? Aus den was ?
- Ach Fredi – das ist wirklich anders beim
Frosch als beim Vogel. Aber ich als Mensch
>weiß<, dass die 1000 Hundertmeterflecken,
über die mein Flugzeug fliegt, 1000
Hundertmetertürme sind und New York oder
Frankfurt heißen – von oben und unten
betrachtet. Und nix an dieser Wahrheit ist
austauschbar.
- Und wenn dein Flugzeug abstürzt, kannste
gucken, was als neuestes auf dich zukommt –
das neueste an Wahrheit...
- Quark mit Soße, meinte Adonis, der seine
Brötchen verdiente, indem er als
ProbierStaffage im Swinger-Club die
Handtücher reichte.
Er drehte sich zum Weibe, welches schläfrig
im Bett lag. Sein rechter Mittelfinger kroch
über die Decke.
Er zog die anderen vier wie Spinnenbeine
hinter sich her, der dunklen scharfen Wanze
zu.
- Aus dem flotten Dreier wird wohl nix,
dachte er laut. Wenn die Frau aufmacht,
musste sie sachte anticken, Fredi, und keine
Wortklunzen absondern.
- Ach, Bömmchen, du Großkopfet, kannst deine
Nase überall reinstecken, wo Platz ist.
Deinen Kopf brauchste nicht – aber – er
zeigte mit Fingern auf sein kleines rechtes
Ohr.
- Ich hab immer noch Platz für’n paar gute
Anstöße, wo bei dir der Nebel tropft.
Er, Fredi stand mit heruntergelassenen Hosen
am Fußende des Bettes. Er starrte mit Druck
im Kopf auf sein Steh-Auf-Männchen-Ring, der
zur Zeit nichts bewirkte. Er machte einen
letzten Versuch:
- Ich als Leichtgewicht mach auch gern mal’n
Überschlag mit der Schaukel – das ist
kosmisch.
Adonis, der gerade am Ziel der Spinne ankam,
blickte verärgert auf. Er saß immer noch in
Hosen und Stiefeln auf dem Hundekopf neben
dem Bett. Er drückte seine Zigarette an der
Bettkante aus und ließ sie ins Fell fallen.
Er streichelte mit der Spinne die stumme
Rundung. Er lüftete kurz seine Nase.
- Was du nich sagst. Er rülpste. Mit
kosmisch meinste wohl, die Bäume wär’n
Eieruhrn – die Wahrheit der Zeit – hä ? Und
wenn du dazwischen rumfliegst – mit
Überschlag womöglich, fällt der Apfel nach
oben ins Grasdach vom Himmel – und du bist
100 Jahre alt – wie ? Und da, da oben oder
da unten, bin ich der Köttel von vor 1000
Jahren – was ? Nä, ich bleib unten am Boden
und zieh mir einen scharfen Schinken rein.
Stuhlgangmäßig macht der immer den gleichen
>plopp<. Und du weißt – du bist von dieser
Welt. Und weil du davon bist, mach’n Abgang.
Glaubst du, wir wolln hier’n Schlüpfer
aufribbeln.
- Genau, stöhnte der offene Mund über der
Spinne, mach’n Abgang, Fredi. Lieber im Duo
mit Hund als’n Trio mit Luftballons.
- Was denn ? rief Bömmchen Adonis, als er
begriff. Er blickte etwas ergrimmt auf den
schönen Kopf im Kissen, auf die schlaff
geschlossenen Augen. Der hat ihn doch
steigen lassen – den Ballon...
Das ist auch das Einzige, was hier steigt,
was ? Gib lieber – sie erhob sich leicht aus
dem Kissen, Bömmchen Adonis hatte die Spinne
voll – den Drink. Sie schaute mit
verschleierten Augen an Fredi vorbei.– Hört ihr, ich hab Durst vor Langeweile.
- Bömmchen Adonis langte sich zwischen die
Knie und hob ein fast volles Glas, in dem
der Sonnenuntergang über dem Herbst aufging.
Sie nahm es und setzte es an die Lippen,
saugte sie rein, die Sonne, den ganzen
Untergang. Fredi zog die Hosen hoch.
– Na gut, vielen Dank für das Angebot, bin
für jeden Spaß zu haben.
- Werd kaum drauf zurückkommen, Fredi, sagte
sie träge. Ein paar Lichter tanzten in ihren
Augen. – Bis dahin alles in petto. Vergiss
den Reifen nicht.
- Den Ring, Kitti, den Ring. Ich bin
Olympier, heißt der Ring.
- Sowas Blödes, Fredi, ach geh, sieh zu,
dass du weiterkommst, sonst hat die
Geschicht ein End. Sie zupfte an Bömmchens
Gürtel. Sie gähnte.
- Wisst ja, wo ihr mich könnt, rief Fredi.
Sein Tonfall stieg von der 3. zur 4. Etage –
leider immer verdammt - wenn er laut wurde.
Er stieß die Tür auf und machte sich auf
seinen Kreppsohlen davon. Das Geräusch
verlor sich im dunklen Flur wie verhaltenes
Tasten nach Licht. Um 2 Ecken herum lallte
seine Stimme durch den 5. Stock: Bömmchen
kommt, Bömmchen kommt nit, nit, nit. Da fiel
die Tür ins Schloss. In Amors Auge zeigte
sich Kitti in Kitti und ein kleines
flüchtiges Bild von Fredi, dem einsamen
Feuerwehrmann. Sie zupfte an Adonis herum,
was ein gedehntes ach – ja – auslöste. Mit
der anderen Hand griff sie zum Telefon,
wählte und schnarrte gleich darauf in die
Sprechmuschel:
- Ja – ich bin’s, Fetty, ich sag dir, der
kann auch zufrieden sein, wenn er seinen
Hemdswittich streichelt. Ich bleib dabei,
dass 3 Käse hoch keine 30 Zentimeter sind –
ob mit oder ohne Bullenreifen, was denkst du
?
- Wie – was sagst du ?, der muss warm werden
– was ? – ich hab hier Bömmchen am Stiel –
wie bitte ? Was du nicht sagst – was ? Ihre
Stimme verlor sich zwischen Hören und
Staunen. Immerhin ist jede Wahrheit wahr, -
mag sie auch noch so weit von der eigenen
entfernt sein...
- Wo bleibt denn das Fressen, schnülpte
Pfau.
- Soll ich läuten ?, bot Verkel an
- Was für’n Unsinn – das Fressen, Sie
Tölpel, wann geht’s hier zur Sache ? an Ess
gewandt.
- Unsinn – ja gähnte Kah.
- Aber bitte bat Ess ich komm schon noch
drauf – Geduld bitte.
- Na, rief Pfau, komm’n Se drauf. Er nahm
einen großen Schluck und lehnte sich zurück.
Ess las:
An der Ecke zum ‚Grätzkoff’ strömten
erschöpfte Leute aus der
Nachmittagsvorstellung. Fredi umging sie.
Kein Auflauf wie heut Mittag, den ein junger
Mann ansammelte, als er den Trendticker des
Tages abließ (Kommen Sie heut zum ,Griff’ –
um 20°°Uhr ist Ihr Nachbar dran).
Es hatte geregnet. Die Straße dampfte. Die
Leute dampften. Fredi dampfte mit. Ein paar
Autos schoben Wellen auf den Bürgersteig.
Geschrei, Hupen, Gelächter. Die Sonne blieb
ausgesperrt. Zwischen alten fünfstöckigen
Bürgerhäusern, in denen vor 100 Jahren die
Bärte gewixt wurden, fingen sich letzte
Strahlen im nassen Asphalt....
- Ich hab’s bei fast allen versucht, dachte
Fredi, und is bei nix geblieben. Er schlich,
er schlurfte, er blieb stehen, er kickte
eine Blechdose ein paar Meter weit.
- Was soll ich bei 'ner Show, wenn ich nix
zu tun krieg. ? fragte er ein geparktes
Auto.
- Beschiss natürlich, jaulte er. Er trat
gegen den Vorderreifen und jaulte noch mal
auf. – Ich krieg Beschiss verkauft, heulte
er und zahl noch die Spesen – doppelt
Beschiss. Dazu noch’n Olympier, der nich
warm wird, verdammt. Beschiss hoch drei.
Er schnäuzte laut ins Taschentuch, was einen
Schwarm Spatzen aus dem Bordsteinwasser
hüpfen ließ. Einer der ältesten
Terrassenvögel fragte ihn: willste nich mal
fliegen, Junge ?, komm auf meine Hüften...
Doch Fredi blieb in sich gekehrt. Die
nachgerufenen Worte fügten sich nicht
zusammen: der – läuft aus – der – kannich –
fliegen...
Auf dich hab ich grad gewartet, flötete eine
der fetten Drosseln, die soeben die 3 Stufen
zum „Kümmer mich“ hinabflatterten. Fredi
stieg sie hinauf. Er drückte die schmale,
dunkle Tür auf und tastete sich in das rote
Innere der Bar. Vorne rechts saßen ein paar
Stümpfe auf hohen Hockern. Sie zwängten in
verstohlener Eile Branntwein in sich rein.
Sie wollten wohl endlich fröhlich werden.
Zur Mitte des etwa 6 Meter langen Tresens
stand ein graues Gespenst, rot im Gesicht ,
auf den Querstangen seines Hockers. Er hielt
sich an einer großen Flasche fest. Er
steckte knotige Finger dem Barkeeper
entgegen. Er knickte bei seiner Aufzählung
die Finger ein.
- Siehste – von Ad I bis Bad X – äh – Ad XII
– kannste haste nich gesehn – alles Beschiss
– kein Himmelreich - ...
- Und so weiter war’s leer. Aus dem
Hintergrund stöhnte ein heiserer Sound von
EBSS in den spätenspäten Nachmittag. Der
Eurohimmel blieb draußen.
- Haste Paste Quaste
For my Peacemaker
Full out of the cheese-baker
Keep smiling
Coming out
Und nun ganz laut...
In den folgenden Bullenschrei
- Fuffzig -
der die künstliche Nacht aufriss, schrie
Fredi >Whysky< zum Keeper rüber
-...Taler ham gequalmt -
Mir auch, mir auch, schrien die Stümpfe. Sie
wurden jetzt alle fröhlich
-...ich hab nix mehr in der Tüte
- Wenn de zuviel Cholesterin hast, meinte
der Nachbar
-...durch das viele Land im Wald...
- darfste keine Cola trinken
-...wächst mein Stecken bis zur Blüte
- Prost
Fredi versank in der knallroten
Fröhlichkeit.
- Das Fressen, stöhnte Pfau, das Fressen. Er
schaute sich um, er schenkte sich nach. Er
blickte zu Ess, die verärgert innehielt. War
sie doch grad so schön in Schwung. Der Ton
kann den Text gefügig machen, fiel ihr auf.
Der Leser muss den Rhythmus mitkriegen. Sie
besah sich die kleine Runde gewichtiger
Textabschneider, die nur noch die Münder
offen hielten. Wahrheit ist relativ, fiel
ihr ein – und hier sind gleich mehrere ihrer
Teile im Schnaps zusammengelaufen. Den Ast
hoch und erleben, wie er bricht, dachte sie,
das ist konkret. Eindeutung definierbar...
Fett Granulla lebt – las sie weiter. Sie
lebt im Bulla-Moon. Das ist bekannt. Hinterm
Wurstbäcker geht’s runter, ganz tief ins
Kreuzschluckerviertel. Als das Bulla-Moon
noch >fill in < hieß, warn mehr Spanner als
Austauscher da. Dann gab’s den Rechtsruck
und schon hat’s ’n anderen Namen und ’n
anderes Publikum. >Raus-bound<.
Bis dann eines Tages der wirkliche Austausch
erfolgte. Fett Granulla gehörte zu den etwa
70 Leuten, die an einem finsteren
Winterabend in die Kneipe drängten. Nach
Absprache und gleichzeitig. Sie drängten
langsam aber sicher die Glatzen raus. Da
waren nun zeitweise an die 150 Leute auf
sechzig Quadratmetern. Und keiner konnte
sich rühr’n – nur sachte drängen.
Was für’n Spaß.
Ein paar Tage später hieß das >Raus-bound< >
Bulla-Moon<. Und Fat Granulla wohnte oben
und tanzte unten auf den Tischen. Sie ist
lebendig.
- Was denn noch, stöhnte Pfau. Sein Mund
blieb offen.
Als Fredi durch die halboffene Tür ins
Zimmer schaute – las Ess unbeirrt weiter,
blickte Fetty auf. Sie hob die Hand zum Gruß
wie zur Abwehr.
- Ich telefonier grad mit Kitty. Der geht’s
nicht gut. Die hat immer so’n
Bandwurmhunger, und wenn’s denn soweit is,
passt nix rein.
- Sie sagte: Bis später, Kitti, ich hab hier
zu tun. Sie drückte die Out-Taste, sprach
noch in die volle Muschel, zu Fredi gewandt.
...als hätte sie’n Pfropf drin, die Kitti,
der immer da steckt, wo was durchsollte.
- Aber sie stutzte erzähl – is bis morgen
alles in petto ? – Sie sah ihn an: Mensch
Fredi – wie siehst du denn aus? Kratz uns
bloß nich ab, noch vorm Finale.
- Geht schon noch, sagte Fredi, pass mich
nur grad in die Rolle rein – mein Stichwort:
bis morgen is alles in petto – das war
gestern.
- Dann ha’m wir schon heute, schrie
Granulla, das hat Kitti verpasst.
Sie sprang aus dem Bett – ganz absonderlich
für das reife Mädchen. Sie stürzte ins Bad.
Sie schrie aus der Dusche: mach Kaffee,
Fredi, wir sind in Eile.
Der drehte das Gas auf und dachte : Was is,
wenn ich’s nicht anzünd. Das gäb doch ’ne
Schau, die zur Show passte. Doch er zündete
es an und setzte den Kessel mit schalem
Wasservorrat drauf. Das ist totes Wasser, in
dem sich schon die Frikadellen wiegen,
dachte er, wozu noch das Maul aufreißen ? Er
löffelte Kaffeepulver in den Filter. Er
dachte weiter nichts.
Unter der Dusche dröhnte Fettys beste
Säuferstimme:
- Da war das Schwein schon abgebeint – gluck
Strahl – der Kneti fertig durchgeleimt –
gluck Strahl – gluck Strahl – gluck Strahl –
gluck Strahl
Gut gelaunt in ein Handtuch gewickelt, schob
sie sich durch den Vorhang. Einen Finger im
rechten Ohr, hob sie ein Bein und schüttelte
die Restnässe aus dem linken heraus.
- Fredi – heut ist der große Tag, sag ich
dir, die Geschichte wird heut komplett. Ich
verführ Bömmchen Adonis, als wär’s die große
Welt. Kneti verführt ihn, als wär’s die
kleine Welt und Kitti verführt ihn, als wär
sie gar nicht da.
- Ihr habt schon seltsame Vorstellungen von
eurer Vorstellung, meinte Fredi. Da wird
doch nicht mal gelacht drüber. Wenn ich
dabei ’n toten Mann spielen soll, müsst ihr
mich besser reinbringen...
- Sei nich blöd, Fredi. Kitti hat eben noch
betont, dass ’n toter Mann erst im
Schlussakt da is, weil er vorher – ach Kitti
– unterbrach sie sich, sie denkt, es wär
gestern. Sie griff zum Handy, tippte eine
Nummer, ging unruhig im Zimmer umher, weil
der Anschluss nicht gleich kam, verlor ihr
Handtuch dabei - achtlos...
- Was für’n Arsch, dachte Fredi – was für’n
Spruch is denn da auf der linken Backe
tätowiert – wie? – willkommen in der Zukunft
? – wir starten...? Ach je – aber sonst ? –
na gut. Jedenfalls was anderes als die
Klatschrosen von heute.
- Kitti schrie Fetty Granulla, wo warste
denn ? Haste nich was vergessen ? – weißte
dass heut Heute is ? – Ja unser Tag – ja –
ja genau, nu mach schon – die Zeit wird
knapp – ja, bis dann...
Sie schmiss das Handy aufs Bett und zu Fredi
gewandt
- im Schlussakt da is, weil er vorher noch
lebendig war, nahm sie den Faden wieder auf,
aber nur als Erinnerung aufem Sims.
- Schwer zu verstehen, murmelte Fredi, wenn
ich’s kapiert hab, heißt das, ich hab als
Fredi nix zu tun und als toter Mann spiel
ich mit ?
- So kannstes auch sehen, Junge. Du bist ja
schon auf dem Ast. Bei ’ner nackten Frau
nich mal Schweinereien denken – was ? Is
jetzt aber egal. Wichtig ist, dass wir ihn
endlich drankriegen, den Schwellkörper. Dass
du aber schon tot bist, geht ihn nix an,
weil aufem Sims biste das Erinnerungsstück,
was noch lebt.
- Wie soll ’n das gehen ?
- Ach, Fredi, der arme Mann in der Fremde
lebt. Dafür liegst du hinterm Bett und da
bleibste, bis die Sanitäter kommen, kümmer
dich um nix. Hinterher sind wir alle
glücklich. Jetzt geh endlich und schmeiß
Kneti außem Bett.
- Ein Liebesbandel, stöhnte Pfau mit
geschlossenen Augen, zwei Pfund Mist für den
Liebesbandel. Wann fressen die ?
- Hab doch gesagt, dass das nur gewichst is,
tropfte es aus Kahs fleischigen Lippen.
Sie sah um sich. Verkel war schon hinüber.
Lekk horchte immer noch auf das Tropfen des
Wasserhahns. Vielleicht machte er grad eine
Lyrik dazu... ?
Sie las weiter: Kneti is noch ’n Versuch
wert, dachte Fredi. Er machte sich auf den
Weg, Fett Granulla in ihrem Wirbel hinter
sich lassend. Bei Kreti is immer noch was
mitzukriegen, dachte er.
Die Kreuzkirche im Kreuzschluckerviertel
boingte boing boing – scha bang scha bang –
boing boing – scha bang scha bang. Fredi
blickte irritiert zum Glockenturm hoch. Das
war doch ’n Beat im Beat, fiel ihm auf,
neuer Christen-Groove, hei...! Beschwingt
passte er seinen Gang dem neuen Rhythmus der
Christenheit an. Dabei kam er ins Hüpfen und
Stolpern, versteht sich. Das hat der Kneti
nun jeden Tag, dachte Fredi, den
Christen-Groove. Dazu wohnt er noch in der
Kahl-Etage, oben auf dem Dach. Im einzigen
Zimmer, was der Krieg nich platt gemacht
hat, in der 5. Auf fast gleicher Höhe mit
den ersten Farbfensterscheiben des untersten
Spitzbogenfensters des gotischen Kirchturms.
Wenn das nich ’n Heiligenschein wert is...?
...
Fredi hastete die Stufen hoch, immer zwei
auf einmal, stieß die Tür auf: Hei Kneti,
rief er, biste zufrieden mit der Welt ?
Er hat den Glanz des späten Vormittags
mitgebracht, so schien es Kneti. – Aus den
Kneipen, die zwischendurch immer offen
sind..hm hm..
Er löffelte seine Suppe mit pedantischer
Gründlichkeit – wie immer. Er ließ sich
nicht stören. Die Geräusche seines Essens
füllten den Raum. Bei jedem Schmatz
triumphierte das Vergnügen. Ein archaisches
Vergnügen wie bei Leuten, die die letzte
Mahlzeit noch weit vor sich haben und zwar
immer als letzte Mahlzeit. Er hielt kurz
inne, wischte den Mund am Ärmel, begrüßte
seinen Gast mit rundgefressenen Augen:
- Hei, Fredi, hei, wie biste hier
reingekommen – hä ?, wandte sich wieder der
Suppe zu, ohne auf die Antwort zu warten.
Schmatz. Das macht schon Spaß, sich selbst
fressen zu hören. Besser als jeder Besuch...
- Alles offen, quetschte Fredi zwischen die
Schmatze, außerdem, ich hab den Schlüssel,
weil ich Toter-Mann-Bote bin – schon
vergessen ?
- Ach Toter-Mann-Bote, komm er her und iss
’n Teller Suppe – die letzte Mahlzeit
womöglich. Wir gehn gleich los. Er zog seine
Taschenuhr aus der Hosentasche und bedachte
sie mit einem kurzen Blick. Wir ham noch
Zeit für ’n paar Schnäpse – willste ’n Bier
?
- Ja alles – freute sich Fredi. Er setzte
sich zu Tisch, dessen abblätternde Haut
echte Tischlerplatte zeigte.
- Weißte, ich bin ja nich so ohne, sagte
Kneti. Er stand auf und holte einen Teller
und Besteck aus einer Kiste neben dem Tisch.
– Ich hab die Weiber alle auf Platte-. Er
goss Schnaps in 2 Gläser, holte Bier unterm
Tisch hervor...
- Ich will gar nich wissen, wo de herkommst,
Fredi, aus ’ner Latrine vielleicht. Er
schnüffelte. Mir is egal, was de dir
zustoßen lässt – Hauptsache alles in petto.
– Prost. – Prost.
Fredi aß Suppe, trank Schnaps und horchte
auf Kneti. Der grunzte zwischen 2 Schlucken,
trank sein Bier auf ex, rülpste, lehnte sich
zurück.
- Da bin ich mit meinen Philosophen einig,
brummte er. (Wenn es auf eine einfache
Anweisung hinauslief, bemühte er große
Geister).
- Über Abfall und Zufall gehen Sonne und
Mond auf, sogar die. Und das kannste immer
nur vorwärts sehn. Weil. Weil du selbst
schuld bist, an dem, was dir passiert,
kannste von vornherein aufe Pauke haun und
kräftig durchtreten, wenn’s unterm Fuß
juckt. Das heißt Existenzialismus. Da kann
die Welt platzen – du gehst inne Garderobe
nachschminken – und munter sind die Erdteile
wieder beisammen. Weil die Krähenfüße schon
unterm Bauch sind, lachste auf jeden Fall
mit – alles klar ?
- Nich so ganz, sagte Fredi, wenn du jetzt
noch sagst, dass wir alle inner Schaukel
sitzen, bin ich dabei. Aber bis dahin spiel
ich als Fredi meine eigene Rolle und als
Toter-Mann-Bote bin ich nützlich (wie schön,
mit Kneti zu philosophieren, dachte Fredi,
der hat noch was)
- Kneti drehte einen Finger im Ohr, er zog
ihn raus, er blies über den Nagel. Er sagte:
- Ich weiß nich, warum du inner Schaukel
sitzt, Alter, als Toter-Mann-Bote ist deine
Zeit fast um.
- Was gäb’s denn da noch zu tun, .......?
sinnierte Fredi.
- Einfach ablegen. Wir haben ja noch den
Adonis im Programm. Der kriegt Weiber bis
zum Aufstoßen. Dabei platzt ihm sein Gekrös
und schon sind’s 2 Leichen, die miteinander
was zu tun hatten. Hab ich recht ? Am Ende
war’s ein wüstes Gelage mit Zufall und
Abfall.
- Ich blick immer noch nich durch, stöhnte
Fredi, geplatztes Gekrös, zwei Leichen und
Adonis ohne Kleiderständer... was soll’n das
bedeuten ? Is das nich zuviel fürn kleines
Stück für 5 Personen ? Wie lange soll’s denn
dauern ?
- Lange, mindestens bis hinters Fressen.
Aber vergiss nich, du bleibst da unterm
Bett, bis der Notarzt kommt.
- Gut, dass ich noch gegessen hab – bei dir.
Ich hab ’n kleinen Magen. Ich muss öfter was
essen. Aber ich denk, hinterher sind alle
glücklich, hat Kitti gesagt – oder war’s
Fetty ? Weiß nich mehr ... das is mir alles
noch schleierhaft, gut, dass ich nix zu tun
hab dabei. Gefällt mir langsam.
- Siehste, Alter, auf zum Gefecht, hab ich
recht oder bin ich echt ? – Das verstehste
erst, wenn du’s gar nicht mehr musst.
- Ich lass das mal auf sich beruhn, Kneti.
Aber ich hab noch ’ne Menge
Fragen und unterm Bett fall’n mir bestimmt
noch mehr ein.
- Gut Fredi. Wir müssen. Weiber warten nich,
die fangen an ...
Ess Blick löste sich nur langsam vom
Manuskript. War sie im Irrsinn versunken ?
Das is wirklich übern Rand, dachte sie. Das
versteht kein Mensch, wenn er’s nur mit dem
Kopf liest. Und mit dem Bauch kannste nich
buchstabieren, geschweige denn mit dem
Hintern. Dennoch, sie las gern vor. Ihr war
angenehm warm geworden, Kribbeln von unten
bis oben. Was die geplagte Führungsriege
ihren Kartoffelschnaps vorerst vergessen
ließ, ließ sich auf grobe Übereinstimmung
vereinfachen: Sie waren alle zustimmend
eingenickt. Ess schaute zur Kuchengabel, die
als spitzer Rest auf der Platte lag. Ein
paar eilige Bilder glänzten durch ihr
Hirn... die haben alle mal gelebt, dachte
sie. Aber sie sind doch nicht die einzigen,
die alle mal gelebt haben – oder ?
|