Post von Prostata:

Leimel hatte wieder mal den Faden
verloren. Gedankenvoll paffend lag er auf
dem Bett. Sicher hör ich bald auf zu
rauchen, fiel ihm ein. Aber ihm fielen auch
1000 weiter Sachen und Dinge ein. Eine
Zeitlang gab er sich einige Müh, Sachen und
Dinge voneinander zu scheiden. Doch ohne
Faden kannst du keine Geschichte stricken;
doch ohne Sacharbeit kannst du keine Dinge
benennen... was einander bedingt, schiebt
den Karren rein oder raus usw.
Wenn es schon so weit war, dass er die
Beschreibung der Wirklichkeit in das
Philosophische Gästebett zu packen
versuchte, ging ihm meistens die Puste aus.
Da lag er mit geschlossenen Augen und spulte
den inneren Dialog in den nächsten Traum.
Oder wartete einfach auf den heiligen Geist.
Inzwischen brennt die Zigarette ein Loch in
das Laken. Eine Tür schlägt zu. Ein Paar
Wortfetzen klappern durchs Haus, ein paar
Autos brummen die nahe Straße ab - und
drüben auf der anderen Seite, im Hof des
Bauern Abätsche, brüllt eine Kuh, weil sie
nicht zum Schlachthof will.
Fantasie ist eine mit Vorstellungskraft
durchwirkte Erfahrung, sinniert der
Bildungsonkel in Leimels abstraktem Ballon,
als ihn endlich das brennende Laken in den
Leib zurückholte, er mit einer Spur
Gewalttätigkeit die Ausbreitung des Brandes
zu hindern suchte - zunächst mit den
falschesten Mitteln wie einer
Kunststoffdecke. Oder er riss das Fenster
auf, weil er Luft schnappen wollte: dadurch
bekamen die Flammen erst ihren guten
Drive... dennoch, er schaffte es. Unter zwei
100er Packen DIN A1 Zeichenkarton, der Bogen
zu achtmarkneunzig, erstickte das Feuer. Er
kippte noch zwei Eimer Wasser drauf und
verfluchte sich selbst Erfahrung, erinnerte
Leimels Onkel, die sich im Nichterforschten
erweitert. Erforscht sie das Nichterforschte
Klammer auf: Neugier Klammer zu ist sie mehr
als eine von Vorstellungskraft durchwirkte
#Erfahrung: Fantasie.
- Nun hab ich’s schrie Leimel - ein
kaputter Reizverschluss macht nach unten
auf, wenn er nach oben zumacht. Schlimmer
wird’s, wenn er hakt. Womöglich sind Haare
eingeklemmt. Noch schlimmer ist’s, wenn gar
kein Reiz zu verschlissen war. Dann hilft
nur noch Fantasie... vielleicht ein
Kanumarkt in Minnesota am stillen Lake
Priririh. Ein heller Spiegel bis zum
Horizont rechts. Braunes Gras bis zum
Horizont links. Es ist Sommer. Ein
Riesenhimmel für zwei bis drei Minnesotas
und darunter eine Gruppe Häuser am Ufer.
Eine Gruppe Menschlein in Grüppchen.
Dazwischen noch Hunde von diesem und jenem
Nachbarn. Ein paar Trucks auf der einzigen
Straße und vorne am Bootssteg der Dicke aus
Hawaii (keine Ahnung, wo ich herkomm) in
seiner Schar junger Kanus, die keiner Kaufen
will.
- Früher gingen die Segelboote brummte er
in sein Stoppelkinn aber ohne Beine kannste
nich schwimmen. Heute fliegen se nach sechs
Pint rum. Bei klarem Verstand musste
verruckt sein - siehste den Maler dahinten,
auf der Landzunge - ja? Der malt den Himmel,
der sich im Wasser spiegelt, meinst du. Der
malt immer ’n Stück Heide dran. Ich frag
dich, wo gibt’s hier Heide? frag ich dich.
Der drehte den Kopf über die Schulter, als
ich mal hinter ihm stand, und wie er ihn
drehte, wie’n Sektkorken im Gebüsch die
Nase. Er sagte: morgen ist Eastside dran New
York mal was anderes....
mein Gott, stöhnst du, was für ’ne
Scheiß-Fantasie, sollte das mehr sein als
bildliches Denken? Viel mehr, sag ich dazu,
das ist der Typ dort als Rahmen. Du machst
nur noch das Gesicht rein. Mein Gott,
stöhnst du, lauter jetzt, ich mein doch dich
Arschloch, was hast du für’ne
Scheiß-Fantasie!!!
Hier hielt Leimel inne. Er fühlte sich
ertappt. Ich muss zurückschalten, sinnierte
er, bevor ich ganz von der Strecke bin.
Dabei such ich nur nach dem Faden. Er
kicherte und gab Gas. Im Rückspiegel brannte
das haus. War doch nicht aus.
Das leben verraucht in versicherten
Schwaden, sang er dahin. Vor sich sah er
eine buschig gesäumte Straße, hinter der
sich die große Welt verbarg (das kann er
nicht wissen)
- Ich drehe den Kopf zu dir oder du
drehst den Kopf zu mir? fragt er sich, wart
mal, ich nehm den Fuß vom Gas. Jetzt ist das
Bein locker. Du kannst Kommen - brumm brumm,
gleich sind wir da.
- Vielleicht versuch ich’s mal andersrum
sprach Leimel zum Lenkrad. Sein Auto rollte
auf dem knirschenden Splitter aus. Erst
jetzt merkte er, dass der Fahrweg 3-spurig
war, er jedoch auf der 4. stand - nicht
befahrbar. Neben ihm jaulte der gigantische
Motor der fließenden Zeit.
Doch zwischen den Büschen ist Auszeit
und weiter hindurch tappte Leimel der Stille
entgegen, einer riesig leeren Arena, die wie
ein tiefgerittener hohler Ball durch das
gleißende Licht flog.
- Na, wenn das nicht die große Welt ist
schwärmte Leimel.
Wär da nicht das Kind gewesen, das Kopf und
Arme auf den Stacheldraht gelegt, ihn
neugierig anstarrte.
- Siehste mich noch fragte es - biste
raus aus Afrika? Kletter rüber, wir ham
schon auf dich gewartet.
Und es sprang hurtig vor ihm her, den Gang
zwischen den tausend Sitzreihen hinunter,
dem noch blasgrün entfernten Spielplatz
entgegen ...
- Auf mich gewartet? rief er.
- Natürlich rief es zurück im Sprung
heute is letzter Tag, morgen is Käsig dran.
- Versteh kein Wort brummte Leimel.
Doch das Kind drehte sich um und wippte ein
paar Stufen weiter hinab.
- Käsig is nach Katze Haukiss dran rief
es - Katze Haukiss und Schinker Tom. Katze
Haukiss is Schlachter und Schinker Tom der
Schnitzelbäcker. Wir ham schon den ganzen
Tag auf dich gewartet. Es hüpfte drei Stufen
weiter, stoppte, drehte sich wieder - wenn
du nix von Katze Haukiss weißt, ziehn wir
dich halb ab und wenn du kein Schnitzel
,magst, hast du ganz verlorn
- Was für ’ne Logik is das denn ? fragte
Leimel.
Doch das Kind, ein Mädchen, welches schon
gut hüpfen und springen konnte, hüpfte
schweigend ins grüne Feld, ehe es sich um
sich selbst drehte und ihn winkend zu sich
lockte.
- Hier wärn wir sagte es und drehte aus
dem Stand eine Pirouette. Das Röckchen
flatterte, die Ärmchen schwangen, die Hände
tanzten und Leimel zerfloss in der magischen
Sonne. So geht’s auch nicht, dachte er und
rettete sich durch einen Sprung auf die 3.
Sitzreihe, 4.Platz links.
Er breitete die Arme aus.
- Eines sage ich euch rief er Schinker
Tom sei mein Zeuge...
- Du kannst leiser werden unterbrach ihn
das Mädchen - hier sind alle Augen auf dich
gerichtet, oben is das Spindkind und horcht.
- Wer soll das wieder sein? schimpfte
Leimel. Er hatte noch mit sich selbst zu
tun. Er fasste sich n die Hosennaht, die zu
platzen droht. - Entweder alles oder nichts
rief er.
- Wir hören sagte das Mädchen. Es saß mit
ausgebreitetem Röckchen im Gras wie eine
Glucke auf einem Haufen Küken. Eines
blinzelte ihm zu, so schien ihm. Ein anderes
hob mit rosig geöffnetem Schnäbelchen einen
Rockzipfel hoch.
- Rot ist die Robe sprach Leimel, - und
Schinker Tom war’s, der sie trug.
- Prima! rief das Mädchen. Es patschte
die Händchen, - ein roter Bäcker..hi, hi.
- Er war schon vor dem 134. Konflikt ein
reicher Mann rief Leimel. Er war etwas
alarmiert. Was für einen Faden hatte er da
in der Hand. Ach ja - die Hosennaht.
- Wer? rief das Mädchen; es sang fast -
wer gibt mir alles, wer wer wer?
- jetzt die Knochen her...
- Schinker Tom war schon vor dem 134.
Konflikt ein reicher Mann wiederholter
Leimel pathetisch.
Er wurde laut: In seinen Stuben saßen die
Bodyguards auf seidenen Kissen. Draußen im
Garten entließen Heerscharen steinerner
Jungfrauen traubengefärbte Bächlein in einen
runden Teich, über den sich zwei gewaltige
Weiden beugten. Darunter lagerte häufig eine
frohe Gesellschaft am Ufer mit Blick auf
einimposantes Gebäude, das wie ein
Rokokoschnitzel in den sanften Hügeln lag.
Leimel holte tief Luft:
- Erker und Zinnen auf runden Brüsten
zwischen ründelnden Ecken mit Schalmeien
spielenden nackten Kindern. Jede Kurve ein
Streifschuss und jede Bucht ein Aderlass -
sonnenrot auf Ockerriesen - Umbra in den
feuchtesten Tiefen.
Von hier aus, so schien’s, war’s nur ein
Katzensprung bis zur Levante, wo Bacchus so
mal eben die Sonne austrank.
- Da haben wir’s wieder fiel Leimel auf,
jeder Ansatz ein Aderlass, der auf den roten
Teppich tropft. Ich muss unbedingt ein
Pferdchen satteln, auf dem ich von Montana
bis Billerbeck reiten kann - eine Struktur,
die ich heirate - ein Pferdchen für die
Liebe zum Beruf. Dann lass ich uns sponsern
und unsere Kinder kriegen alle zehn Minuten
die Spontaneität ausgewechselt.
- Ist das echt oder Schmarren ? murmelte
Leimel übern Bauch. Er schämte sich etwas.
Immer noch turnten zwei bis drei seiner
Seelen in der Arena herum. Er kratzte sich
an den Eiern und zupfte daran. Er war nackt.
Er machte einen Affen. - Das ist Schöne
Affen machen sagte er zum großen Spiegel, -
wenn du die Knie langsam aufschiebst wie ein
Hummer seine Scheren. Wenn du dich
vorbeugst, nach der Tasse Kaffee greifst,
den Schlitz zwischen deinen Brüsten zeigst,
deine Apfelbirnen schaukeln sachte in dem
roten kurzen Kleid... wie es sich wölbt und
reckt und in die Kurven schmiegt und spannt,
wenn deine Knie die Schenkel öffnen - die
Innenseiten wie ein heller Pfeil zum dunklen
Bauch der Feen.... ach...
- So, so - so ist also das, was du drauf
hast, wenn du mich nicht drunter hast
seufzte sie. Sie dachte gerade daran, ihre
Glühbirnen zu nippeln, weil nix da war außer
diesem Maul der Töne.
- Liegst da und reibst dir Falten in den
Sack maulte sie - mach ran, sonst beiß ich
ab.
Aufgeschreckt und doch etwas erfreut gab
Leimel dieser neuesten Realität nach. Doch
er blieb dem großen Zeh des heiligen Geistes
verbunden (vermutlich wird er bis zum
letzten Atemzug daran lutschen). Sein
nächster Spruch war zwar auch nur Mist, doch
einer, er noch dampft.
- Hier bin ich - mach mir Platz tönte er,
- wo ist mein Bein? ach hier - was steht
denn da? mein Schatz?
Nun - sie ist eine selbständige Frau. Es
fiel ihr leicht, auf sein Geschrammel so
einzugehen, dass er sie auch verstand.
- Lieber Gott betete sie laut und
ungeduldig - mach mich fromm, dass ich an
den Pimmel komm.
Und da ihm das rhythmisch vorkam, fühlte er
sich wie der Typ auf der Zielgeraden , der
neulich bis zum Umfallen auslief.
- Da fass ich zu schrie Leimel - und dir
ganz nah, schrie er - bin ich schon da - aha
aha ahaah...
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