Josef Butke

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Igel totgefahren:

Hab sie mal gezählt und hochgerechnet. Pro Saison 60 Igel auf dreißig Kilometer Landstraße.

Im Herbst etwas mehr, denn da müssen sich noch einige den Wanst voll fressen und das gibt denn einen fetten hässlichen Klacks auf der Straße. Manchmal werden auch Kaninchen erwischt, seltener Hasen, schon eher Katzen, doch die sind mehr übers Jahr verteilt. Ein Wiesel ist mir noch nicht untergekommen, pro Woche ein paar Rehe und auch ’n prächtigen Bumms in die Wildschweinrotte. Na prima, kannste sagen - ist doch anscheinend jede menge davon da, ist doch gute Population, ist doch ’n Haufen über - oder ?

Ist doch Versicherungsschaden - wie?

Natürlich. Wenn ein Igel zuviel ist, geht er auf die Straße.

Erinnert mich an Kaninchenjagden vor vielen Jahren. Ich war jung, ich blühte grad auf wie ’n Kaktus unterm Scheinwerfer. Keine Jahreszeiten - nur heißer Saft. Ich fuhr Fahrrad, einige Moped, ein etwas älterer hatte schon ein Auto, einen Leukoplastbomber namens Lloyd 400. Das neudeutsche ’Gang’ passte noch nicht auf uns und die Arbeit war so ein nachdeutscher Immerfilm, der einfach durchlief. Ein tierisches Menschenschaffen - Stein auf Stein. Für mich war das die dicke Wolke, die nie wegrennen wollte. Wenn du - Spaß hin, Spaß her - auf ’ner öffentlichen Treppe am Geldsack kratzt, vergiss die Stufen nicht. Du machst dich unendlich lächerlich, wenn du stolperst.

Damals gab’s ja nur die Angst vorm Krieg....und die rutschte in den Kanal wie Schiss. Arbeit ist Leben - Leben ist Arbeit. Und dazwischen gab’s den Rock und den heißen Saft und die kalten Füße. Die zeit, als Chuck Berry für die meisten noch’n Orang Utan war oder gar nicht vorhanden. Dafür schrie Elvis Presley seinen Jailhouse Rock durch den Knast. Hörte sich jedenfalls so an. ’I got stung’ Nummer 1, Little Richard abgerutscht, Ted Herold wie’n Erbsenknall aus der Echowand.

Schnellwichsen bei Alfred. Seine Schwestern haben lange, etwas gebogene Nasen, die sie sich an der Fensterscheibe plattdrücken. Vom Plattenteller rollt der Rock in Hitzewellen durchs Ohr. Rot sind die Gesichter, die Anstrengung ist groß und wer beim Schlussakkord kommt, darf einen neuen Titel für unsere Privatparade bestimmen. Okay, es war nicht leiser als heute - okay ? Auch nicht gemütlicher, nein, vielleicht etwas langsamer, das schon. Die Zeit war langsamer, weil nicht jede Nachricht einen Klang hatte. Heute hat sie schon Zwischenklänge - na und ? Ratatata - das war’s noch nicht - ratatata - es kommt.

Ja doch, als der saubere Krach hoch im Ohr stand, gab’s noch stille Pausen zum Ausatmen. Die Schlagerludendelle, die die Nachkriegszeit in den Aufbaudunst schlug, rutschte folgsam vom Gehirn ins Gesäß und der Rock’n’Roll tanzte. Er überschlug sich dabei. Okay. Wann haste das schon mal ausprobiert - hey ? Fliegen wie’n Fliegenschiss. Auf ’nem breiten Mittelstreifen von Frau rechts und links vergessen, den sauberen Krach im Ohr wie ’ne Drahtschneidemaschine. Die Luft tost. Jahrmarkt der schwarzen Lederjacken und blassblauen Jeans. Dazu dicke kurze Röcke über schwarzen Strumpfhosen in braunen Stiefel mit ersten Fransen. Ein strammes Outfit, sagst du. Du wurdest eingetütet, damit nix reinkommt. Heute wirste eingetütet, damit nix entgegenkommt. Ist ungefähr dasselbe.

Wenn im Spätherbst der Jahrmarkt mal richtig aufheulte, dröhnte auch der Rock’n’Roll mit. Bill Haley war flott genug für’n Quickie an der Rampe. Damals gab’s noch kein Neudeutsch dafür. Aber es wurd immer so gemacht. jeder war scharf darauf, in die offene Raupe zu springen und immer zu alleinfahrenden Weibern natürlich. Ist mir aufgefallen, dass es die immer wieder gab, alleinfahrende Weiber ... Gab natürlich ’ne menge Stenze in der Konkurrenz, die auf die besten Titten kotzten, Durfteste gar nicht sagen damals. So ein Wort. Jedenfalls nicht unter Katholiken. Was unsereins als Messdiener ganz hinterlistig in fromme Lieder quetschte, trommeln die Kids heute auf den Schultisch, wenn sie sich konzentrieren wollen: ficken, ficken, ficken, ficken... bis die Frau Lehrerin oder der Herr Lehrer sagt: Sebastian, du schreibst das Wort 100 mal in dein Hausheft, damit auch deine Eltern es kennen lernen. Dann wirst du’s nie mehr vergessen!

So ist das Leben, hör ich Freund Wudo frotzeln, immer daneben, immer daneben.... Was beileibe nicht heißt, dass jede Füllung verkehrt ist, denke ich mir.

Erfüllt sein vom heroischen Willen, einem Tiger die Zähne zu ziehn; voll sein mit Freude, wenn die Kugel gut rollt und vergnügt bis dorthinaus, weil der Abschluss dieses Tages für drei Kaninchen endgültig war. Das tut mir so leid wie möglich. Nicht, dass ich was gegen Kaninchen hätte, bis heute nicht. Klein und putzig fressen sie sich im Käfig rund bis Weihnachten. Ein guter Kaninchenkäfig muss so groß sein, wie das Kaninchen werden wird, hör ich den immerschlauen Taubenzüchter von nebenan. Hat’s Zeit zum Fettwerden, na klar. Hier draußen, auf drei Hektar Ödland, hatten sie mehr Platz. Dornen, Gräser, Disteln, von Äckern umgeben. Ideal. Die nächste Siedlung konntest du riechen. Und du konntest auch schon Bauland riechen.

Heute stehen 70 von diesen Breieinheiten drauf, ein Zwischenort zwischen den Zwischenstädten.

Damals flitzten hier zig Kaninchen herum. So viel wir auch schafften und das waren bei fast ganzjähriger Saison nicht wenige, es blieben immer zig Kaninchen.

Erinnert mich an den Haufen Eicheln, die nach einem guten, feuchtfröhlichen Sommer unter den Bäumen lagen. Wird ’n kalter Winter, hieß das. Jetzt liegen sie wieder zuhauf, nach einem trockenen, kalten Sommer, den der Wind vor sich hertrieb. Kommt mir so vor, als wollten sie alle noch mal kräftig ran - die Pflanzen, die Menschen, die Tiere.

Hat was mit Stress zu tun, hab ich gehört. Gibt wohl bald nichts mehr auf der Welt, was nicht mit Stress zu tun hat – was? Wie bei den Kaninchen, stimmt’s? Wenn eines zuviel ist, geht es auf die Straße. Doch halt, du darfst nicht jedes Wort glauben - und wenn es auch noch so blöd ist.

In der Kaninchennatur hört sich das sowieso anders an. Mit dem Fahrrad im Vollmondlicht ist unfassbar, mit dem Mopedlärm ist die Wand hochgezogen, mit dem Plastikbomber wird die Puste ausgerollt. Punkt. Die drei hab ich ihm vor die Reifen gejagt. Wenn das Glück ein Gefühl ist, war ich glücklich. Gibt’s das heute noch beim Igel totfahrn ?

 

© Josef Butke  │ Webdesigner: Michael Janik