Josef Butke

literatur

     

Skulpturen

Malerei
   

Literatur

Kontakt
   

 

 

Startseite
Impressum

 
 

Literatur


Post von Prostata:

Leimel hatte wieder mal den Faden verloren. Gedankenvoll paffend lag er auf dem Bett. Sicher hör ich bald auf zu rauchen, fiel ihm ein. Aber ihm fielen auch 1000 weiter Sachen und Dinge ein. Eine Zeitlang gab er sich einige Müh, Sachen und Dinge voneinander zu scheiden. Doch ohne Faden kannst du keine Geschichte stricken; doch ohne Sacharbeit kannst du keine Dinge benennen... was einander bedingt, schiebt den Karren rein oder raus usw.

Wenn es schon so weit war, dass er die Beschreibung der Wirklichkeit in das Philosophische Gästebett zu packen versuchte, ging ihm meistens die Puste aus. Da lag er mit geschlossenen Augen und spulte den inneren Dialog in den nächsten Traum. Oder wartete einfach auf den heiligen Geist.

Inzwischen brennt die Zigarette ein Loch in das Laken. Eine Tür schlägt zu. Ein Paar Wortfetzen klappern durchs Haus, ein paar Autos brummen die nahe Straße ab - und drüben auf der anderen Seite, im Hof des Bauern Abätsche, brüllt eine Kuh, weil sie nicht zum Schlachthof will.

Fantasie ist eine mit Vorstellungskraft durchwirkte Erfahrung, sinniert der Bildungsonkel in Leimels abstraktem Ballon, als ihn endlich das brennende Laken in den Leib zurückholte, er mit einer Spur Gewalttätigkeit die Ausbreitung des Brandes zu hindern suchte - zunächst mit den falschesten Mitteln wie einer Kunststoffdecke. Oder er riss das Fenster auf, weil er Luft schnappen wollte: dadurch bekamen die Flammen erst ihren guten Drive... dennoch, er schaffte es. Unter zwei 100er Packen DIN A1 Zeichenkarton, der Bogen zu achtmarkneunzig, erstickte das Feuer. Er kippte noch zwei Eimer Wasser drauf und verfluchte sich selbst Erfahrung, erinnerte Leimels Onkel, die sich im Nichterforschten erweitert. Erforscht sie das Nichterforschte Klammer auf: Neugier Klammer zu ist sie mehr als eine von Vorstellungskraft durchwirkte #Erfahrung: Fantasie.

- Nun hab ich’s schrie Leimel - ein kaputter Reizverschluss macht nach unten auf, wenn er nach oben zumacht. Schlimmer wird’s, wenn er hakt. Womöglich sind Haare eingeklemmt. Noch schlimmer ist’s, wenn gar kein Reiz zu verschlissen war. Dann hilft nur noch Fantasie... vielleicht ein Kanumarkt in Minnesota am stillen Lake Priririh. Ein heller Spiegel bis zum Horizont rechts. Braunes Gras bis zum Horizont links. Es ist Sommer. Ein Riesenhimmel für zwei bis drei Minnesotas und darunter eine Gruppe Häuser am Ufer. Eine Gruppe Menschlein in Grüppchen. Dazwischen noch Hunde von diesem und jenem Nachbarn. Ein paar Trucks auf der einzigen Straße und vorne am Bootssteg der Dicke aus Hawaii (keine Ahnung, wo ich herkomm) in seiner Schar junger Kanus, die keiner Kaufen will.

- Früher gingen die Segelboote brummte er in sein Stoppelkinn aber ohne Beine kannste nich schwimmen. Heute fliegen se nach sechs Pint rum. Bei klarem Verstand musste verruckt sein - siehste den Maler dahinten, auf der Landzunge - ja? Der malt den Himmel, der sich im Wasser spiegelt, meinst du. Der malt immer ’n Stück Heide dran. Ich frag dich, wo gibt’s hier Heide? frag ich dich. Der drehte den Kopf über die Schulter, als ich mal hinter ihm stand, und wie er ihn drehte, wie’n Sektkorken im Gebüsch die Nase. Er sagte: morgen ist Eastside dran New York mal was anderes....
mein Gott, stöhnst du, was für ’ne Scheiß-Fantasie, sollte das mehr sein als bildliches Denken? Viel mehr, sag ich dazu, das ist der Typ dort als Rahmen. Du machst nur noch das Gesicht rein. Mein Gott, stöhnst du, lauter jetzt, ich mein doch dich Arschloch, was hast du für’ne Scheiß-Fantasie!!!

Hier hielt Leimel inne. Er fühlte sich ertappt. Ich muss zurückschalten, sinnierte er, bevor ich ganz von der Strecke bin. Dabei such ich nur nach dem Faden. Er kicherte und gab Gas. Im Rückspiegel brannte das haus. War doch nicht aus.
Das leben verraucht in versicherten Schwaden, sang er dahin. Vor sich sah er eine buschig gesäumte Straße, hinter der sich die große Welt verbarg (das kann er nicht wissen)

- Ich drehe den Kopf zu dir oder du drehst den Kopf zu mir? fragt er sich, wart mal, ich nehm den Fuß vom Gas. Jetzt ist das Bein locker. Du kannst Kommen - brumm brumm, gleich sind wir da.

- Vielleicht versuch ich’s mal andersrum sprach Leimel zum Lenkrad. Sein Auto rollte auf dem knirschenden Splitter aus. Erst jetzt merkte er, dass der Fahrweg 3-spurig war, er jedoch auf der 4. stand - nicht befahrbar. Neben ihm jaulte der gigantische Motor der fließenden Zeit.

Doch zwischen den Büschen ist Auszeit

und weiter hindurch tappte Leimel der Stille entgegen, einer riesig leeren Arena, die wie ein tiefgerittener hohler Ball durch das gleißende Licht flog.

- Na, wenn das nicht die große Welt ist schwärmte Leimel.
Wär da nicht das Kind gewesen, das Kopf und Arme auf den Stacheldraht gelegt, ihn neugierig anstarrte.

- Siehste mich noch fragte es - biste raus aus Afrika? Kletter rüber, wir ham schon auf dich gewartet.
Und es sprang hurtig vor ihm her, den Gang zwischen den tausend Sitzreihen hinunter, dem noch blasgrün entfernten Spielplatz entgegen ...

- Auf mich gewartet? rief er.

- Natürlich rief es zurück im Sprung heute is letzter Tag, morgen is Käsig dran.

- Versteh kein Wort brummte Leimel.
Doch das Kind drehte sich um und wippte ein paar Stufen weiter hinab.

- Käsig is nach Katze Haukiss dran rief es - Katze Haukiss und Schinker Tom. Katze Haukiss is Schlachter und Schinker Tom der Schnitzelbäcker. Wir ham schon den ganzen Tag auf dich gewartet. Es hüpfte drei Stufen weiter, stoppte, drehte sich wieder - wenn du nix von Katze Haukiss weißt, ziehn wir dich halb ab und wenn du kein Schnitzel ,magst, hast du ganz verlorn

- Was für ’ne Logik is das denn ? fragte Leimel.
Doch das Kind, ein Mädchen, welches schon gut hüpfen und springen konnte, hüpfte schweigend ins grüne Feld, ehe es sich um sich selbst drehte und ihn winkend zu sich lockte.

- Hier wärn wir sagte es und drehte aus dem Stand eine Pirouette. Das Röckchen flatterte, die Ärmchen schwangen, die Hände tanzten und Leimel zerfloss in der magischen Sonne. So geht’s auch nicht, dachte er und rettete sich durch einen Sprung auf die 3. Sitzreihe, 4.Platz links.
Er breitete die Arme aus.

- Eines sage ich euch rief er Schinker Tom sei mein Zeuge...

- Du kannst leiser werden unterbrach ihn das Mädchen - hier sind alle Augen auf dich gerichtet, oben is das Spindkind und horcht.

- Wer soll das wieder sein? schimpfte Leimel. Er hatte noch mit sich selbst zu tun. Er fasste sich n die Hosennaht, die zu platzen droht. - Entweder alles oder nichts rief er.

- Wir hören sagte das Mädchen. Es saß mit ausgebreitetem Röckchen im Gras wie eine Glucke auf einem Haufen Küken. Eines blinzelte ihm zu, so schien ihm. Ein anderes hob mit rosig geöffnetem Schnäbelchen einen Rockzipfel hoch.

- Rot ist die Robe sprach Leimel, - und Schinker Tom war’s, der sie trug.

- Prima! rief das Mädchen. Es patschte die Händchen, - ein roter Bäcker..hi, hi.

- Er war schon vor dem 134. Konflikt ein reicher Mann rief Leimel. Er war etwas alarmiert. Was für einen Faden hatte er da in der Hand. Ach ja - die Hosennaht.

- Wer? rief das Mädchen; es sang fast - wer gibt mir alles, wer wer wer?

- jetzt die Knochen her...

- Schinker Tom war schon vor dem 134. Konflikt ein reicher Mann wiederholter Leimel pathetisch.
Er wurde laut: In seinen Stuben saßen die Bodyguards auf seidenen Kissen. Draußen im Garten entließen Heerscharen steinerner Jungfrauen traubengefärbte Bächlein in einen runden Teich, über den sich zwei gewaltige Weiden beugten. Darunter lagerte häufig eine frohe Gesellschaft am Ufer mit Blick auf einimposantes Gebäude, das wie ein Rokokoschnitzel in den sanften Hügeln lag. Leimel holte tief Luft:

- Erker und Zinnen auf runden Brüsten zwischen ründelnden Ecken mit Schalmeien spielenden nackten Kindern. Jede Kurve ein Streifschuss und jede Bucht ein Aderlass - sonnenrot auf Ockerriesen - Umbra in den feuchtesten Tiefen.
Von hier aus, so schien’s, war’s nur ein Katzensprung bis zur Levante, wo Bacchus so mal eben die Sonne austrank.

- Da haben wir’s wieder fiel Leimel auf, jeder Ansatz ein Aderlass, der auf den roten Teppich tropft. Ich muss unbedingt ein Pferdchen satteln, auf dem ich von Montana bis Billerbeck reiten kann - eine Struktur, die ich heirate - ein Pferdchen für die Liebe zum Beruf. Dann lass ich uns sponsern und unsere Kinder kriegen alle zehn Minuten die Spontaneität ausgewechselt.

- Ist das echt oder Schmarren ? murmelte Leimel übern Bauch. Er schämte sich etwas. Immer noch turnten zwei bis drei seiner Seelen in der Arena herum. Er kratzte sich an den Eiern und zupfte daran. Er war nackt. Er machte einen Affen. - Das ist Schöne Affen machen sagte er zum großen Spiegel, - wenn du die Knie langsam aufschiebst wie ein Hummer seine Scheren. Wenn du dich vorbeugst, nach der Tasse Kaffee greifst, den Schlitz zwischen deinen Brüsten zeigst, deine Apfelbirnen schaukeln sachte in dem roten kurzen Kleid... wie es sich wölbt und reckt und in die Kurven schmiegt und spannt, wenn deine Knie die Schenkel öffnen - die Innenseiten wie ein heller Pfeil zum dunklen Bauch der Feen.... ach...

- So, so - so ist also das, was du drauf hast, wenn du mich nicht drunter hast seufzte sie. Sie dachte gerade daran, ihre Glühbirnen zu nippeln, weil nix da war außer diesem Maul der Töne.

- Liegst da und reibst dir Falten in den Sack maulte sie - mach ran, sonst beiß ich ab.

Aufgeschreckt und doch etwas erfreut gab Leimel dieser neuesten Realität nach. Doch er blieb dem großen Zeh des heiligen Geistes verbunden (vermutlich wird er bis zum letzten Atemzug daran lutschen). Sein nächster Spruch war zwar auch nur Mist, doch einer, er noch dampft.

- Hier bin ich - mach mir Platz tönte er, - wo ist mein Bein? ach hier - was steht denn da? mein Schatz?
Nun - sie ist eine selbständige Frau. Es fiel ihr leicht, auf sein Geschrammel so einzugehen, dass er sie auch verstand.

- Lieber Gott betete sie laut und ungeduldig - mach mich fromm, dass ich an den Pimmel komm.

Und da ihm das rhythmisch vorkam, fühlte er sich wie der Typ auf der Zielgeraden , der neulich bis zum Umfallen auslief.

- Da fass ich zu schrie Leimel - und dir ganz nah, schrie er - bin ich schon da - aha aha ahaah...

 

© Josef Butke  │ Webdesigner: Michael Janik