Igel totgefahren:

Hab sie mal gezählt und hochgerechnet.
Pro Saison 60 Igel auf dreißig Kilometer
Landstraße.
Im Herbst etwas mehr, denn da müssen sich
noch einige den Wanst voll fressen und das
gibt denn einen fetten hässlichen Klacks auf
der Straße. Manchmal werden auch Kaninchen
erwischt, seltener Hasen, schon eher Katzen,
doch die sind mehr übers Jahr verteilt. Ein
Wiesel ist mir noch nicht untergekommen, pro
Woche ein paar Rehe und auch ’n prächtigen
Bumms in die Wildschweinrotte. Na prima,
kannste sagen - ist doch anscheinend jede
menge davon da, ist doch gute Population,
ist doch ’n Haufen über - oder ?
Ist doch Versicherungsschaden - wie?
Natürlich. Wenn ein Igel zuviel ist, geht
er auf die Straße.
Erinnert mich an Kaninchenjagden vor
vielen Jahren. Ich war jung, ich blühte grad
auf wie ’n Kaktus unterm Scheinwerfer. Keine
Jahreszeiten - nur heißer Saft. Ich fuhr
Fahrrad, einige Moped, ein etwas älterer
hatte schon ein Auto, einen Leukoplastbomber
namens Lloyd 400. Das neudeutsche ’Gang’
passte noch nicht auf uns und die Arbeit war
so ein nachdeutscher Immerfilm, der einfach
durchlief. Ein tierisches Menschenschaffen -
Stein auf Stein. Für mich war das die dicke
Wolke, die nie wegrennen wollte. Wenn du -
Spaß hin, Spaß her - auf ’ner öffentlichen
Treppe am Geldsack kratzt, vergiss die
Stufen nicht. Du machst dich unendlich
lächerlich, wenn du stolperst.
Damals gab’s ja nur die Angst vorm
Krieg....und die rutschte in den Kanal wie
Schiss. Arbeit ist Leben - Leben ist Arbeit.
Und dazwischen gab’s den Rock und den heißen
Saft und die kalten Füße. Die zeit, als
Chuck Berry für die meisten noch’n Orang
Utan war oder gar nicht vorhanden. Dafür
schrie Elvis Presley seinen Jailhouse Rock
durch den Knast. Hörte sich jedenfalls so
an. ’I got stung’ Nummer 1, Little Richard
abgerutscht, Ted Herold wie’n Erbsenknall
aus der Echowand.
Schnellwichsen bei Alfred. Seine
Schwestern haben lange, etwas gebogene
Nasen, die sie sich an der Fensterscheibe
plattdrücken. Vom Plattenteller rollt der
Rock in Hitzewellen durchs Ohr. Rot sind die
Gesichter, die Anstrengung ist groß und wer
beim Schlussakkord kommt, darf einen neuen
Titel für unsere Privatparade bestimmen.
Okay, es war nicht leiser als heute - okay ?
Auch nicht gemütlicher, nein, vielleicht
etwas langsamer, das schon. Die Zeit war
langsamer, weil nicht jede Nachricht einen
Klang hatte. Heute hat sie schon
Zwischenklänge - na und ? Ratatata - das
war’s noch nicht - ratatata - es kommt.
Ja doch, als der saubere Krach hoch im
Ohr stand, gab’s noch stille Pausen zum
Ausatmen. Die Schlagerludendelle, die die
Nachkriegszeit in den Aufbaudunst schlug,
rutschte folgsam vom Gehirn ins Gesäß und
der Rock’n’Roll tanzte. Er überschlug sich
dabei. Okay. Wann haste das schon mal
ausprobiert - hey ? Fliegen wie’n
Fliegenschiss. Auf ’nem breiten
Mittelstreifen von Frau rechts und links
vergessen, den sauberen Krach im Ohr wie ’ne
Drahtschneidemaschine. Die Luft tost.
Jahrmarkt der schwarzen Lederjacken und
blassblauen Jeans. Dazu dicke kurze Röcke
über schwarzen Strumpfhosen in braunen
Stiefel mit ersten Fransen. Ein strammes
Outfit, sagst du. Du wurdest eingetütet,
damit nix reinkommt. Heute wirste
eingetütet, damit nix entgegenkommt. Ist
ungefähr dasselbe.
Wenn im Spätherbst der Jahrmarkt mal
richtig aufheulte, dröhnte auch der
Rock’n’Roll mit. Bill Haley war flott genug
für’n Quickie an der Rampe. Damals gab’s
noch kein Neudeutsch dafür. Aber es wurd
immer so gemacht. jeder war scharf darauf,
in die offene Raupe zu springen und immer zu
alleinfahrenden Weibern natürlich. Ist mir
aufgefallen, dass es die immer wieder gab,
alleinfahrende Weiber ... Gab natürlich ’ne
menge Stenze in der Konkurrenz, die auf die
besten Titten kotzten, Durfteste gar nicht
sagen damals. So ein Wort. Jedenfalls nicht
unter Katholiken. Was unsereins als
Messdiener ganz hinterlistig in fromme
Lieder quetschte, trommeln die Kids heute
auf den Schultisch, wenn sie sich
konzentrieren wollen: ficken, ficken,
ficken, ficken... bis die Frau Lehrerin oder
der Herr Lehrer sagt: Sebastian, du
schreibst das Wort 100 mal in dein Hausheft,
damit auch deine Eltern es kennen lernen.
Dann wirst du’s nie mehr vergessen!
So ist das Leben, hör ich Freund Wudo
frotzeln, immer daneben, immer daneben....
Was beileibe nicht heißt, dass jede Füllung
verkehrt ist, denke ich mir.
Erfüllt sein vom heroischen Willen, einem
Tiger die Zähne zu ziehn; voll sein mit
Freude, wenn die Kugel gut rollt und
vergnügt bis dorthinaus, weil der Abschluss
dieses Tages für drei Kaninchen endgültig
war. Das tut mir so leid wie möglich. Nicht,
dass ich was gegen Kaninchen hätte, bis
heute nicht. Klein und putzig fressen sie
sich im Käfig rund bis Weihnachten. Ein
guter Kaninchenkäfig muss so groß sein, wie
das Kaninchen werden wird, hör ich den
immerschlauen Taubenzüchter von nebenan.
Hat’s Zeit zum Fettwerden, na klar. Hier
draußen, auf drei Hektar Ödland, hatten sie
mehr Platz. Dornen, Gräser, Disteln, von
Äckern umgeben. Ideal. Die nächste Siedlung
konntest du riechen. Und du konntest auch
schon Bauland riechen.
Heute stehen 70 von diesen Breieinheiten
drauf, ein Zwischenort zwischen den
Zwischenstädten.
Damals flitzten hier zig Kaninchen herum.
So viel wir auch schafften und das waren bei
fast ganzjähriger Saison nicht wenige, es
blieben immer zig Kaninchen.
Erinnert mich an den Haufen Eicheln, die
nach einem guten, feuchtfröhlichen Sommer
unter den Bäumen lagen. Wird ’n kalter
Winter, hieß das. Jetzt liegen sie wieder
zuhauf, nach einem trockenen, kalten Sommer,
den der Wind vor sich hertrieb. Kommt mir so
vor, als wollten sie alle noch mal kräftig
ran - die Pflanzen, die Menschen, die Tiere.
Hat was mit Stress zu tun, hab ich
gehört. Gibt wohl bald nichts mehr auf der
Welt, was nicht mit Stress zu tun hat – was?
Wie bei den Kaninchen, stimmt’s? Wenn eines
zuviel ist, geht es auf die Straße. Doch
halt, du darfst nicht jedes Wort glauben -
und wenn es auch noch so blöd ist.
In der Kaninchennatur hört sich das
sowieso anders an. Mit dem Fahrrad im
Vollmondlicht ist unfassbar, mit dem
Mopedlärm ist die Wand hochgezogen, mit dem
Plastikbomber wird die Puste ausgerollt.
Punkt. Die drei hab ich ihm vor die Reifen
gejagt. Wenn das Glück ein Gefühl ist, war
ich glücklich. Gibt’s das heute noch beim
Igel totfahrn ?
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